Matthias Iken vom "Abendblatt": "Vorgehen eines Mitarbeiters von Scholz & Friends wirkt wie Angriff auf Pressefreiheit"

 

Zumindest seinen Humor hat Roland Tichy nicht verloren. Nachdem seit Tagen um die Aktion "Kein Geld für rechts" heftig debattiert wird und sich auch die im Kreuzfeuer der Kritik stehende Agentur Scholz & Friends öffentlich äußert, nutzt Tichy die Möglichkeiten, die er hat.

Und wirbt sowohl auf "Werben & Verkaufen" sowie auf "Horizont" für das liberal-konservative Meinungsmagazin "Tichys Einblick" mit den Worten: "Lassen Sie sich nicht vorschreiben, was Sie denken sollen" - und zwar direkt über einen Kommentar von Stefan Wegner, Partner von Scholz & Friends und Geschäftsführer bei Scholz & Friends Berlin, der in dem Beitrag seine Sicht der Lage erklärt.

Seit Tagen wird über den Boykottaufruf im Netz debattiert, über die heftigen Reaktionen, die er vor allem bei den Nutzern und Freunden von "Tichys Einblick" und Henryk M. Broders "Die Achse des Guten" ausgelöst hat.

Roland Tichy schreibt dazu persönlich: "Das erschreckende an diesem Text ist, dass er geschrieben werden muss. In diesen Tagen gerät die Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr. Was ist Meinungsfreiheit? Es ist die Freiheit, andere Meinung zu äußern, aus dem Mainstream auszubrechen. Dabei ist gleichgültig, welches Ufer des Mainstreams überflutet wird, das rechte oder das linke: Ohne eine liberal-konservative Position gibt es keine links-liberale."

In einem Interview von Alexander Wallasch sagt sagt der Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld: "Zunächst einmal ist die #keingeldfuerrechts Aktion keine Kampagne von Scholz&Friends, sondern die Privatgeschichte von Gerald Hensel, eines leitenden Angestellten dieser Agentur. Allerdings ist der Name der Agentur in der Gemengelage sehr wichtig, denn ohne diesen Bezug zu einem für die Bundesregierung tätigen Dienstleistungsunternehmen hätte sich die Geschichte nicht in diese Dimensionen entwickelt. Das Problem sind nicht die Parteiprogramme, die werden noch immer treu und brav auf den verschiedensten Ebenen der Partei entwickelt und beschlossen. Sie haben aber in sofern Recht, dass die Planung für politisches Agenda Setting im Wesentlichen von Marketing und Meinungsforschung abhängig ist. Politische Überzeugung ist, vor allem bei Regierenden, meist Mangelware."

Matthias Iken schreibt im "Hamburger Abendblatt": "Und doch wirkt das Vorgehen eines Mitarbeiters von Scholz & Friends wie ein Angriff auf die Pressefreiheit. Er ruft zu einem Anzeigenboykott auf - das klingt harmlos, entfaltet aber in Zeiten des Internets ungeheure Wucht. Natürlich soll jeder Anzeigenkunde selbst entscheiden, wo er Werbeplätze bucht - unter dieser Freiheit leiden übrigens gerade explizit linke Publikationen." Und Iken ergänzt: "Der Urheber der Aktion #keingeldfürrechts fragt auf seiner inzwischen passwortgeschützten privaten Website: "Wenn du für eine Marke oder eine Media-Agentur arbeitest: Schau dir noch einmal sehr genau an, ob die "Blacklist" gepflegt ist und ob man Seiten, auf denen man sicher nicht zu finden sein will, auch nicht zu finden ist. Das ist natürlich nicht nur im Sinne der Political Correctness wichtig, sondern durchaus auch bei der Frage, was die Zielgruppe denken soll. Die findet so was nämlich sicher im Wahljahr 2017 wichtig." Und weiter: "Sollte dich deine Karriere in einer Media-Agentur etwas höher gebracht haben, könnte man das Thema ja vielleicht mal beim nächsten Media-Miteinander mit Kollegen ansprechen. 2017 ist Wahljahr. Ihr, liebe Kollegen, habt durchaus mit in der Hand, wer unsere Werbedollars bekommt." Der Mann hinter der Idee ist Gerhard Hensel, Strategie-Manager der Agentur Scholz & Friends. Ist das noch der ehrenwerte Kampf gegen rechts - oder doch schon der Beginn der Inquisition? Wo fängt sie an, wo hört sie auf?" 

In einerm Interview mit dem "Stern" berichtet Gerald Hensel, Initiator der Aktion "Kein Geld für rechts". dass er persönlich bedroht wird und sich aus Sicherheitsgründen nicht in Berlin befindet: "Es ist ein systematischer, konzertierter Shitstorm, der zu einem Angriff auf mein persönliches Leben und mein Arbeitsumfeld, meine Kollegen, meinen Arbeitgeber geworden ist. Ich bekomme seit sieben Tagen täglich Tausende von Hass-Tweets und Facebook-Messages, es wurden mehrere Fake-Profile mit meinem Namen angelegt. Menschen arbeiten sich durch insgesamt 22.000 meiner oft politischen Tweets, um mich dann in Foren als Antisemit zu zeichnen. So startet dann die nächste Angriffswelle."

Henryk M. Broder schreibt: "Man kann, finde ich, auch nicht mit absoluter Gewissheit behaupten, dass die feschen SA-Leute, die am 1. April 1933 vor jüdischen Geschäften Posten bezogen, einen Boykott jüdischer Geschäfte im Sinn hatten. Vielleicht wollten sie die Passanten nur darauf aufmerksam machen, wem die Geschäfte gehören, wobei es jedem Kunden überlassen blieb, ob er in dem jeweiligen Geschäft einkauft oder nicht."

Eine Chronik der Debatte hat Dirk Maxeiner hier aufgeschrieben.

Für Ralf-Dieter Brunowsky steht fest: "Prinzipiell bin ich gegen jeden Boykottaufruf. Aber ich bin für Transparenz. Unternehmen sollten wissen, wo sie werben. Auch das gehört zur Meinungsfreiheit. Internetmedien müssen sich schließlich nicht nur über Werbung finanzieren. Eine Verpflichtung zur Werbung gibt es zum Glück nicht. Das große Thema heißt also 'die Meinungsfreiheit ist in Gefahr'."

Franz Sommerfeld glaubt: "Raunende Verweise auf die Nazi-Zeit (Tichy: 'schreckliche Tradition der Vergangenheit') sind hier zu Lande eigentlich mehr die Spezialität der Linken. Und Tichy wird seine Erregung selbst nicht Ernst nehmen. Natürlich weiss der leidenschaftliche und kluge Ex-Chefredakteur der Wirtschaftswoche aus langer Berufserfahrung, dass politische Erwägungen bei der Entscheidung über Werbe-Etats seit jeher eine Rolle spielen können. Nicht so sehr bei den unangefochtenen Mainstream-Publikationen als bei denen, die politisch akzentuierter agieren. Nur wird das ungern öffentlich diskutiert. Gerald Hensel ist zu danken, dass er seine Kriterien offen darlegt. Seine Agentur wird das allerdings anders sehen; mal schauen, ob er seinen Job behält."

Alf Frommer fordert, dass noch mehr Menschen aus der Werbung sich politisch engagieren: "Werber haben gelernt, wie man nicht abgehoben mit normalen Menschen sprechen kann. Der abgehobene links-intellektuelle Diskurs erreicht diese oft nicht. Für uns dagegen ist es Alltag, Botschaften zu entwickeln, die Herz und Kopf treffen - von Leuten wie Du und Ich. Wir sollten diese Kompetenz nutzen. Manche machen das: als Wahlkämpfer für demokratische Parteien. Andere können neue Wege finden, wie Gerald Hensel. Wichtig ist, dass wir uns nicht einschüchtern lassen, weil die Neurechten sehr laut werden können. Und sehr hassvoll. Sie meinen zwar, dass es nur eine Einheitsmeinung gibt und sie keine Stimme hätten, dafür ist ihre Stimme im Netz zum Teil penetrant laut. Sie kapern die Kommetar-Spalten und machen sie zu einer Mono-Kultur ihrer Weltsicht. Aber auch hier gilt: Nur weil sie sich eben - qua ihres eingebildeten Minderwertigkeitsgefühls - besser mobilisieren lassen, sind sie nicht in der Mehrheit."

Stefan Wegner, Partner von Scholz & Friends und Geschäftsführer bei Scholz & Friends Berlin, erklärt unter anderem hier: "#keingeldfürrechts ist provokant und hat an einigen Stellen unnötig provoziert. Geralds Reaktionen auf die ersten Anfeindungen waren überzogen und beleidigend. Die Aktion war nicht konsistent bei der Nennung der betroffenen Medien. Zunächst wurde Achgut.com als Beispiel für ein rechtspopulistisches Medium erwähnt, auf der 'Blacklist' hingegen ausdrücklich ausgeklammert. Ein liberal-konservatives Medium wie 'Tichys Einblick' stand ohnehin nie in der Kritik oder auf der Liste. Die Liste selber, erstellt von den Initiatoren der Aktion, ist subjektiv. Wann ist rechts zu rechts? Und natürlich ist darüber zu streiten, ob der von dieser Initiative gewählte Weg über die Ansprache von Werbetreibenden der beste ist, eine Diskussion anzustoßen."

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