Publizisten antworten KRESS: Wie steht es um die Pressefreiheit in Deutschland?

 

Von Roland Tichy über Barbara Brandstetter (Foto) bis hin zu Hugo Müller-Vogg, Georg Löwisch, Christian Nürnberger, Richard Kiessler, Karin Nink oder Wolfram Weimer - KRESS hat mit zahlreichen deutschen Publizisten über die Situation der Pressefreiheit gesprochen. Das Ergebnis ist längst nicht so eindeutig wie erhofft.

Wird in Deutschland die Pressefreiheit eingeschränkt? Und wer schränkt sie überhaupt ein? Oder sorgen die Medien am Ende sogar selber dazu, dass die Pressefreiheit in Mitleidenschaft gesorgt wird, weil in den Reaktionen Tag für Tag so viel auf den Tischen landet und bearbeitet werden muss, dass Journalisten kaum noch Zeit haben, intensiv zu recherchieren?

Die Beziehung der Medien zu ihren Nutzern wird immer komplizierter. Es gibt Menschen, die vertrauen Fake-Nachrichten mehr als den Machern von traditionellen Medien. Wie kommt das? Was ist eigentlich mit der Nähe zu den Personen, den Politikern und Wirtschaftsbossen, über die Tag für Tag berichtet wird? Ist die gut? Oder schlecht? Lassen sich Journalisten von zu viel Nähe korrumpieren? Aber muss man nicht möglichst nah an den Protagonisten sein, über die man berichtet? Und was ist eigentlich mit so Elite-Clubs wie der Atlantikbrücke?

KRESS ist der Frage nachgegangen und hat mit Publizisten in Deutschland gesprochen: Wie steht es um die Pressefreiheit in Deutschland?

Der Publizist Alan Posener zum Beispiel, Autor der "Welt", sagt: "Nein. Es gibt eine Überlastung, die sich auf die Qualität des Journalismus auswirken kann. Aber das hat nichts mit der Pressefreiheit zu tun."

Für Roland Tichy, Herausgeber von "Tichys Einblick", steht fest: "Es ist eine Frage der Haltung. Und ganz ehrlich: Mich kotzt diese Weinerlichkeit an. Noch nie war es so leicht möglich, kritischen Journalismus zu betreiben wie heute. Man muss es sich nur trauen, und nicht jammern."

Markus Knall, Chefredakteur von Merkur.de und tz.de, sagt: "Nichts korrumpiert so sehr wie Nähe. Auf der anderen Seite bringt Nähe exklusive Informationen. Journalisten müssen abwägen. Allerdings sinkt in der digitalen Welt der Wert des Exklusiven. Exklusivität im Sinne von "der erste sein" ist in der digitalen Welt tot. Was bleibt, ist die Gegenleistung, die man für die Infos bringen muss."

"taz"-Chefredakteur Georg Löwisch warnt: "Die Erzählung von den Medien, die angeblich gleichgeschaltet sind oder sich angeblich selbst gleichschalten, ist ein rechter Spin. Die Mär vom angeblich linksliberalen Mainstream hilft der AfD. Wie war es denn in der ach so guten alten Zeit der Bonner Republik? Damals speiste sich die Berichterstattung doch aus weniger Quellen als heute. Da haben viele Zeitungen überwiegend dpa-Nachrichten gedruckt, in Bonn steckten Korrespondenten gern nach dem Pressefrühstück die Köpfe zusammen und jeden Montagmorgen schauten alle ehrfürchtig in den "Spiegel", ob der etwas Neues in den Kreislauf reingibt. Im Vergleich dazu kann ich nicht erkennen, dass die Medien sich heute einander stärker gleichen."

Der Publizist Dr. Hugo Müller-Vogg, früher Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", sagt: "Zu große Nähe und zu geringe Distanz sind die beiden Pole, zwischen denen sich jeder Journalist bewegt. Wer seine Seele aufgrund zu großer Nähe verkauft, kommt seinen beruflichen Pflichten nicht nach, gefährdet aber nicht generell die Pressefreiheit. Ich würde mir wünschen, dass Verlage grundsätzlich die Kosten selbst tragen, wenn Unternehmen zu Informationsreisen usw. einladen. Das würde manchen Kollegen, manche Kollegin nicht so sehr in Versuchung führen, als "Dankeschön" für eine Luxusreise eine Wohlfühlstory zu schreiben. In der Politik wird die Distanz nach meinen Beobachtungen immer geringer. Wenn ich sehe, wie viele Hauptstadtjournalisten mit Politikern und Pressesprechern per Du sind und auch privat häufig Kontakt haben, stimmt das bedenklich."

Chefredakteur Tom Strohschneider von "Neues Deutschland" erklärt: "Wenn man über die Bedrohung für die Pressefreiheit reden will, kann man aber von den "inneren Gründen" dafür nicht schweigen: Die ökonomische Lage des Mediensektors hat zu Kosteneinsparungen bei der journalistischen Arbeit geführt, Redaktionen kaufen Teile der Berichterstattung hinzu, es entstehen rein betriebswirtschaftlich gedachte Contentcluster, es fehlt an Rechercheressourcen - die Folge: eine Tendenz zur inhaltlichen Vereinheitlichung, abnehmende Vielfalt, kurzum: weniger "Vierte Gewalt". Eine zweite "innere" Bedrohung: Wir bewegen uns viel zu oft in erregungsökonomisch funktionierenden Aufmerksamkeitszyklen und einer Art selbstbezüglichen "medialen Blase". Wo ruhige Analyse, tiefe Recherche, Einbettung in Hintergründe nötig wäre, dominiert zu oft das Rattenrennen der Eilmeldungen, exklusiven Vorabs und "thematischen Säue", die durchs Dorf getrieben werden - und kurz darauf vom Radar verschwinden."

Michael Klein, Nachrichtenchef "Wetzlarer Neue Zeitung", sagt: "Von einer wirklichen Einschränkung der Pressefreiheit in Deutschland zu sprechen, wäre vermessen angesichts der Situation in anderen Ländern - etwa in Russland oder in der Türkei. Wohl aber gibt es auch in Deutschland immer wieder Versuche interessierter Gruppen, Einfluss auf eine unabhängige Berichterstattung zu nehmen. Das reicht von personell bestens ausgestatteten PR-Abteilungen in Verbänden und Konzern bis hin zu Bürgerinitiativen, die ihre Position nicht ausreichend wiedergegeben sehen. Plumper sind Versuche rechtsextremer und populistischer Kräfte, Einfluss auf die freie Berichterstattung zu nehmen - etwa durch Morddrohungen gegen Journalisten oder durch körperliche Gewalt auf Demonstrationen. Auch das Schlagwort von der "Lügenpresse" dient dem Versuch, unabhängige Berichterstattung in Misskredit zu bringen und gleichzeitig die eigene Meinung über die aller Andersdenkenden zu erheben. Dass damit die Verehrung von Wladimir Putin einhergeht, muss einen nicht wundern: In Russland ist die Pressefreiheit faktisch abgeschafft."

Dr. Christoph Reisinger, Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", macht klar: "Eine wie auch immer geartete Nähe zu Informanten ist an sich niemals das Problem. Gefahr für die Pressefreiheit, zugleich für journalistische Qualität entsteht, wenn es Redakteuren an geistiger Unabhängigkeit mangelt. Wenn Naivität, Dummheit oder ein Mangel an Wahrheitsliebe kritische Distanz zu Quellen verhindern, gerade zu den als sympathisch oder besonders ergiebig empfundenen. Oder wenn Faulheit beziehungsweise Vorurteil den völlig richtigen Grundsätzen unseres Handwerks entgegenstehen, dass eine Geschichte erst dann zur Geschichte wird, wenn ich beide Seiten gehört habe, eine Tatsache erst dann zur Tatsache, wenn ich dafür mindestens zwei voneinander unabhängige Belege habe."

Karin Nink, Chefredakteurin vom "Vorwärts", sagt: "Wer zunehmend unter Leistungsdruck und finanziellem Druck steht, recherchiert weniger und verfolgt zum Beispiel eine Pressekonferenz am Bildschirm statt in dieser Pressekonferenz Fragen zu stellen und damit auch Sachverhalte und Äußerungen zu hinterfragen. Bewertende Positionen zu einem Sachverhalt lassen sich so deutlich weniger stark entwickeln und begründen."

Prof. Dr. Frank Überall, Vorsitzender vom Deutschen Journalisten-Verband, sagt: "Wer kaum noch Zeit zum Recherchieren hat, wird Aussagen womöglich ungeprüft übernehmen. Insgesamt müssen wir uns gesellschaftlich bewusst machen, dass Journalismus nicht zum Nulltarif zu haben ist. Journalistinnen und Journalisten schreiben nicht als Hobby, sondern als Beruf. Sie sind (in der Regel höchst) qualifiziert, haben studiert oder zumindest eine ziemlich lange Ausbildung genossen. Wenn das im wahrsten Sinne des Wortes nicht honoriert wird, sondern redaktionelle Mitarbeiter aus Kostengründen als Contentproduzenten am Fließband eingesetzt werden, hat das dramatische Auswirkungen auf die Pressefreiheit und damit letztlich auf den Fortbestand unserer Demokratie."

Ulrich Janßen, Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, erklärt: "Eine Redaktion muss unabhängig von äußeren Einflüssen ihre Arbeit tun können. Um diese Unabhängigkeit sicher zu stellen, müssen nicht nur die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen stimmen, sondern es müssen auch genug Menschen an Bord sein, die recherchieren, analysieren, kommentieren. Wir erleben oft, dass Material aus Pressestellen da in den Medien unhinterfragt übernommen wird, wo Stellen abgebaut wurden und die Kolleginnen und Kollegen mit weniger Personal mehr Vertriebswege bespielen müssen. Dem müssen die Verlage entgegen wirken, damit sie das Pfund, mit dem sie wuchern können, das Vertrauen in die Arbeit der Redaktion, nicht gefährden. Das heißt: Mehr Menschen in den Redaktionen, bessere Bedingungen für Freie sowie regelmäßige Weiterbildungsangebote schützen."

Dr. Richard Kiessler, ehemaliger Chefredakteur von "Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung", warnt: "Die Attitüde von Journalisten, möglichst auf der "richtigen Seite" zu stehen und bloß nicht anzuecken, ist einerseits der Bequemlichkeit geschuldet. Andererseits spiegelt sie in vielen Fällen die bedrängte Arbeitssituation von Journalisten wider. Es geht um Ängste um den (befristeten) Arbeitsplatz oder um die systematische personelle Ausdünnung von selbständigen Redaktionen. Diese Alarmsignale stellen eine Bedrohung der Pressefreiheit dar."

Thomas Hauser, seit dem 1. Oktober 2016 Herausgeber der in Freiburg erscheinenden "Badischen Zeitung", sagt: "Wir jammern da auf einem hohen Niveau. Auch wenn das Klima hierzulande ebenfalls rauer geworden ist, die meisten Journalisten in anderen Ländern würden sich freuen, unsere Sorgen zu haben. Am ehesten beschäftigt mich die Frage, wie wir die finanzielle Basis erhalten, um unsere Arbeit gut machen zu können."

Für Prof. Dr. Barbara Brandstetter von der Hochschule Neu-Ulm steht fest: "Zu große Nähe zu den Quellen ist ein fortdauerndes Problem für die Pressefreiheit. Viele Wirtschaftsjournalisten neigen dazu, sich unkritisch dem Gegenstand ihrer Berichterstattung zu widmen oder im Laufe der Zeit die Distanz zu verlieren. Die zu große Nähe zu Informanten wurde dem Wirtschaftsjournalismus in jüngster Zeit mehrfach zum Verhängnis."

Wolfram Weimer, Christian Nürnberger und Stefan Bergmann haben sich in Form von Essays mit den kress.de-Fragen beschäftigt.

So schreibt Wolfram Weimer, Herausgeber von "The European": "Unser heutiges Problem mit der Pressefreiheit ist ein anderes. Wir sind es selbst, die die Pressefreiheit schwächen, weil wir sie nicht nutzen. Wir verfallen zu häufig in Mehrheitsmeinungen, Selbstzensur und Opportunismus, und einige von uns verstehen sich als Lobbyisten des Guten. Das aber ist ein Fehler und untergräbt die Pressefreiheit von innen heraus."

Publizist und Buchautor Christian Nürnberger hält fest: "Behindert wird die Ausübung des Rechts auf Pressefreiheit schon immer von der Macht des großen Geldes, der Macht der Lobbyisten und von Pressefreiheitsverhinderungs-Profis, die sich Pressesprecher oder PR-Chef nennen und recherchierende Journalisten nach allen Regeln der Kunst austricksen durch die Strategien des Eigenlobs, Beschönigens, Beschwichtigens, Vertuschens, Leugnens bis hin zum professionellen Lügen."

Stefan Bergmann, Chefredakteur der "Emder Zeitung", wird nachdenklich: "Für eine wirkungsvolle Zensur braucht es aber keine Behörden. Welcher Lokaljournalist wagt es denn, den Bericht über Verein XY nicht zu drucken - wenn er weiß, dass der Vorsitzende sofort mit Abokündigungen en masse droht? Die schlechte wirtschaftliche Situation vieler Blätter zwingt zu faulen Kompromissen, zu Gefälligkeiten - zur Selbstzensur."

Wie steht es denn um die Situation der Pressefreiheit bei Ihnen in der Redaktion? Schreiben Sie uns! Sie erreichen kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük per Email unter chefredaktion(at)newsroom.de. Hier geht es zum Kontakt per Facebook, und hier auf Twitter.

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