"KStA"-Chefredakteur Peter Pauls: Warum wir uns nie mehr beim Ernst-Schneider-Preis anmelden

 

Jedes Jahr vergeben die Industrie- und Handelkammern einen Journalistenpreis der deutschen Wirtschaft. Seit der Erstverleihung 1971 ist der Ernst-Schneider-Preis stetig gewachsen – mittlerweile zeichnet er in neun Kategorien Autorinnen und Autoren aus. Doch ausgerechnet in seinem fünfundvierzigsten Jahr sorgt er für Ärger.

Grund dafür ist ein Statement auf der Seite des Preises, der am 17. Oktober 2016 verliehen wurde und mit insgesamt 52.500 Euro dotiert ist. "In diesem Jahr sprachen die Jurys keine Nominierungen in den Kategorien Wirtschaft in regionalen Printmedien und Kurzbeitrag Hörfunk aus", steht da. Und weiter heißt es: "Unter vielen guten Beiträgen erschien keiner herausragend. Beide Jurys verknüpfen ihre Entscheidungen mit der Bitte, Wirtschaft auch in regionalen und kurzen Formaten zu pflegen und die Themen sachkundig und einfallsreich aufzubereiten."

Belehrung statt Nominierung

Ein Schlag ins Gesicht der Regionaljournalisten, findet Peter Pauls, Chefredakteur des "Kölner Stadtanzeiger". Besonders angesichts des Formats, das er und seine Redaktion 2016 eingereicht haben: Im November 2015 widmete der "Kölner Stadtanzeiger" eine ganze Ausgabe den Frauen in der Wirtschaftswelt. Die Sonderausgabe mit dem Titel "Die Kölner Stadtanzeigerin" widmete sich in Interviews, Porträts und Grafiken der Bedeutung von Frauen in der Wirtschaftswelt. "Diese Ausgabe war eine Innovation", sagt Pauls. Eine Meinung, der sich die Jury des "Lead Award" offensichtlich anschloss, als sie die Sonderausgabe in ihre Auswahl herausragender Arbeiten aufnahm.

"Die Kölner Stadtanzeigerin" prunkte mit Kurzporträts wirtschaftlich erfolgreicher Frauen aus der Region, ließ sechs erfolgreiche 'Chefinnen' aus Nordrhein-Westfalen, darunter auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, zum Thema "Frauen in Führungspositionen" diskutieren, befragten eine Business-Coach, warum Frauen so viel mehr Rollen beherrschen müssen als Männer, um in der Wirtschaft erfolgreich zu sein und bestückten die Ausgabe mit vielen Zahlen und Fakten rund ums Thema Frauen in der Wirtschaft. Ein wichtiges Statement und ein Denkstück für, an und über die Wirtschaft 2016. 

Diese Arroganz toppt alles

Und dann das: Keine Nominierungen. Dafür der "gute Rat" der Jury an die Redaktionen, doch bitte die "Wirtschaft auch in regionalen und kurzen Formaten zu pflegen und die Themen sachkundig und einfallsreich aufzubereiten". 

Pauls und seine Redaktion sind empört. "Die IHKs bringen damit zum Ausdruck, dass die Redaktionen, die sich für die örtlichen Industrie- und Handelskammern verantwortlich fühlen - die Regionalzeitungen - dort journalistisch gering geschätzt und im Zweifel gar nicht wahr genommen werden", konkludiert Pauls. "Ich habe in meinen fast 40 Berufsjahren mancherlei Arroganz erlebt. Aber das toppt alles." 

Die unabhängigen Jurys, die über die Preisvergabe entscheiden, bestehen aus jeweils drei Angehörigen der Medien und zwei Vertretern der Wirtschaft. Als Maßstab für die Preisvergabe gelten laut Ausschreibung des Preises die Relevanz des Themas, die Qualität der Information, die Allgemeinverständlichkeit und die Attraktivität der Darstellung.

Demotivation für regionalen Wirtschaftsjournalismus

"Es ist ein Hohn", fährt Pauls fort. "Ein Preis soll Journalisten anspornen, sie animieren. Stattdessen hat die Jury demotiviert und entmutigt."

Der neue Vorsitzende des Ernst-Schneider-Preis e.V. und Herausgeber der "Mittelbayerischen Zeitung", Peter Esser, zeigt Verständnis für Pauls Ärger und verspricht, die Beschwerde mit dem neu gebildeten Vorstand in der ersten Sitzung ausführlich zu besprechen. Ein Zugeständnis, das Paul nur mäßig beruhigt. Die unschön formulierte "Bitte" der Jury wurde auf Nachdruck von Pauls von der Website des Preises genommen, auf anderen Seiten, die die Pressemitteilung übernommen haben, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, ist sie aber noch zu finden.  "Diese Formulierung ist geeignet, die Mehrzahl der Chefredakteure von Regionalzeitungen, die ich kenne, aufzubringen", sagt Pauls. "An Stelle der IHKs würde mich das beschämen."


Unabhängig davon, zu welchem Schluss die Verantwortlichen nach der Vorstandssitzung im Januar kommen - für Pauls hat sich der Preis unglaubwürdig gemacht: "Wir melden uns da nie wieder an", macht Pauls deutlich.

"Juroren haben Sonderausgabe diskutiert"

Christian Knull, Geschäftsführer vom Ernst-Schneider-Preis der deutschen Industrie- und Handelskammern, kann die Aufregung nicht verstehen: "Die Juroren haben die Sonderausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers diskutiert und bewertet. Sie haben auch erwogen, ob diese Ausgabe in der Kategorie "Innovation" bewertet werden sollte (in der "Plan W" ausgezeichnet wurde). Sie haben von einer Auszeichnung abgesehen." Knall wirbt darum, dass Regionalzeitungen auch weiterhin Beiträge einreichen: "Die Juryentscheidung sollte keinesfalls entmutigen. Die Latte liegt hoch, aber man kann sie  überspringen."

Mitarbeit: Tania Witte

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