Ausbildungsredakteurin Gudrun Bayer über das Zeitungsvolontariat: "Wir müssen mehr für uns werben"

 

Vor einigen Wochen berichtete kress.de über den Frust der Zeitungsvolontäre. Zu wenig Feedback, zu wenig Struktur, lauteten die Vorwürfe. Wie sehen das die Ausbilder? Welche Weichen stellen sie für die Zukunft, was können sie von ihren Volos lernen und wie schaffen sie eigentlich den Spagat zwischen Redaktionsjob und Volontärsanwalt? kress.de-Autorin Anna von Garmissen hat Gudrun Bayer, Betreuerin der Journalistenausbildung bei den "Nürnberger Nachrichten", dazu befragt.

kress.de: Frau Bayer, Sie sind Ressortleiterin bei den "Nürnberger Nachrichten" und gleichzeitig Ausbildungsredakteurin. Wie sieht Ihre Zeiteinteilung aus?

Gudrun Bayer: Einen Zeitschlüssel oder gar Extrastunden für die Volontärsbetreuung gibt es nicht. Ich mache das, was anfällt. Vom Verlag bekomme ich aber alle Unterstützung, die ich brauche. Schön wäre natürlich, wenn mein Ressort zum Beispiel zehn Stunden in der Woche aufgestockt würde, damit ich Zeit für die Volos habe. Ich bin aber auch kein Freund davon, die Volontärsbetreuer vom journalistischen Alltag abzukoppeln. Wer zukünftige Redakteure ausbildet, sollte auch selbst in der Redaktion arbeiten.

kress.de: Gerade läuft der jährliche Volontärskurs in Ihrem Haus. In diesem Jahr tragen erstmals drei Tage davon den Arbeitstitel "Wir spinnen rum". Was spinnen Sie da so?

Gudrun Bayer: Wir probieren zum Beispiel Snapchat, Facebook live, Periscope und was es sonst noch alles gibt. Ein Referent bringt Datenbrillen mit.

kress.de: Wie kamen Sie auf die Idee?

Gudrun Bayer: Wir haben in diesem Jahr eine zwei neue Chefredakteure bekommen, Alexander Jungkunz und Michael Husarek. Im Sommer haben wir uns zusammengesetzt und gemeinsam überlegt, wie wir die Ausbildung zukunftstauglicher machen können. Dabei kamen unter anderem diese drei Tage raus. Parallel dazu habe ich ein neues Ausbildungskonzept entwickelt.

kress.de: Ihre Volontäre bekommen seit diesem Jahr auch Online-Paten. Wie funktioniert das?

Gudrun Bayer: Das ist Teil des neuen Ausbildungskonzepts: Nach dem Grundkurs arbeiten die Volontäre einen Monat lang in der Onlineredaktion. Dort bekommen alle einen Online-Paten. Wenn sie danach wieder in den klassischen Printressorts sind, haben die Volos den Auftrag, alle Themen von Anfang an crossmedial anzugehen - und dabei helfen ihnen die Online-Paten. Bisher läuft es doch oft so: Du gehst erst auf einen Termin und überlegst danach: Was mache ich jetzt daraus? Das soll umgekehrt werden. Die Volos sollen schon sich schon vorher fragen: Für welche Kanäle eignet sich das Thema? Ist es was zum Twittern? Gibt es Bilder für eine Onlinereportage? Bietet sich ein Film an?

kress.de: Immer weniger junge Menschen bewerben sich um ein Zeitungsvolontariat. Die Ausbildung bei einer Regionalzeitung ist für viele nicht mehr attraktiv. Müssen sich auch die Verlage bei den Journalisten bewerben?

Gudrun Bayer: Da ist was dran. Ich glaube, dass wir für unsere wirklich gute Ausbildung ein bisschen mehr Werbung machen müssen. Wir müssen uns auch beim Nachwuchs vorstellen, sei es an Universitäten, sei es auf Veranstaltungen wie den Münchner Medientagen, wo wir dieses Jahr zum ersten Mal mit einem eigenen Stand vertreten waren.

kress.de: Brauchen wir überhaupt noch ein Volontariat?

Gudrun Bayer: Ja, absolut. Es gibt immer wieder Volontäre, die meinen, sie bräuchten den sechswöchigen  Grundkurs nicht, da sie das alles schon an der Uni gelernt hätten. Nein, haben sie nicht. Die Praxis ist etwas ganz anderes. Natürlich sind viele schon vorgebildet. Und ich finde es auch gut, dass man das Volontariat von Anfang an verkürzen kann, wenn ein gewisser Wissensstand da ist.

kress.de: Können Sie mit der Ausbildung höher ansetzen als früher?

Gudrun Bayer: In einigen Bereichen ja, zum Beispiel beim Medienrecht. Manche Volontäre wissen auch schon, wie sie die digitalen Kanäle journalistisch nutzen können. Und technisch sind uns die meisten sowieso überlegen. Woran es hapert, ist etwa das Schreiben von Meldungen. Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, aber es ist so: Fast kein Volontär kann von Anfang an eine Meldung schreiben. Auch Reportagen gehören zu den Basics, die wir ihnen erst beibringen müssen.

kress.de: Was lernen Sie von Ihren Volontären?

Gudrun Bayer: Ressortübergreifendes Denken. Das liegt daran, dass an den Hochschulen sehr viel Projektarbeit gemacht wird. Diese Denke haben die Regionalzeitungen ihren Mitarbeitern ausgetrieben - einfach durch ihre Struktur. Da hieß es: Du bist in der Lokalredaktion oder im Wirtschaftsressort, und es ist egal, was du heute Tolles gesehen hast, jetzt arbeitest du hier. Das wollen wir nicht mehr. Wir wollen spannende Themen mit Teams besetzen, die sich durch alle Ressorts ziehen können. Diese Denke bringen die Volos schon mit.

kress.de: Was können erfahrene Journalisten noch vom Nachwuchs lernen?

Gudrun Bayer: Wie man mit dem Leser oder Nutzer auf Augenhöhe diskutiert. Das ist sehr wichtig geworden. Wir tun uns manchmal noch schwer damit, unsere Arbeit in Frage zu stellen. Wir finden, wir haben super recherchiert. Hier kommt der fertige Artikel - friss ihn jetzt, Leser. Die Volontäre hingegen überlegen: Wo können wir zur Diskussion aufrufen oder Kommentare aufgreifen? Sie schreiben auch mehr in der Ichform und erzeugen dadurch eine ganz andere Emotionalität. Dieses gewandelte Berufsverständnis - mehr Nähe zum Leser, eine andere Perspektive, mehr Augenhöhe - das haben die Volos drauf.

kress.de: Viele Ausbildungsredakteure fühlen sich überfordert: Das Volontariat wird immer umfassender - bei gleichzeitiger Arbeitsverdichtung in den Redaktionen. Volontäre beschweren sich, dass sie kaum Feedback bekommen. Wie erleben Sie den Austausch mit Ausbildern aus anderen Häusern?

Gudrun Bayer: Richtig frustrierte Kollegen erlebe ich nicht, aber viele empfinden die momentane Situation als schwierig. Sie sind besorgt. Und sie merken, dass ihr Engagement ganz schön Kraft kostet. In die Ausbildung soll immer noch mehr rein, während die Zahl der Volontäre abnimmt. Zugleich werden Volontäre im Alltag häufig als normale Arbeitskräfte eingesetzt - aufgrund von Personalmangel. Da noch einen geraden Weg zu finden, der auch berücksichtigt, dass es ständig neue Tendenzen gibt, ist nicht leicht.

kress.de: Brauchen Ausbilder auch Weiterbildung?

Gudrun Bayer: Auf jeden Fall. Weiterbildung und Austausch. Es gibt zwar ab und zu Veranstaltungen, aber eine dauerhafte bundesweite Plattform für Volontärsausbilder fehlt noch. Ein Netzwerk, in dem man auch mal Fragen diskutieren kann. So etwas würde ich sehr begrüßen.


kress.de-Tipp: Den Artikel "Umfrage unter deutschen Volontären: 'Wir möchten bitte ausgebildet werden'" gibt es hier.

 

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