"Hi, Julie!" - Wie die "New York Times" ein Gespräch mit Trump führt

 

"JOURNALISMUS!": Die Paul-Josef-Raue-Kolumne wirft wieder einen Blick in eine Interview-Werkstatt. Die "New York Times", die beste Zeitung der Welt, veröffentlicht nahezu komplett und offenbar unverändert den Wortlaut ihres ersten Gesprächs mit Donald Trump nach seiner Wahl zum US-Präsidenten. Wir erleben die starke Rolle des Verlegers Arthur Sulzberger (Foto), der beim Interview dabei ist, und wir entdecken, wie er die Atmosphäre prägt; wir sehen, wie die Redakteure das Gespräch führen und nachhaken -  und wie Trump das Gespräch an sich reißen will.

Sie sind schon ein seltsames Volk, die Amerikaner - Journalisten eingeschlossen. Da kritisiert der künftige Präsident im Gespräch mit der Redaktion: "Die 'Times' (war im Wahlkampf) am gröbsten zu mir", aber als die Korrespondentin fürs Weiße Haus sich verspätet begrüßt er sie wie eine alte Freundin: "Hi, Julie". Und Julie entschuldigt sich brav: "Es tut mir leid."

Ein Interview (die "Bild" hat es übersetzt und online gestellt) so zu veröffentlichen, wie es wirklich geführt wurde, ist in Deutschland umstrittener als in den Staaten. Als Jill Abramson, Ex-Chefredakteurin der "New York Times", vor sechs Jahren entschied, es gebe keine Autorisierung von Zitaten mehr, diskutierten dies deutsche Journalisten heftiger als angelsächsische.

Was fällt auf beim Blick in die Interview-Werkstatt der "New York Times":

Der Verleger Arthur Sulzberger führt zuerst das Gespräch, dem Chefredakteur erteilt er später das Wort. Das dürfte der Traum vieler Verleger und Manager bei uns sein. Sulzberger traf sich vorab mit Trump in einem Vier-Augen-Gespräch, vertraulich: "Wir hatten ein gutes ruhiges, aber auch hilfreiches und wohlgesinntes Gespräch geführt. Das weiß ich sehr zu schätzen... Und es war vertraulich. Nichts davon war jedoch geheim, nur um das klarzustellen."

Trump geht mit dem mächtigsten Medien-Mann der Welt so um, wie er es schon beim Obama-Antrittsbesuch geübt hatte: Er umgarnt Sulzberger - und nennt ihn im Interview "Arthur", wie einen alten Freund. "Ich sagte vorhin schon zu Arthur", imponiert Trump den Redakteure, "Arthur, ich muss das nicht machen. Ich werde meine Arbeit gut erledigen."

Arthur, der Verleger, beginnt das Interview so nett, als hätte es nie eine Verstimmung gegeben: "Ich möchte Sie zunächst fragen, ob Sie mit einem bestimmten Thema anfangen wollen, bevor wir zu den leichtesten Fragen für Ihre Regierung übergehen."

Doch diese Nettigkeit ist eine professionelle Routine: Nicht mit der Tür ins Haus fallen, dem Gesprächspartner respektvoll begegnen und ihn in Sicherheit wiegen.

"(Lachen)" verzeichnet das Protokoll mehrmals: Den Redakteuren gelingt es ebenso wie Trump, eine gelöste Atmosphäre zu schaffen. Wer lacht, erzählt mehr als einer, der stets Fallen wittert.  Auch Trump umgarnt die Redakteure - um wenig später all seinen Unmut über die Journalisten zu wiederholen. Was für rhetorische Kniffe in knapp einem Dutzend Sätzen: Erst Respekt, dann Angriff, schließlich Angebot zur Zusammenarbeit!

"Okay. Also, ich weiß das Treffen wirklich zu schätzen und habe großen Respekt vor der 'New York Times'. Riesigen Respekt. Sie ist etwas ganz Besonderes. War schon immer etwas ganz Besonderes. Ich finde, dass ich sehr grob behandelt worden bin. Es ist ganz offensichtlich, dass ich auf gewisse Weise, im wahrsten Sinne sehr ungerecht behandelt worden bin. Ich möchte mich nicht nur über die "Times" beschweren. Ich würde aber sagen, dass die Times am gröbsten zu mir war... Schauen Sie, ich habe großen Respekt für die Times, und ich möchte Ihre Meinung ändern. Ich glaube, das würde mir meine Arbeit stark erleichtern."

Trump ist gut vorbereitet und versucht, die Redakteure einzuschüchtern. Die reagieren nicht darauf. Das ist professionell: Tapse nicht in jede Falle, die aufgestellt wird. Trump stellt die "Washington Post" als Vorbild hin, die nationale Konkurrentin aus der Hauptstadt: "Man könnte behaupten, die Washington Post habe sich mir gegenüber schlimm verhalten, aber hin und wieder bekam ich dort sogar einen guten Artikel. Nicht oft, Dean, aber hin und wieder."

Die "Los Angeles Times" lobt Trump. Indirekt sagt er: Deren Redakteure waren weniger voreingenommen, die hatten gute Umfrage-Werkzeuge, bessere als die Times: "In dieser Umfrage lag ich immer vorne. Sie hatten so etwas, das wohl eine moderne Umfrage-Technik ist, die 'Begeisterung' hieß. Sie bezogen den Begeisterungs-Faktor mit ein, und meine Leute waren sehr begeisterungsfähig. Hillarys Leute waren nicht begeisterungsfähig."

Endlich steigt auch der Chefredakteur ins Gespräch ein: "Ich werde jetzt tun, was Chefredakteure tun dürfen und die Politik-Journalisten dazu einladen, Fragen zu stellen." Maggie Habermann, eine Politik-Journalistin, beginnt, nennt Trump schon "Mister President" und fragt: Stimmt es, dass Sie Hillary Clinton nicht anklagen wollen?

Trump zeigt Mitleid mit Hillary: "Sie hat eine Menge durchgemacht. Und sie hat auf vielerlei Weise viel gelitten. Und ich will ihnen ganz und gar nicht wehtun." Er verweist auf den grausamen Wahlkampf und bringt wieder alle zum Lachen: "Insgesamt war es definitiv der grausamste, nehme ich an. Ich vermute, Sie haben wahrscheinlich eine Menge Zeitungen verkauft."

Als das Lachen verklungen ist, spricht er Maggie, die Redakteurin, die wohl auf Clintons Seite war, direkt mit Vornamen an: "Hören Sie, Maggie, ich will ihnen nicht wehtun. Ich finde, sie haben eine Menge durchgemacht. Sie haben eine Menge durchgemacht."

Der Chefredakteur stellt übrigens nur wenige Fragen, er lässt seinen Redakteuren den Vortritt.

Matthew Purdy ist stellvertretender Leitender Redakteur und hakt nach: Sind die Untersuchungen gegen Clinton definitiv vom Tisch? Trump weicht aus, ist nicht zu fassen. Der Trick ist einfach und wird von Politikern geschätzt: Trump erklärt das Thema für ein Rand-Thema und lenkt den Blick auf ein anderes Thema, das er für wichtig erklärt: "Es ist einfach nichts, was mir sehr am Herzen liegt. Mir liegt das Gesundheitswesen sehr am Herzen. Mir liegt ein Einwanderungsgesetz sehr am Herzen..." Es ist derselbe Trick, den Bodo Ramelow im Interview mit Cicero erfolgreich nutzte.

Die Redakteure bleiben hartnäckig. Carolyn Ryan, leitende Redakteurin für Politik, greift an, versucht Trump von einer anderen Seite zu packen: "Glauben Sie, das könnte Ihre Anhänger enttäuschen, die von der Vorstellung äußerst angeregt schienen, die Clintons zur Rechenschaft zu ziehen?" Trump bleibt ebenso hartnäckig: "Ich glaube, ich werde erklären, dass wir unser Land in vielerlei Hinsicht retten müssen. Denn unser Land steckt wirklich in großen, schlimmen Schwierigkeiten."

Kommentatoren in den USA schreiben nicht ihre Meinung, sie sind ausgewählt, die offizielle Haltung des Verlegers darzulegen. Thomas L. Friedman, den Leitartikler, spricht Trump mit "Tom" an. Friedman will die Haltung zum Klimawandel erkunden und erwähnt, dass Trump "einige der schönsten Golfplätze der Welt" besitzt. Alle lachen, reden durcheinander. Trump nimmt den Ball auf, prahlt mit seinen Golfplätzen, wieder verzeichnet das Protokoll "Lachen".

Friedman, der Leitartikler, findet das Lachen gar nicht lustig, wird sauer: "Es ist mir sehr wichtig - und ich glaube, auch vielen unserer Leser - zu wissen, was Sie in dieser Hinsicht tun werden." Trump weicht aus: "Ich schaue mir das ganz genau an, Tom. Ich sag Ihnen was. Das ist ein interessantes Thema, denn es gibt nur wenig, was umstrittener ist als der Klimawandel."

Der Verleger greift ein, stellt sich auf die Seite seines Leitartiklers: "Nun, da wir auf einer Insel leben, möchte ich Ihnen dafür danken, unvoreingenommen zu sein. Wir haben gesehen, was diese Stürme mittlerweile anrichten, stimmt's? Wir haben es mit eigenen Augen gesehen. Ganz direkt."

Trump nutzt die Vertrautheit mit dem Verleger und demonstriert sie vor den Redakteuren: "Ich bin wirklich unvoreingenommen. Und wir hatten schon immer Stürme, Arthur." Und er erzählt von seinem Onkel, der Professor war, von Wissenschaftlern, die sich schreckliche Mails schreiben, von seinen Golfplätzen, für die er Umweltschutz-Preise bekommen hat  - und schließt seine langen Vortrag: "Manchmal sage ich, dass ich in Wirklichkeit ein Umweltschützer bin und in manchen Fällen lächeln die Leute darüber. Und andere Leute, die mich kennen, wissen, dass es stimmt. Unvoreingenommen."

Redaktionsleiter James Bennet hakt nach und zwingt Trump zur Aussage: Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist wichtiger als der Klimawandel.

"Ad nauseam", sagt Trump über die Clinton-Mail- und-Stiftungs-Affäre und zeigt: Ich kann auch lateinisch. "Bis zur Seekrankheit" übersetzen Wörterbücher die Wendung, bis zum Erbrechen würden wir sagen. Die lateinischen Wörter rühren auch den Verleger: "Ich stimme Ihnen zu. Ich halte das für sehr gesund - und ich spreche jetzt nicht als Journalist. Da, und dann werden wir..." Das Protokoll verzeichnet: "[unvollständig]"

Wenn Trump über ein Thema nicht sprechen will, zieht er es ins Lächerliche: Man lacht halt gerne.

Der Politik-Redakteur Michael Barbaro fragt nach dem Brexit und dem Gespräch mit Brexit-Anführer Farago über Windparks.  "Über Treffen mit wem?", weicht Trump aus und scherzt: "Hatte ich in letzter Zeit etwas mit Windparks zu tun? Nicht, dass ich wüsste. Ich meine, ich habe ein Problem mit Wind ..."

Der Redakteur bleibt hartnäckig, hakt zweimal nach, bis Trump zugibt: "Oh, ich verstehe... Der Wind ist eine trügerische Sache. Erstens stellen wir die Windräder nicht in den Vereinigten Staaten her. Sie werden in Deutschland oder Japan hergestellt. Sie werden aus enormen Mengen an Stahl hergestellt, das in die Atmosphäre gelangt, sei es in unserem Land oder nicht, es geht in die Atmosphäre. Die Windräder töten Vögel und müssen stark subventioniert werden."

Ein Redakteur, den das Protokoll als "Unbekannt" benennt, fragt nach Trump-Anhängern, die sich  dem Nationalsozialismus verschrieben haben. "Junge, Sie stehen wirklich auf dieses Zeug, was?", entgegnet Trump, um sich nach einigem Hin und Her zu distanzieren. Der Redakteur will es genauer wissen, aber der Verleger pfeift ihn zurück: "Das genügt uns. Ich möchte zum Thema Infrastruktur übergehen, tut mir leid, und dann kommen wir auf andere Themen zurück."

Das Protokoll vermerkt auch, wenn das Mikrofon ausgeschaltet wird - einmal geschieht es, als Trump über Syrien nur unter Drei sprechen will: "Wir müssen den Wahnsinn in Syrien beenden. Eine Sache, die mir zugetragen wurde - kann ich das vertraulich sagen, oder wird alles protokolliert?" Der Verleger stimmt zu: "Wenn Sie etwas Vertrauliches sagen wollen, haben wir abgemacht, dass Sie das tun können. Meine Damen und Herren, wir reden einen Augenblick lang vertraulich miteinander." Das Protokoll vermerkt: "(Trump sagt etwas Vertrauliches)"

Trump sortiert die Redakteure nach dem Motto des Aschenputtel-Märchens: "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen." Michael D. Shear, der Korrespondent im Weißen Haus, ist ein Guter: "Wir sehen uns dort! ", scherzt Trump mit ihm und alle lachen. Der Verleger ist ein Guter: "Sie können mich anrufen, Arthur, Sie können mich anrufen." Die Leitartiklerin Maureen Dowd kommt ins Kröpfchen: "Die einzige, die mich nicht anrufen kann, ist Maureen. Sie packt mich zu hart an. Ich weiß nicht, was mit Maureen los ist!"

Keiner protestiert.

"Maggie, Sie bekommen die letzte Frage", beschließt der Verleger das Interview und Trump, sichtlich entspannt, plappert dazwischen: "Ist er ein harter Chef, Leute? Ist er hart?"

Die allerletzte Frage stellt Geschäftsführer Mark Thompson: Wird Trump den Verfassungsrang der Pressefreiheit respektieren?" Und Trump, wie ein guter Kumpel, antwortet: "Ich denke, es wird Ihnen gut gehen." Der Verleger dankt: "Ich weiß das wirklich zu schätzen." Und Trump dankt zuckersüß zurück: "Es ist eine große Ehre. Die 'Times' ist ein großartiges, großartiges amerikanisches Juwel. Ein weltweites Juwel. Und ich hoffe, wir werden alle miteinander auskommen. Wir wollen dasselbe, und ich hoffe, wir werden alle miteinander auskommen."

Dann gehen alle mit einem sichtbar entspannten Trump zum Mittagessen. Es gibt Lachs und Steak.

Paul-Josef Raue (66) berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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