Magazin-Vordenker: Warum Tyler Brûlé skeptisch ist, was die Digitalisierung angeht

21.11.2016
 

Tyler Brûlé, "Monocle"-Verleger und einer der Vordenker des Magazinjournalismus weltweit, glaubt, dass wir uns in einer Zeit der Marktberuhigung befinden, was die Digitalisierung im Journalismus angeht. "Digital gibt es einfach zu wenig Geld zu verdienen: Es ist teuer, digital zu publizieren, und es ist in vielen Fällen ein Zuschussgeschäft", so Brûlé.

"Viele denken, ich muss nur ein PDF produzieren und fertig ist die Digitalisierung. Aber es ist viel komplizierter. Ich brauche einen Film, einen Podcast. Wenn es jedoch kaum Erlöse bringt, können Sie das abhaken", sagt Tyler Brûlé im Interview mit "kress pro" (Ausgabe 2016/#09). Brûlé ist überzeugt, dass wir in der Digitalisierung im Journalismus langsam an ein Ende der Entwicklung kommen.

Der Verleger, der in Kanada aufgewachsen ist und estnische Wurzeln hat, glaubt "all diesen Reports" nicht, die ein großes Geschäft mit Onlinewerbung versprechen würden: "Sehen Sie sich doch mal die Autoindustrie an und die Fluglinien. Sie wollen bei Print dabei sein. Das ist der 'Place to be'. Und Sie werden keine großen Luxusgüter-Firmen sehen, die in derselben Weise digital ihre Anzeigen schalten, wie sie mit ihrer Werbung in Printprodukte investieren."

Im "kress pro"-Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük singt Brûlé auch das Hohelied auf den Kiosk: "Wir werden zu einer Gesellschaft, in der jedes Produkt, jeder Service bis nach Hause in die eigenen vier Wände geliefert wird. Als Menschen, die den Kontakt zu anderen Menschen brauchen, brauchen wir Räume, wo wir hinkönnen und andere Menschen treffen können. Und da fällt mir kein schönerer, inspirierender Ort als ein Zeitschriftenladen ein." Das bedeute aber natürlich, dass Kioske sich modernisieren müssten und ihre Produkte besser inszenieren müssten. Deutsche Zeitschriftenläden hätten fast immer eine tolle Auswahl und seien sehr international. Allein die schiere Zahl neuer Produkte machten sie zu einem der interessantesten Plätze, an denen man sich aufhalten könne, so Brûlé.

Ein modernes Magazin hat für Brûlé, der der "FAZ" gerade bei der Entwicklung von "Quarterly" half, die Funktion der Reflexion: "Wir wollen uns wieder auf das Lesen konzentrieren und nicht von elektronischen Geräten ablenken lassen."

kress.de-Tipp: Was Tyler Brûlé jungen Herausgebern für ein Geschäftsmodell empfiehlt, warum er deutschen Verlegern mehr Furchtlosigkeit rät, und was es mit seiner neuesten Erfindung, dem "Kioskafé", auf sich hat, steht in "kress pro" (Ausgabe 2016/#09). Das Magazin für Führungskräfte bei Medien erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Zur "kress pro"-Einzelheftbestellung. Zum Abo. "kress pro" gibt es auch im iKiosk.

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