Ernst-Günther Wöhler, Ex-Vize-Chefredakteur der "Volksstimme", ist tot

 

"Es ist Zeit, kürzer zu treten", sagte mir Ernst-Günther Wöhler vor einigen Monaten, als wir uns zum letzten Mal trafen. Er war Deskchef der "Volksstimme" in Magdeburg und organisierte für den Herbst seinen Abschied: Er überlebte ihn nur wenige Wochen. Am Samstag, 17. Dezember 2016, ist er nach kurzer Krankheit verstorben.

Der Höhepunkt seiner Karriere war der Deutsche-Lokaljournalistenpreis 2000 für die Jahrhundert-Serie, die er in den Lokalredaktionen organisiert hatte: Es war mit über 1700 Seiten eine beispiellose Serie zur Jahrtausendwende, nicht nur vom Umfang her. Jede Lokalredaktion recherchierte für jedes Jahr eine Seite mit den bedeutenden lokalen Ereignissen - "das die dunklen Seiten der deutschen Vergangenheit nicht ausspart", wie Jury-Vorsitzender Dieter Golombek heraushob. "Hundert Jahre deutsche Geschichte, von denen gut die Hälfte unter den Bedingungen von Diktaturen stattfanden: Hitlerdeutschland, SBZ und DDR. Für die Redakteure von heute haben die Zeitungen von gestern deshalb nur sehr eingeschränkte Recherchewerte. Umso verdienstvoller das historische Großunternehmen der "Volksstimme", im Rankeschen Sinne zu zeigen, ,wie es eigentlich gewesen ist'."

Wöhlers journalistische Karriere begann im Roten Kloster, der Elite-Ausbildung der DDR an der Leipziger Universität: Als Diplom-Journalist wurde er Leitender Redakteur der "Volksstimme" in Magdeburg und führte das Landwirtschaftsressort. Ihm gelang der Spagat zwischen den Forderungen der SED, die Wahrheit im Sinne der Partei zu biegen, und einer redaktionellen Unabhängigkeit, die zwischen den Zeilen zu entdecken war. Auch weil er diesen Spagat mit Freundlichkeit und Nachdenklichkeit beherrschte, wählten ihn die Redakteure in der Revolution zum stellvertretenden Chefredakteur.

2001 nahm er die Freiheit noch wörtlicher: Er verabschiedete sich aus der Redaktion und gründete das Redaktionsbüro regio.m, das mit mehreren Mitarbeitern schnell erfolgreich wurde. Kunden sind neben anderen die MDR-Sendung "Fakt ist", die Braunschweiger Zeitung, das Landesmarketing in Sachsen-Anhalt und die Volksstimme, für die Wöhler selbst das Wochenend-Magazin redigierte. In den vergangenen Jahren war Wöhler als Freier auch Deskchef der "Volksstimme".

Die Beisetzung findet am Freitag vor Weihnachten statt in seinem Heimatort Niegripp unweit der Elbe.

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