"Berlinerin"-Chefredakteurin Evelyn Huhle: "Print ist schwierig, aber wer nicht mutig ist, wird keine neuen Erfahrungen machen"

 

Für 4,50 Euro wirbt derzeit ein neues Magazin um die Gunst der Leserinnen: die "Berlinerin". Mit Hauptstadt-Esprit, Modestrecken und Produkttipps will Verlegerin und Chefredakteurin Evelyn Huhle kaufkräftige Frauen ab 35 Jahren ansprechen. Doch wer kritischen Journalismus sucht, stößt auf einen verschwimmenden Übergang von redaktionellen und kommerziellen Inhalten.

Sie ist kein Leichtgewicht. Mit ihren großformatigen 116 Hochglanzseiten liegt die "Berlinerin" angenehm schwer in der Hand - oder auf dem Beistelltisch. Opulenz allenthalben auch beim Durchblättern: Es gibt goldene Schriftzüge,  Modestrecken mit Kreationen von Valentino oder Gucci, diamantenbesetzte Damen-Uhren, teure Kosmetik, grüne Weihnachtsplätzchen aus Matcha Tee. Alles soll elegant, erlesen wirken, auch wenn das Layout manchmal ein wenig sehr üppig daherkommt. "Wir haben eine klar definierte Zielgruppe", sagt Verlegerin und Chefredakteurin Evelyn Huhle. "Wir bieten Frauen ab 35 Jahren, die in Berlin leben oder die Stadt lieben, eine einzigartige Mischung aus Stadtmagazin, Modemagazin und Geschichtenmagazin."

Wirkliche Geschichten finden sich in der Erstausgabe allerdings nur zwei: ein Porträt über Tita von Hardenberg und eine Reportage über eine Österreicherin, die aus ihrem High-Society-Leben ausbrach und eine Krankenstation in Tansania gründete. Ansonsten überwiegen Produkt- und Modestrecken  ("Fun mit Fake-Fur", "Kaschmir für die Seele", "Berlinerins Wunschzettel"), Ausgehtipps ("Berlins erste Dessert-Bar", "Highlife an Silvester") und: Trends, Trends, Trends ("So verführerisch sind die neuen Make-up-Trends"; "Deko-Trends: Das Geheimnis der Gemütlichkeit", "Superfood - gesund, lecker und voll im Trend").

Das ganze Heft vermittelt Konsumfreude. Dahinter steckt Kalkül: "Frauen treffen zu 80 Prozent die Kaufentscheidungen", sagt Chefredakteurin Evelyn Huhle. Sie und ihr Mann Bodo Huhle sind seit vielen Jahren als Verleger tätig, produzieren etwa Kundenmagazine und Info-Broschüren für Schulabsolventen. Vor drei Jahren verlegten die Huhles ihren privaten Lebensmittelpunkt von Gütersloh nach Berlin - und entdeckten bei der Suche nach geeigneter Berlin-Lektüre die Marktlücke, in der sie ihre "Berlinerin" jetzt platzieren wollen. "Wir waren enttäuscht von den vorhandenen Stadtmagazinen", erzählt Huhle. Sie seien ihr zu werbelastig und zu wenig informativ.

Werbung scheint aber auch für die "Berlinerin" eine große Rolle zu spielen. Mit ihren Produktstrecken von Kleidung über Accessoires, Parfums, Make-up bis hin zu Designer-Vogelhäuschen erweckt sie den Eindruck eines großen angenehmen Umfelds für die entsprechenden Hersteller. Artikel wie "Die Zukunft der Schönheit - Was moderne Beauty-Medizin leistet" oder "Hautpflege für den makellosen Teint" sprechen als Beispiele für sich. In den Beiträgen werden die "optimalen Techniken" der "Beauty-Docs" genauso wenig in Frage gestellt wie die Wirksamkeit von Anti-Aging-Cremes.

Was bezahlt ist und was redaktioneller Inhalt, erschließt sich aus Lesersicht oft nicht. So verzichtet der fünfseitige Reisetipp "Urlaub in Vietnam? Der neue Travelhotspot" darauf, einen Autor zu nennen, besticht dafür aber mit großformatigen Pool- und Wellness-Bildern eines bestimmten Luxus-Resorts, dessen "Sorglos-Paket" dann auch im zugehörigen Text entsprechend gewürdigt wird. Wie selbstverständlich ist die Geschichte vorne im Inhaltsverzeichnis gelistet. Genauso wie die drei Seiten, die das Konzept eines "Erfolgs-Coaches" anpreisen, beim Text selbst allerdings als Advertorial gekennzeichnet sind. Evelyn Huhle kann die Irritation darüber nicht nachvollziehen. Advertorials werde es auf jeden Fall weiter geben, sagt sie.

Berlin-Bezug gibt es natürlich auch. Zum Beispiel die Porträts vier junger Designer, die den "speziellen Berlin-Style" mitgestalten. Oder die "Top 5 der angesagtesten  Single-Locations" (zwei Bars, ein Wellness-Club, das Kulturkaufhaus Dussmann, ein Flohmarkt). "Unsere Texte sollen begeistern, berühren, motivieren", sagt Huhle gegenüber kress.de. Ihr Konzept sehe vor, den einzigartigen Spirit der Stadt zu den Leserinnen zu transportieren. "Hier tut sich immer etwas Neues auf." Auf die Frage, ob es nicht Mut brauche, jetzt ein Printprodukt für die Hauptstadt zu starten, gibt sich Huhle gelassen. "Print ist schwierig, aber wer nicht mutig ist, wird keine neuen Erfahrungen machen."

Die Huhles glauben an ihr Magazin. 20.000 Stück haben sie von der Erstausgabe drucken lassen. Für 2017 planen sie zwei Ausgaben, langfristig soll die "Berlinerin" vierteljährlich erscheinen. Außerdem sei auch noch ein weiteres neues Kaufmagazin für 2017 angedacht - wieder im Frauensegment. Um all das zu stemmen, braucht der Huhle Media Verlag nun Verstärkung für sein Berliner Team, das derzeit rund 25 Beschäftigte umfasst. Gesucht werden Redakteure etwa für Fashion, Beauty und Lokales. Auch das Online-Team soll wachsen. Bei den Arbeitszeiten wie auch bei der Frage, ob fest oder frei sei man flexibel - es müssten halt nur "die Richtigen" sein.

Ganz bewusst hat sich die Verlegerin dafür entschieden, erstmals selbst als Chefredakteurin zu fungieren, "damit es auch so wird, wie wir es uns vorstellen". Im Editorial weist sie unter anderem auf die Veranstaltungstipps hin: "Wer unter Single-Frust an Weihnachten oder Silvester leidet, der kann sich freuen: Einfach losziehen und entdecken." Ob es wirklich so simpel ist?

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