Was tun, wenn mein Mitarbeiter nicht sachlich bleiben will? Die Job-Kolumne von Mediencoach Attila Albert

 

Junge Führungskräfte betonen oft zu sehr die intellektuelle Seite der Kommunikation. Doch wer seine Mitarbeiter erfolgreich führen will, kommuniziert in drei Dimensionen, sagt Mediencoach Attila Albert.

Viele junge Führungskräfte, mit denen ich im Lauf der Jahre gearbeitet habe, berichteten mir in unserem ersten Gespräch von einem unangenehmen Moment des Erwachens, der für sie der Grund war, sich beraten zu lassen. Da hatten sie die Universität durchlaufen, Seminare für "High Potentials" besucht und jedes empfohlene Fachbuch gelesen, um danach festzustellen, dass in der Praxis völlig andere Regeln herrschten.

Vor allem eine Situation hinterließ bei ihnen regelmäßig ein eindrückliches Gefühl der Ohnmacht: Vor einem Mitarbeiter zu sitzen, der sich nicht an die Regeln hielt. Plötzlich zu weinen begann oder Vorwürfe zu schreien, sich körperlich bedrohlich aufzurichten oder verzweifelt zusammenzusacken. "Bleib bitte sachlich", hilflos entgegnet, verhallte. Was tun, wenn Sachlichkeit scheitert? Dazu heute einige praktisches Anregungen.

Sehen Sie jeden Menschen in drei Dimensionen

Gerade Führungskräfte mit akademischen Hintergrund, nicht selten selbst in Familien des Bildungsbürgertums aufgewachsen, kommen heute mit einer starke Betonung des Intellekts in ihre erste Position: Zahlen, Fakten, Daten, die unausgesprochene Erwartung, mit "rationell denkenden Menschen" zu tun zu haben, immerhin handelt es sich doch um den Arbeitsplatz und ein Firmenumfeld, in dem scheinbar andere Regeln als im Privatleben gelten.

Diese Sicht ist verständlich, aber zu eindimensional und scheitert in der Praxis oft schon in den ersten Monaten. Bewährt hat sich dagegen, jeden Menschen, auf den Sie treffen, als Wesen mit drei Dimensionen zu begreifen: Körper (physische Ebene), Geist (intellektuelle Ebene) und Seele (emotionale Ebene) - untrennbar verbunden und immer vorhanden. Falls Ihnen das zu esoterisch klingt, stellen Sie sich einfach drei Kommunikationskanäle zwischen Ihnen und Ihrem Gegenüber vor, die immer da sind: Körperlich, geistig und emotional.

Erwarten Sie, dass jede Dimension aktiv ist

Im Beruf nehmen Sie vielleicht anfangs nur die intellektuelle Ebene zwischen sich und Ihrem Mitarbeiter wahr, wenn Sie etwa über ein Projekt diskutieren. Ihnen sollte aber bewusst sein, dass auch die physische und emotionale Ebene immer vorhanden und aktiv sind. Der Mitarbeiter bemüht sich möglicherweise selbst, sie zu verstecken, weil ihm etwas anderes unprofessionell erscheinen würde. Lassen Sie sich davon aber nicht täuschen.

Erwarten Sie immer, dass vor Ihnen ein Mensch mit Körper, Geist und Seele sitzt - nicht nur ein Funktionsträger, den Sie als Ressortleiter, Projektmanager oder anderes angestellt haben. Je eher Sie diese Dreidimensionalität für sich akzeptieren, desto eher werden Ihnen die unzähligen Hinweise dafür auffallen: Körperhaltung und Tonfall, Atmung, Gestik und Mimik, Veränderungen der Haut und des Blicks - all das, was über die reinen Worte hinausreicht.

Kommunizieren Sie in der gleichen Dimension

Der typische Fehler unerfahrener Führungskräfte wurzelt darin, die Dimensionen neben dem Intellekt nicht sehen zu wollen und, wenn der Mitarbeiter doch auf ihnen kommuniziert, ihn dorthin zurückziehen zu wollen. "Bleiben Sie bitte sachlich", ist ein Appell an den Geist, den jemand, der beispielsweise gerade emotionell erregt oder körperlich angespannt ist, gar nicht ausreichend wahrnimmt. Der Ausweg: Kommunizieren Sie in der gleichen Dimension.

Spricht ein Mitarbeiter sachlich mit Ihnen, und das kann auch in einer sehr kritischen oder angespannten Situation der Fall sein, antworten Sie auf der intellektuellen Ebene: Mit einem Hinweis auf Fakten, logischen Einwänden und Entgegnungen. Anders jedoch, wenn der Mitarbeiter Sie erkennbar emotional anspricht: Lachen oder Weinen, Begeisterung oder Vorwürfe. Eine intellektuelle Antwort würde hier im überhört, als kalt oder ausweichend empfunden. Antworten Sie hier auf der emotionalen Ebene, indem Sie beispielsweise als erstes seine Gefühle bestätigen ("Ich sehe, dir geht's gar nicht gut.") und ihm Zeit geben, sie zu durchleben, ehe Sie möglicherweise langsam auf die intellektuelle Ebene wechseln.

Über die körperliche Ebene sind viele Bücher geschrieben worden, die sehr mechanistische Vorschläge machen: Man möge einfach die Körpersprache des Gegenübers imitieren, ihn "spiegeln". Das Problem: Dieser Trick ist manipulativ und leicht durchschaubar. Hier würde ich einfach raten, auf körperliche Signale (z. B. Veränderungen in der Atmung, Haltung, Gesichtsfarbe) zu achten und diese auf sich wirken lassen. Mit ein wenig Sensibilität reagieren Sie von selbst entsprechend, indem Sie Ihre Körpersprache anpassen. Auch hier lassen Sie Ihrem Gegenüber zuerst Zeit in dieser Dimension, ehe Sie vielleicht danach seine emotionale Ebene mit einer Frage erkunden und zuletzt auf die intellektuelle Ebene wechseln.

Kostet das nicht alles viel zu viel Zeit? Nur scheinbar. Führungskräfte im Medienbereich, die selbst einmal Reporter oder Interviewer waren, finden eine gute Analogie in ihren beruflichen Anfängen: Ein erfolgreicher Journalist muss gar nicht bewusst alles registrieren, er spürt unvermeidbar und automatisch, was sein Gegenüber fühlt und ausdrücken möchte. Die gehörten Worte ergänzen den Eindruck und füllen ihn auf. Nicht anders ist es als Führungskraft. Im Coaching üben wir das nicht selten zusätzlich in kleinen Rollenspielen, etwa mit simulierten Dialogen. Ein Nebeneffekt: Wer dreidimensional kommuniziert, ist nicht nur effektiver, sondern lernt auch mehr über sich selbst und ist authentischer.

Zum Autor: Attila Albert (43) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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