Als die Spaziergänger im Pegida-Dresden über die "Lügenpresse" schimpften und es die "Tagesschau" wochenlang wiederholte, gingen viele Journalisten in sich und übten Selbstkritik: Man habe sich zu weit von den Bürgern entfernt, man müsse mit den Leuten reden, man solle sich klar machen, dass es andere Perspektiven gebe als die aus den Fenstern der Redaktionen. "Da muss doch was dran sein", war der Satz, der in Konferenzen im zurückliegenden Jahr am meisten zu hören war. Zudem wolle man nicht das Schicksal der Politiker erleiden, denen man sich doch näher fühlte als vermutet.

Doch das Volk hatte sich weiter von den Journalisten entfernt, als diese vermutet hatten; man könnte auch von Emanzipation sprechen. Die einen, die Hassprediger und ihre Anhänger, vermuten eine strategische Anbiederung der Journalisten, schütteln den Kopf oder machen sich gar lustig, wie die Journalisten zappeln. Die anderen, die Guten und Willkommens-Anhänger, ärgern sich über die Anbiederung der Journalisten an die nicht mehr schweigende Mehrheit; ihnen schwant Schlimmes.

Beiden entgeht nicht das schwindende Selbstbewusstsein der Journalisten, das lange unerschütterlich schien.

Viele Journalisten irritiert, wie der Volksunmut mit  den Argumenten spielt: Er wirft den Journalisten Populismus vor und betreibt ihn selber in einer neuen Variante. Der neue Populismus behauptet selbstgewiss, er spreche für das Volk, für das ganze Volk; wer das bestreite, der höre nicht hin, wie das Volk wirklich denke. So sprachen einst die Journalisten, es war die Gewissheit der Medien.

Das Argument ist nicht neu, fand und findet sich immer wieder in Leserbriefen: Wer sich mit seinen Argumenten kein Gehör verschaffen kann, auch Beleidigungen und üble Nachreden nicht scheut, der schreibt, er wisse viele, wenn nicht die meisten hinter sich und wolle deshalb veröffentlicht werden.

"Populismus" ist das Medienwort des Jahres: Ein unscharfer Begriff, aber ein geläufiger, der die Phantasie bewegt; er wurde früher für Politiker benutzt, die dem Volk nach dem Mund redeten und keine eigene Meinung hatte. Der neue Populismus ist ein Kampfbegriff der Pegida-Nachfolger. Sie schreiben keine Leserbriefe mehr, die im Papierkorb landen, sie sind allgegenwärtig und präsentabel für die alle Medien und Leitartikler.

Die neuen Populisten verraten das Heiligste der Aufklärung: das Gespräch. Die meisten von ihnen wollen nicht sprechen, wollen nicht diskutieren, wollen nicht streiten, sie wollen nur Recht behalten ohne Einspruch, ohne Wenn und Aber.

Das Bizarre an dieser Gesprächsverweigerung: Sie spiegelt die Haltung vieler Journalisten in der Vergangenheit wieder, als sie sich im Besitz der Wahrheit wähnten. Plötzlich ist nichts mehr gewiss, die Demokratie nicht, die Gewaltenteilung nicht, die Pressefreiheit nicht.

Wer es sich einfach machen will, gibt dem Internet die Schild, jenem technischen Wunderwerk, das so schuldig oder unschuldig ist wie ein Bienenkorb: Als ob Hassprediger und Mitläufer den Hass erst mit dem Internet gelernt hätten! Der Rückgang der Auflagen und der Verlust des Vertrauens zu den Journalisten setzte vor dem Internet ein, wie ein Blick in die Statistiken belegt.

"Den Dialog suchen", das Mantra von Journalisten, Politikern und Pädagogen, bezog sich meist nur auf einen Teil der Bürger: Man stritt unter sich, ließ die anderen zuhören und war sicher, dass sie andächtig staunten. Als die anderen nicht mehr staunten, hatten sich die meisten Journalisten in ihrem Elfenbeinturm, hoch über der Masse, schon so kommod gemacht, dass sie den Unmut nicht mehr wahrnahmen.

Viele lokale Zeitungen, die ihre Leser schon immer ernst nahmen, verlieren auch heute kaum Abonnenten und Leser: Wer seiner Zeitung und den Journalisten vertraut, für den ist seine Zeitung eine Heimat; nur wer sich heimatlos fühlt, gewinnt Sympathien für die Demagogen, die scheinbar dem Volk eine Stimme geben.

Das ist auch das Rezept gegen die neuen Populisten: Alle und alles ernst nehmen, aber alle und alles auch moderieren - ohne Zeigefinger und mit Respekt. Wer so seinen Journalismus versteht, der kann nicht nur, der muss Demagogen auch entlarven - und ausrufen wie das Kind im Andersens Märchen: "Der Kaiser ist nackt!" Und keiner sieht's.

Wer so als Journalist arbeitet, braucht keine Gremien, um Falschmeldungen auf Facebook zu entlarven, wie es Politikern gerade verlangen. Das schaffen gute Redaktionen besser - und es ist auch ihre Aufgabe, wenn wir den Artikel 5 unserer Verfassung ernst nehmen.

Die Angst der Politiker vor Fälschungen im Wahlkampf ist ein Vorgeschmack auf kommende Zeiten, wenn zwar noch Journalisten über Wahrheit und Fälschung recherchieren, aber zu wenige Bürger es mitbekommen. Es wird dann keine Öffentlichkeit mehr geben, die aus seriösen Medien in ausreichend großer Zahl ihre Informationen bezieht: Die Öffentlichkeit wird diffus und unberechenbar, gesteuert von Netzwerken voller Fälschungen und Gerüchten. Die Gewissheit, wie die Welt wirklich ist, wird schwinden - selbst wenn der Staat Wahrheits-Kommissionen einsetzen wird.

Wer als Journalist erst heute damit beginnt, seine Leser ernst zu nehmen, wird Geduld brauchen: Er muss den Respekt und das Vertrauen seiner Leser erst gewinnen. Ob Chefredakteure, Manager und Verlage dies wirklich wollen, steht noch dahin. Auch dies sind Entwicklungen des Jahres 2016:

  • Einige investieren Millionen in Vielklick-und Blaulicht-Portale, die nie gutes Geld verdienen werden; sie verstecken den seriösen Journalismus hinter Barrieren  - wohl wissend, dass man so weder ausreichend junge Leser gewinnen wird noch die Nicht-Leser der Zeitung.

  • Man investiert nicht in die Qualität des Journalismus, man stärkt nicht das Lokale und Regionale, sondern spart dort, wo sich die Leser zu Hause fühlen, um in Zentralredaktionen  "Synergien" - auch ein Medienwort des Jahres - zu erwirtschaften, die kaum realisiert werden können.

Vieles wirkt panisch, auch im vergangenen Jahr: Die Werbe-Einnahmen sinken trotz einer außerordentlich guten Konjunktur - zum Teil sogar dramatisch; die Auflagen sinken, wenn auch nicht so dramatisch, und die Zahl der Redakteure wird immer kleiner. Ob der Höhepunkt der Krise erreicht ist? Das steht noch dahin.

Was fiel noch auf im Journalismus des Jahres 2016?

Die Renaissance des Newsletters: Gibt es noch einen Chefredakteur, der keinen schreibt?

Neugründungen von Magazinen aus der Tageszeitung-Redaktion heraus wie die "Langstrecke" der "SZ", die vierteljährlich, und die "Woche" der "FAZ", die sogar jeden Freitag erscheint. Die "Hörzu" hat ihr vorzügliches Reporter-Magazin, das die besten Stücke versammelte, nach einigen Versuchen wieder eingestellt.

Neue journalistische Angebote außerhalb der Konzerne, beispielsweise:

- "Der Kontext", der mit einer tiefen Analyse von TTIP startete es folgten ebenso tiefe zu Syrien und zur Energiewende sowie eine gemeinsame Ausgabe, mit der "Wirtschaftswoche" produziert, über die digitale Zukunft der Wirtschaft;

- "Perspective daily" mit einem täglichen Angebot: Nachdenkliche Erzählstücke, meist jenseits aktueller Themen,  wie "Warum wir online nur noch unsere eigene Meinung hören", "Was ist besser als noch vor einem Jahr", "So kommt man heile durch den Heiligen Abend".

Recherche-Redaktionen außerhalb von Verlagen wie "Correctiv", von Sponsoren gefördert und als "Team des Jahres" ausgezeichnet.

Recherche-Kooperationen von öffentlich-rechtlichen Sendern und der "Süddeutschen Zeitung", der mit den "Panama-Papers" der Coup des Jahres gelang.

Bleibt die seltsam anmutende Frage: Wer soll das alles lesen? Lange Texte und noch mehr lange Texte, gute Texte und noch mehr sehr gute Texte? Ist Lügenpresse wirklich das Thema - oder das Überangebot? Das werden die Themen im neuen Jahr sein - auch in dieser Kolumne.

Der Autor

Paul-Josef Raue veröffentlichte 2016 an jedem Kress-Dienstag seine Kolumnen, beginnend mit der 20-teiligen Serie "Journalismus der Zukunft"; es folgten 27 Kolumnen "JOURNALISMUS!" In diesem Jahr geht's weiter.

Wenn Raue nicht an seiner Kolumne schreibt, berät er Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

Ihre Kommentare
Kopf

Klaus Utermöhle

06.01.2017
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Herr Raue spricht mir aus dem Herzen. Es ist wie in jeder Branche: Einige Konzeptionsstarke und Schnelldenker haben es schon immer gekonnt. Einige haben nachgelernt. Viele verharren in alten Mentalstrukturen und glauben, sie hätten Herrschaftswissen. Damit krönen oder verdammen sie und sind total entgeistert, dass sich darum immer weniger kümmern. Es geht um gute Arbeit mit Disziplin, Anstand und ein bisschen Demut.


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