Warum die Wahl zum "Journalisten des Jahres" in der Schweiz eine Protestdemonstration war

04.01.2017
 

"Die Wahl zum 'Journalisten des Jahres' 2016 war in einem Punkt besonders bemerkenswert. Es war nicht nur eine Wahl, es war mehr als das. Es war so etwas wie eine Protestdemonstration. Die Schweizer Journalisten protestierten gegen die aktuelle Situation in der Medienbranche", so Kurt W. Zimmermann, Chefredakteur des "Schweizer Journalist". "Journalist des Jahres" 2016 wurde Daniel Ryser von der "Wochenzeitung" für seine brillante Reportage über die "Dschihadisten von Bümpliz".

Daniel Ryser arbeitete monatelang an seiner Reportage und sein Blatt druckte sie schließlich auf 28 Seiten. "Eine solch intensive Beschäftigung mit einem Thema leistet sich sonst keine Zeitung mehr", sagt "Journalist"-Chefredakteur Kurt W. Zimmermann. "Es war ein schreiberischer Kraftakt, wie man ihn in unseren Blättern seit Niklaus Meienberg kaum mehr gelesen hat, 28 Seiten lang, und, wie viele große Reportagen, hin- und hergerissen in den Widersprüchen der erkundeten Welt. Reporter Ryser schwankt im Text permanent zwischen Faszination und Widerwillen, zwischen Erkenntnis und Verwirrung. Er kann darum keine schnellen Erklärungsmuster liefern, die sich zu einer griffigen These verdichten ließen. Gute Reporter nehmen uns das Denken nicht ab, sie regen es an."

"Chefredakteurin des Jahres" wurde Susan Boos von der "WoZ". "Sie ermöglicht in ihrem Blatt noch große, zeitintensive Stücke, nicht nur von Ryser. Wenn die 'WoZ' am Ende des Jahres ein wenig Geld verdient hat, dann steht Susan Boos vor die Redaktion und sagt: 'Wir haben etwas Geld übrig. Reicht mir doch bitte ein paar journalistische Projekte ein, die wir damit finanzieren können'", so Kurt W. Zimmermann.

Auf der politisch gegenüberliegenden Straßenseite der "WoZ" sei es interessanterweise ähnlich. Auch die "Weltwoche" investiere noch in Journalismus. Sie schicke beispielsweise den preisgekrönten Reporter Kurt Pelda, "Journalist des Jahres" anno 2014, immer wieder in den Nahen Osten und finanziere seine Recherchen vor Ort. Andere Blätter leisteten sich solch teuren Journalismus aus erster Hand schon lange nicht mehr, sagt Zimmermann.

"Die "Wochenzeitung" wie die "Weltwoche" sind laut dem Chefredakteur des "Schweizer Journalist" ideologisch klar positioniert: "Ich glaube, das ist kein Zufall. Wer eine politische Überzeugung hat, der hat auch eine journalistische Überzeugung. Er will etwas bewirken. Er will seine Weltsicht darlegen. Das ist nicht zu Discountpreisen zu haben. Wer keine politische Überzeugung hat, dem ist auch der Journalismus keine Herzenssache."

Die Kritik richte sich gegen die großen Medienhäuser wie Tamedia und Ringier. Sie haben keine politische Überzeugung. Eine journalistische Überzeugung sei darum auch immer weniger zu erkennen. Man investiere lieber in Handelsgeschäfte und nicht in Redaktionen. Es sei kein Widerspruch, dass bei der Wahl zu den "Journalisten des Jahres" auch drei Journalisten des "Tages-Anzeigers" als Kategoriensieger ausgezeichnet wurden: Michèle Binswanger, Constantin Seibt und Jean-Martin Büttner. Das Trio, wenn man es etwas böse sagen wolle, sei so etwas wie ein Tamedia-Feigenblatt. "Sie können noch jenen Journalismus betreiben, den wir alle wollen. Sie haben Zeit, sie können sich auch mal das Scheitern einer Story leisten, sie können die großen, vertieften Arbeiten liefern. Der Großteil ihrer Kollegen auf der weiter schrumpfenden Redaktion hingegen steckt in der täglichen Stakkato-Maschine der publizistischen Industrieproduktion", weiß Kurt W. Zimmermann. Constantin Seibt habe beim "Tages-Anzeiger" nun gekündigt, weil nach Aussage von Seibt "Tamedia sich zunehmend von der Publizistik verabschiedet".

Ja, die Wahl sei eine Art Protestdemonstration gewesen, betont Kurt W. Zimmermann. "Die Journalisten haben gesagt: Wir wollen unseren Journalismus wiederhaben. In dieses Bild passt, dass auffallend viele SRG-Mitarbeiter (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) auf den vorderen Rängen unserer Wahl liegen, so Zimmermann. Die redaktionellen Arbeitsbedingungen bei Radio und Fernsehen seien, weil durch Zwangsgebühren finanziert, inzwischen besser als in der Privatwirtschaft. Die große Recherche beispielsweise sei hier noch möglich. "Wahlen, so sagt man, drücken den Volkswillen aus. Der journalistische Volkswille ist unüberhörbar."

kress.de-Tipp: Die Zeitschrift "Schweizer Journalist" mit den "Journalisten des Jahres" 2016 gibt es im Newsroom-Shop, oder auch digital - als E-Paper im iKiosk.

Hintergrund: Der "Schweizer Journalist" (Chefredakteur: Kurt W. Zimmermann) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

 

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