Erstmals in der Geschichte: Chefredakteure schicken junge Journalisten nach Yad Vashem

 

71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entsendet erstmals eine Gruppe von Chefredakteuren aus verschiedenen deutschen Medienhäusern junge Journalisten aus den eigenen Reihen zu einer Fortbildungsreise nach Israel. Ziel ist die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Organisatoren sind "Tagesspiegel"-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff und Kai Diekmann, Herausgeber von "Bild" (Foto). Das Seminar trägt den Titel "we shall never forget" (deutsch: "Wir werden niemals vergessen").

Es war Kai Diekmann persönlich, der in diesem Jahr Führungskräfte aus zahlreichen deutschen Verlagen für eine Reise nach Yad Vashem überzeugen konnte. Diekmann hatte die Chefredakteure, unter ihnen eine ganze Reihe seiner früheren Stellvertreter, für Israel gewinnen können, und so eine Runde zusammengestellt, "von der ich glaubte, dass sie als Gruppe funktioniert. Das ist wunderbar wahr geworden", so Kai Diekmann an kress.de-Telefon. Diekmann zeigte sich nach der Reise im Mai 2016 überrascht, "mehr als die Hälfte der Teilnehmer war zum ersten Mal in Israel. Und auch für die, die Israel gut kennen, wie Stephan-Andreas Casdorff, war die Reise ein echtes Erlebnis."

"Israel verteidigt ganz viel von unserer Sicherheit"

Für den "Bild"-Herausgeber steht fest: "Ganz viel von unserer Sicherheit wird in Israel verteidigt. Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist einzigartig. Wir Deutschen haben eine besondere Verantwortung."

Die Idee zu dem Seminar "we shall never forget" (deutsch: "Wir werden niemals vergessen") haben die Chefredakteure noch vor Ort in Israel entwickelt - ein einmaliger und äußerst lobenswerter Schritt. Normalerweise delegieren Chefredakteure die Aus- und Weiterbildung gerne an die Journalistenschulen, weil das Tagesgeschäft von ihnen bereits höchste Konzentration verlangt.

Die jungen Journalisten, die im April 2017 an dem einwöchigen Seminar in Israel teilnehmen dürfen, sollen laut einem Sprecher von Axel Springer "Vorträge führender Experten zum Holocaust hören, Holocaust-Überlebende treffen und deren persönliche Geschichten erfahren, den Museumskomplex erkunden sowie hinter die Kulissen der Sammlungen von Yad Vashem blicken" können.

"Heute besteht unsere größte Herausforderung darin sicherzustellen, dass zukünftige Generationen die Erinnerung an den Holocaust nicht verlieren", sagt Avner Shalev, der Vorsitzende von Yad Vashem. "Seminare und Bildungsveranstaltungen sind unerlässlich, um die Bedeutung des Holocaust nachhaltig hervorzuheben, damit die Shoa nicht zu einem bloßen Kapitel in der Geschichte der Menschheit verkommt. Deswegen ist diese Initiative so wichtig, und wir freuen uns über die Gelegenheit, diese jungen Journalisten hier begrüßen zu können."

Diekmann dankbar

Alleine die Möglichkeit, dass deutsche Journalisten in Yad Vashem sein dürfen, hat für Kai Diekmann eine enorme Bedeutung: "Man wundert sich, dass die deutsche Sprache an einem so mit schrecklicher Geschichte beladenen Ort ertragen wird", so der "Bild"-Herausgeber zu kress.de. Die jungen Journalisten dürfen ebenfalls an den offiziellen Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag teilnehmen, bei denen auch der Premierminister und der Präsident Israels sowie internationale Würdenträger anwesend sind. "Ich bin der Gedenkstätte Yad Vashem und ihrem Vorsitzenden Avner Shalev dankbar, dass sie auch unseren jungen Kollegen diesen Moment ermöglichen", macht Diekmann deutlich.

"Tagesspiegel"-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff ergänzt: "Taten zählen mehr als Worte. Deshalb diese Initiative: Eine leuchtende Fackel der Erkenntnis wird weitergereicht von Journalistengeneration zu Journalistengeneration. Das Geschehen darf niemals aus der Geschichte und aus dem Gedächtnis ausgelöscht werden."

Für das Medienseminar im April 2017 nominieren die Chefredakteure, die im Mai 2016 in Israel waren, eine Mitarbeiterin bzw. einen Mitarbeiter aus der eigenen Redaktion. Der oder die darf höchsten 30 Jahre alt sein. Der journalistische Nachwuchs soll aber auch das moderne Israel erleben - während ihres Aufenthalts werden die Teilnehmer für einen Tag nach Tel Aviv reisen, um Start-up-Unternehmen zu besuchen.

Von Ulrich Becker bis Uwe Vetterick

Zu den Teilnehmern des Seminars im Mai 2016 gehörten die Chefredakteure Ulrich Becker, "Südwest Presse" Ulm; Michael Bröcker, "Rheinische Post" Düsseldorf; Stephan-Andreas Casdorff, "Der Tagesspiegel" Berlin; Carsten Erdmann, "Berliner Morgenpost"; Ralf Geisenhanslüke, "Neue Osnabrücker Zeitung"; Sven Gösmann, Deutsche Presse-Agentur; Marion Horn, "Bild am Sonntag" Berlin; Philipp Jessen, "stern.de" Hamburg; Christian Lindner, "Rhein-Zeitung" Koblenz; Sebastian Matthes, "Huffington Post" München; Peter Pauls, "Kölner Stadt Anzeiger"; Uwe Vetterick, "Sächsische Zeitung" Dresden sowie Gabor Steingart, Herausgeber vom "Handelsblatt" und Jens De Buhr von JDB Media. Mit dabei auch: Diekmanns Büroleiter Christian Stenzel.

kress.de-Tipp: Wer Israel journalistisch erkunden möchte und keine Chance hat, an dem Programm "we shall never forget" teilzunehmen, sollte sich für das "Deutsch-Israelische Journalistenstipendium - The Ernst Cramer & Teddy Kollek Fellowship" bewerben (Altersgrenze: 37 Jahre). Das Stipendium ist mit 4000 Euro dotiert, für die Organisation ist der Verein Internationale Journalisten-Programme (IJP) zuständig, Stifter ist Axel Springer. Alle Infos gibt es auf JournalistenPreise.de, dem Portal für preisgekröntem Journalismus (gehört wie kress.de zum Medienfachverlag Oberauer).

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Tania Witte

Tania Witte

Freie Journalistin | Schriftstellerin

28.11.2016
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Tolle Initiative. Aber im Ernst: Fünfzehn Teilnehmende und darunter eine Frau? EINE?


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