Weihnachten ohne Fernsehen - der Albtraum des Massen-Eremiten

 

JOURNALISMUS! Paul-Josef Raue erinnert in seiner Kolumne an ein seltsames Ereignis: Vor 39 Jahren gab es an Weihnachten kein Fernsehen. Damals hatten die öffentlich-rechtlichen Anstalten noch ein Monopol, die Privaten gab es nicht: Intendanten und Aufsichtsräte beschlossen, sowohl am Heiligen Abend wie an den beiden Festtagen kein Programm auszustrahlen. Die Empörung war groß, die Zustimmung auch.

Den Beschluss, Weihnachten nur ein Testbild zu senden, machten ARD und ZDF erst am 23. Dezember öffentlich - auf Wunsch des Einzelhandels, der sich um sein Weihnachtsgeschäft sorgte. Die FAZ schrieb: "Nach sorgfältiger Abwägung der Verantwortung für den einzelnen Zuschauer und der für das Ganze habe man sich auch entschlossen, zum Schein ein Weihnachtsprogramm anzukündigen."

Vor allem die Kirchen plädierten für die Abschaltung, weil die Gottesdienst-Übertragungen die Menschen vom Besuch der Kirchen abhielten. Dagegen hätten nur die Geistlichen gestimmt, die für die Fernseh-Predigten vorgesehen waren.

Dies war eine Falschmeldung, oder genauer: sie ist teilweise eine Fälschung. Den Bericht über "Weihnachten ohne Fernsehen" veröffentlichte die FAZ in der Tat am 23. Dezember 1977, aber die Meldung war erfunden, oder genauer: Sie war eine Satire, die aber nicht als solche erkennbar war.

Falschmeldungen gab es also lange vor Facebook, und sie lösten auch vor 39 Jahren eine Lawine aus: Die Telefone standen nicht still, weder in der FAZ noch bei den Sendern. Als die Menschen von der Falschmeldung erfahren hatten, kamen Hunderte von Briefen an - auch weil die Zeitungsleser eine neue Erfahrung machten: Die Redaktion gilt nicht mehr unbedingt als eine Institution der Wahrheit und Verlässlichkeit. Zum ersten Mal spürten die Bürger, dass auch Medien in einer Demokratie mit der Wahrheit spielen können, dass sie fähig sind zu manipulieren. Das war das Ziel von Michael Schwarze, dem Autor der Satire - neben der Lust an der Provokation; die Redaktion spielte nicht nur mit, sie schaute gespannt auf die Wirkung.

Joachim Fest, Herausgeber und Mentor Schwarzes, schrieb von der "arrangierten Wirklichkeit und der Lüge, die die Realität produziert", von "Fernsehen und Film als die großen, noch kaum zureichend erfassten Veränderungsimpulse in der gegenwärtigen Welt". Das schrieb Fest sieben Jahre später im Nachruf auf Schwarze, der mit nicht einmal vierzig Jahren am Krebs starb.

"Weihnachten ohne Fernsehen" ist ein historisches Stück, eines der ersten medienkritischen, in dem ein neues Medium, das Fernsehen, entzaubert wird - und das nicht in einem entlegenen Fachmagazin, sondern unübersehbar in einer großen Tageszeitung. Der Artikel hat keine Patina angesetzt, er lohnt immer noch eine Lektüre: Man muss nur "Fernsehen" mit "Internet" tauschen und staunen, wie sehr sich die Diagnosen ähneln.

Schwarze schrieb "Weihnachten ohne Fernsehen" als einen Beitrag zum Silber-Jubiläum: 25 Jahre vorher, am 1. Weihnachtstag 1952, begann das tägliche TV-Programm in Deutschland. Es ist frappierend, wie sehr sich die Erwartungen in den Anfängen gleichen: So wie das Internet als die große Kommunikation von Mensch zu Mensch gepriesen, nahezu verklärt wurde, so würdigte der Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks den Anfang der Fernseh-Ära: "Das Fernsehen schlägt Brücken von Mensch zu Mensch."

Wir schauen heute auf eingestürzte Brücken, in beiden Medien. Michael Schwarze sah die Einstürze voraus, ja er diagnostizierte sie schon. In seiner Satire prägt er den Begriff vom "Typus des Masseneremiten", der die Welt, aber nicht seinen Nachbarn kennt. Sperrte sich der frühe Masseneremit noch in seinem Wohnzimmer ein, so geht er heute, aufs Smartphone schauend, durch die Fußgängerzone und verwechselt die Wirklichkeit auf dem Schirm mit der tatsächlichen, durch die er geisterhaft geht.

Gegen Ende des recht langen Beitrags wird die Satire überdeutlich. Schwarze feiert das Fernsehen ohne Programm als einen pädagogischen Beitrag, die Familien wieder ins Gespräch zu bringen: "Manch alte Tradition, kann man sich vorstellen, dürfte in diesen Tagen wiederaufleben: Blockflöten und Gesangbücher, Spiele, Bücher und Bastelwerkzeige  - all dies wird weder aus dem Keller geholt werden müssen."

Schwarze war offenbar zu der Satire von einem Feldversuch inspiriert worden, über den er knapp zwei Jahre zuvor  berichtet hatte: Vier Wochen lebten zwei Berliner Familien, wissenschaftlich begleitet, ohne das Fernsehen. Doch statt mehr miteinander zu reden, breitete sich Langeweile aus, nahmen Streitigkeiten und Nörgeleien zu. Die Rückkehr des Fernsehapparats verglich Schwarze mit der biblischen Geschichte von der Rückkehr des verlorenen Sohnes.

Was waren das für Zeiten! Gerade mal zwei Stunden durchschnittlich schaute der Bundesbürger auf den Fernseher, heute sind es deutlich mehr. Schon sprach man von "Abhängigkeit" und malte die Zukunft noch düsterer mit Blick auf die Entwicklung in den USA, wo die Menschen vor vierzig Jahren schon über sechs Stunden schauten, also dreimal so viel wie in Deutschland. Deshalb sollte Schwarze auch für die FAZ als Korrespondent in die USA gehen, sollte analysieren, was die neuen Medien aus den Menschen und der Gesellschaft machen. Der Tod war schneller.

Michael Schwarze, wenige Monate vor Kriegsende geboren,  war ein Achtundsechziger, der die Lust an der Utopie verloren hatte. Doch manchmal scheint die Utopie noch auf, etwa wenn er die demokratischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des neuen Mediums abklopft:

"Muss kommen, was technisch machbar ist? Brauchen wir die Verkabelung von Großstädten - Spötter sprechen vom vollverkabelten Analphabeten -, die dreißig Programme in die Wohnstuben bringen kann? Ist ein Rückkanal wünschenswert, der es Zuschauern ermöglicht, per Knopfdruck Programme zu beurteilen, und am Ende womöglich zu einer merkwürdigen Fernsehdemokratie führen wird?"

Wir schmunzeln heute: Wir haben Hunderte von Programmen, haben Einschaltquoten als Rückkanal und "Gefällt mir"-Buttons auf Facebook. Eine merkwürdige Fernsehdemokratie?

Als Michael Schwarze Anfang 1977 Sidney Lumets Film "Network" rezensierte, schrieb er Sätze, wie sie heute einer über das Internet schreiben könnte:

"Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Grenzen zwischen Sein und Schein, zwischen Kunstwelt und Wirklichkeit fließend geworden sind, dass wir Erfahrungen überwiegend nicht mehr machen, sondern zugerichtet geliefert bekommen, dass eine Röhre unser Bild von der Welt formt. Hingenommen haben wir auch jene ungeheure Macht, die jene in den Händen halten, die das übermächtige Medium beherrschen, hoffend, sie würden es schon zum Besten aller nutzen."

Als Michael Schwarze dies schrieb, war Marc Zuckerberg gerade in die Schule gekommen.

INFO

Michael Schwarzes Buch "Weihnachten ohne Fernsehen" erschien 1984, kurz nach seinem frühen Tod, als Suhrkamp-Taschenbuch. Es ist nur noch antiquarisch zu erwerben.

Der Autor

Paul-Josef Raue berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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