"Entschleunigung tut uns allen gut": Christine Schön macht eine Radiosendung für Menschen mit Demenz

05.12.2016
 

Das Medium Radio wurde oft totgesagt - gestorben ist es nie. Vielleicht, weil sich Radio, mehr als andere Medien, erlaubt, sperrig zu sein und Themen Raum zu geben, die abseits der Wohlfühlzone liegen. Für Hörfunkjournalistin Christine Schön zumindest ist das die Stärke des Mediums - deshalb hat sie ein neues Format entwickelt: Eine Radiosendung für Menschen mit Demenz. Klingt ungewöhnlich? Ist es auch.

Christine Schön liebt Klänge, Töne und das gesprochene Wort - eine Leidenschaft, die sie dazu inspirierte, nach ihrem Universitätsabschluss als Kulturpädagogin und dem folgenden Volontariat als Hörfunk- und Multimediajournalistin einen weiteren Studiengang zu absolvieren: "Sound Studies - Akustische Kommunikation" an der Berliner Universität der Künste.

Auf dieser fundierten Ausbildung und ihrer langjährigen Erfahrung als Hörfunkautorin fußt das Projekt "Hörzeit - Radio wie früher", eine Radiosendung für Menschen mit Demenz. Wie eine Mittvierzigerin auf die Idee kommt, Radio für demenziell veränderte Menschen zu machen? "Den Ausschlag gab ein Interview mit Sophie Rosentreter, die Filme für Menschen mit Demenz macht. Wahrscheinlich hat es mich umso mehr berührt, weil mein Vater seit etwa fünf Jahren kognitiv stark eingeschränkt ist. Dadurch begann ich, Dinge anders wahrzunehmen. Der Artikel hat etwas in mir in Gang gesetzt - und einige Monate später habe ich mit Sophie Rosentreter Kontakt aufgenommen."

Rosentreter war die erste von viele Expertinnen und Experten, die Schön im Laufe der Projektentwicklung zu Rate zog. "Sie war vom ersten Kontakt an eine begeisterte Unterstützerin - und ist es noch immer. Das Thema 'Demenz' ist ja ein gesamtgesellschaftliches. Wie gehen wir mit den Schwächsten um, was sind uns alte Menschen wert, wie wollen wir alt werden? Das sind Fragen, mit denen wir uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vermehrt auseinandersetzen werden müssen."

Die Zahlen geben ihr recht: Derzeit leben in Deutschland 1,5 Millionen Menschen mit Demenz, pro Jahr kommen um die 300.000 dazu. Hochgerechnet bedeutet das, dass sich die Zahl an dementiell veränderten Menschen bis 2050 voraussichtlich verdoppeln wird. Für Schön ist Radio das perfekte Medium, um diese Zielgruppe zu erreichen. "Radio ist das vertrauteste Medium für heute alte Menschen, es war das Medium ihrer Jugend, bestimmte die Freizeit. Es war normal, gemeinsam Unterhaltungsshows, Sportübertragungen oder Konzerte im Radio zu hören. Deshalb habe ich 'Hörzeit' im Stil der Radiosendungen aus den 1950ern konzipiert."

Es ist vor allem die Entschleunigung, die ein Radioprogramm für Menschen mit Demenz von gewöhnlichen Radiosendungen unterscheidet. Diese Langsamkeit ist für Ohren, die das schnelle, grelle Medium, das an akustischen Eindrücken nicht spart, gewöhnt sind, zunächst fremdartig. Auch für Schön war die Langsamkeit eine Umgewöhnung. Immer, wenn sie dachte, ein Thema nähme zu viel Raum ein, stellte sie fest, dass ihre Zielgruppe im Gegenteil mehr davon wollte - nur eine der Herausforderungen für Schön und ihren Co-Moderator Frank Kaspar.

"Kommunikation entsteht, wenn der Mensch sich erinnern kann. Bei dementiell veränderten Menschen finden Erinnerung nicht mehr über kognitive Reize statt, sondern über emotionale. Deshalb müssen wir in der Moderation eine echte und tiefe Wertschätzung gegenüber unseren Hörerinnen und Hörern aufbringen. Wir haben schnell gemerkt: Sobald wir auch nur eine Sekunde nicht meinen, was wir sagen, folgen sie uns nicht mehr. Ein Publikum von Menschen mit Demenz kann gnadenlos sein, denn es ist ehrlich. Immer."

Deshalb ist Authentizität ein Kernpunkt der Sendung. Schön und Kaspar erzählen aus ihren Leben, streuen Sprichworte ein, spielen bekannte Musikstücke - es geht darum, Erinnerungen zu wecken. Diese Ruhe, diese Unaufgeregtheit, machen "Hörzeit" zu einem erstaunlich kurzweiligen Hörgenuss - auch für Menschen, die nichts mit dem Thema zu tun haben. "Entschleunigung tut uns allen gut", nickt Schön und erzählt lachend von dem 20jährigen Hiphopper, der im Programm hängenblieb und hinterher begeistert davon erzählte.

Momente wie dieser sind es, die Schön und alle (wie sie selbst zunächst ehrenamtlich beteiligten) Menschen für die eingebrachte Zeit belohnen. Und natürlich das Feedback der Zielgruppe. "Bei unserem ersten 'Testlauf' in einer Demenzstation sah ich Menschen, die mitsangen, die sich im Takt der Lieder wiegten, die zuhörten, lachten, tanzten. Ich hatte Tränen in den Augen."

Dank der jahrelangen intensiven Beschäftigung mit dem Thema, durch ausgedehnte Recherchen in einem Alzheimer-Therapiezentrum, die Teilnahme an diversen Tagungen und intensiven Austausch mit Fachleuten ebenso wie Betroffenen hat sich Schön zu einer Expertin entwickelt. Vor diesem Hintergrund geballter Kompetenz überrascht es nicht, dass ihr Projekt von Experten beklatscht und von der Zielgruppe extrem gut angenommen wird. Die Radiosender allerdings fremdeln.

"Alle Redakteure und Senderchefs, denen ich das Projekt bisher vorgestellt habe, fanden es wichtig und sehr gut umgesetzt. Aber obwohl 'Hörzeit' perfekt die Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender bedient, integrierend zwischen den Generationen zu wirken und gesellschaftliche Gruppen abzubilden, hat bis jetzt keiner angebissen."

Vielleicht fehlt schlicht der Mut. Mehr Pioniergeist zeigte der Verlag, der "Hörzeit" am 12. Dezember als CD auf den Markt bringt, wie es ursprünglich geplant war. "Ein Tonträger bietet die Möglichkeit, die Sendung immer wieder gemeinsam mit den Menschen mit Demenz hören zu können. Angehörige und Pflegekräfte können Lieblingsstellen konkret anwählen und bekommen Angebote, um mit den ihnen anvertrauten Menschen ins Gespräch zu kommen", erläutert Schön.  Neben der 45minütigen Sendung beinhaltet die CD auch einen 20minütigen Serviceteil für die Angehörigen, in dem Bücher und Spiele, Hilfsangebote, Institutionen und Menschen vorgestellt werden.

Im Zuge des Projektes "Hörzeit" hat Schön einen Verein gegründet, der seine Zielsetzung bereits im Namen trägt. "Herzton - mediale Begegnungsräume für Generationen e.V." plant ein audiobasiertes Internetportal zur individuellen Aktivierung von Menschen mit Demenz und weitere intergenerative Projekte. "Es geht uns darum, zu zeigen, dass die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Menschen positiv ist. Jeder Mensch hat eine spannende Geschichte zu erzählen, die es wert ist, gehört und archiviert zu werden. Wir halten es für außerordentlich wichtig, aus der Geschichte zu lernen."

Hintergrund: "Hörzeit - Radio wie früher" erscheint am 12.12. im medhochzwei-Verlag. In der ersten Folge geht es um Kinder - Folge zwei (Schwerpunkt "Reisen") und Folge drei ("Schwerpunkt "Berufe") folgen im März und April 2017

Hörbuchvorstellung: https://www.youtube.com/watch?v=2QXgU6sAWK4

Weitere Infos: http://www.medhochzwei-verlag.de/shop/index.php/kinder-unser-glueck-hoerbuch-978-3-86216-308-3.html

Vereinswebsite: http://herzton.org/

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