Die neue Chefin von "Joy" und "Shape": Wie tickt Nadine Nordmann?

 

Anfang des Jahres hat die langjährige "Bravo"-Chefin Nadine Nordmann die Chefredaktion der Zeitschriften "Joy" und "Shape" übernommen. Wer ist die Journalistin, die ihre ersten Schritte beim "Hellweger Anzeiger" im beschaulichen Unna gemacht hat?

Nadine Nordmann sucht die Nähe der "Bravo"-Leser, die in der Regel zwischen 13 und 15 Jahren alt sind. Manchmal bemüht sie dafür Marktforschung, manchmal horcht sie auf ihr Bauchgefühl, vor allem aber ist sie in den sozialen Medien zuhause. Die "Bravo", eines der vielen Flaggschiffe der Bauer Media Group und inzwischen beinahe konkurrenzlos im Genre, verkaufte zu ihren besten Zeiten eine Million Exemplare - heutzutage liegt die Printauflage bei 130.000 Exemplaren, doch digital erreicht "Bravo" noch immer eine Millionenzielgruppe. "Über Bravo wurde schon auf dem Schulhof gesprochen und die Inhalte geteilt, als es noch gar keine Smartphones gab", lächelt Nordmann, die als Teenager selbst am liebsten "Bravo Girl" las. Für Nordmann steht fest: Nur wer für die eigene Zielgruppe brennt, schafft es, ein Blatt zu machen, das den Leserinnen und Lesern gefällt.

Der Zauber der ersten Seite

Neben der Begeisterung für das Mädchenmagazin schlug das Herz der 1981 im nordrhein-westfälischen Unna geborenen Journalistin schon als Kind für Bücher. Ihr Berufswunsch stand früh fest: Nordmann wollte Schriftstellerin werden. Ihre Eltern lenkten den Schreibdrang jedoch in andere Bahnen - noch als Schülerin machte Nordmann das erste Praktikum beim "Hellweger Anzeiger" in Unna. Am meisten faszinierte sie während dieser Zeit, in der sie den klassischen Lokaljournalismus kennenlernte ("Mit allem Drum und Dran, Männergesangsverein inklusive!") Redaktionsleiter Lars Reckermann (heute Chefredakteur "Nordwest-Zeitung" Oldenburg") - vor allem, weil er "aussuchen durfte, was auf die erste Seite kommt".

Frühe Führungstendenzen? Vielleicht. Ihr Interesse für den Journalismus jedenfalls war geweckt, und so jobbte Nordmann auch während ihres Germanistikstudiums weiter im Lokaljournalismus. "Ich mag meine Heimat und die direkte, bodenständige Art der Leute im Ruhrgebiet. Wir tragen das Herz auf der Zunge - und wir packen gern an. Ich fand es bei der Lokalzeitung super, weil man alles selbst macht - die Fotos, die Geschichten ..."

"Bravo Girl!": Eine Klassenfahrt, auf der ein Heft entsteht

Das folgende Volontariat führte sie 2007 aus dem Ruhrgebiet in eins der größten Verlagshäuser Deutschlands. "Heute haben wir in der Bauer Media Group die Journalistenschule mit bis zu 40 Plätzen pro Jahrgang, in meinem Jahrgang (übrigens dem letzten seiner Art) gab es damals nur zwei Verlagsvolontariatsplätze. Die waren wirklich hart zu bekommen - über mehrere Runden inklusive Online-Psychotest, persönlichem Vorstellungsgespräch und Assessment Center. Ich bin damals vor Freude ausgeflippt, als ich tatsächlich einen der beiden begehrten Plätze ergatterte! Mein Volo war wirklich einzigartig, ich konnte mich einmal durch das komplette Portfolio der Bauer Media Group schnuppern und dabei herausfinden, was mir besonders liegt - und was nicht." Und sich dabei verlieben - erneut in die "Bravo Girl!". "Es war einfach großartig, mit so vielen jungen, extrem kreativen Leuten zusammenzuarbeiten. Das war ein bisschen wie Klassenfahrt, bei der am Ende ein tolles Heft herauskommt."

Von da an war klar, dass Nordmann in der Unterhaltung bleiben wollte. Weil sie, sagt sie, gerne Geschichten erzähle, und Geschichten finde man überall. Bei jugendlichen "Bravo Girl!"-Leserinnen ebenso wie bei älteren von "Das Neue Blatt". Geblieben ist Nordmann dann erst einmal bei "In Touch" - bis im Sommer 2009 das Telefon klingelte und ihr die "Bravo Girl" eine Stelle in München anbot. Dort sah sie sich mit ihren Führungsambitionen konfrontiert. "In der Zeit bei Bravo Girl! habe ich schnell gemerkt, dass ich nicht nur schreiben möchte, sondern dass es mir auch Spaß macht, andere anzuleiten und für meine Ideen zu begeistern."

Deshalb folgten zwei Jahre als Ressortleiterin Aktuelles bei der Funke Mediengruppe - bis der nächste Anruf kam. Diesmal wieder von Bauer: "In der Bewerbungsphase wusste ich gar nicht, um welchen Job es tatsächlich ging - was gut war, denn so konnte ich da sehr frei herangehen. Die Bravo ist ja ein bisschen ein Heiligtum, an dem man nicht kratzen möchte."

Keine Streuverluste beim Heiligtum "Bravo"

2013 übernahm Nordmann dieses Heiligtum mit Verve. 2015 gab es einen großen Relaunch des Heftes, seither sind die Printzahlen stabil und die soziale Reichweite wächst und wächst. "Es ist ein unzeitgemäßes Denken, dass Auflage die einzige Währung ist, um Erfolg zu messen. Wir sehen uns heute als Marke und nicht als eindimensionales Printprodukt. Bravo ist heute Europas größte Teenager-Multichannel-Marke. Wir haben neben der stabilen Auflage der Zeitschrift signifikante Reichweiten online und in den sozialen Netzwerken. Besonders reichweitenstark sind unsere Social Media-Kanäle, die wir mit großem Engagement seit 2015 kontinuierlich und wirklich spektakulär erfolgreich ausbauen. Bravo ist auf allen relevanten Social Media-Kanälen präsent und besitzt auf Instagram, Snapchat, Musical.ly, Whatsapp, YouTube, Facebook und Twitter die mit Abstand größte Followerschaft unter Deutschlands Medienmarken. Auf diesen Kanälen treffe ich genau unsere Kernzielgruppe. Ich habe keinerlei Streuverluste."

Diese Kanäle zu bespielen erfordert eine hohe Medien- und Digitalkompetenz. Dass Nordmanns Redaktion altersmäßig selten weiter als zehn, fünfzehn Jahre von der Zielgruppe entfernt ist, erleichtert den Umgang mit den vielschichtigen Anforderungen, die ein Jugendmagazin mit sich bringt.

So wird getweetet und gesnapt und gepostet, wann immer dem Redaktionsteam etwas Interessantes über den Weg läuft - in München ebenso wie in Hamburg, denn Bravo.de entsteht in enger Zusammenarbeit mit einem Redaktionsteam bei Bauer in Hamburg und auch die Social Media werden von beiden Orten aus bespielt.

 "Youtube ist der beste studentische Nebenjob den man haben kann"

Besonders wichtig seien dabei Emotionen, betont Nordmann, denn ohne Emotionen funktioniere keine Geschichte. Und mit etwas Geschick ließen sich durchaus auch aktuelle und sogar politische Themen einbringen. Durch ein Interview mit einem politisch aktiven Youtuber, der sich für die Flüchtlingshilfe engagiert zum Beispiel. Ohnehin versinnbildlichen Youtuber eine ganz neue Generation von Stars. "Youtube ist ja der beste studentische Nebenjob den man haben kann", bestätigt Nordmann. Und wenn es gut läuft, ist durchaus das ein oder andere "Bravo"-Cover drin. So sind seit einigen Jahren neben Selena Gomez, Taylor Swift oder Justin Bieber auch Beauty-Bloggerin Bibi oder Die Lochis, die in diesem Jahr mit dem Digital Award der "Goldenen Kamera" ausgezeichnet werden, regelmäßig auf den Titelblättern.

Dabei sorgen die Social-Stars durch ihre Nahbarkeit für extrem hohe Reichweite in den Social Media und profitieren umgekehrt von der Reichweite der "Bravo". Doch ob große Stars aus Übersee oder große Stars aus Deutschland: An Türen kratzen muss die "Bravo"-Redaktion nie. "Es ist immer noch so, dass sich die Managements bei uns melden und nicht umgekehrt. Bravo ist ein wichtiger trendsetzender Multiplikator. Außerdem haben wir einen freundschaftlichen, sehr persönlichen Umgang mit den Stars. Das ist etwas Besonderes - und schafft natürlich großes Vertrauen in die Marke."

"Dr. Sommer" ist nach wie vor relevant

In den 60 Jahren ihres Bestehens hat sich "Bravo" immer wieder an die Anforderungen der Zeit angepasst. Heutzutage kuratiert die Redaktion die Lebenswelt der Jugendlichen, denn "wenn die Jugendlichen heute eins überhaupt nicht haben, ist es Zeit. Deshalb bieten wir ihnen einen Überblick und decken kompakt eine große Bandbreite an Themen ab."

Die beliebteste Rubrik im Heft ist übrigens nach wie vor Dr. Sommer, und entgegen der regelmäßig wieder auftauchenden Negativschlagzeilen, für die die Doppelseite sorgt, ist die Chefredakteurin von deren Relevanz überzeugt. "Es ist normal für Teenager, sich zu vergleichen. Ich finde es besser, wenn sie das mit normalen Menschen eines vergleichbaren Alters tun als mit nackten Tatsachen, die man googeln kann. Es geht bei dieser Rubrik - wie überhaupt im ganzen Heft - darum, das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu stärken. Es hilft, wenn man sieht: Die anderen sind auch nicht perfekt. Jugendliche stehen unter einem immensen Druck, den wir ihnen zumindest ein Stück weit nehmen wollen."

Wann kommt der Nadine-Nordmann-Roman?

Anfang dieses Jahres die nächste Karrierestufe, Nadine Nordmann hat die Chefredaktion von "Joy" und "Shape" übernommen. "Bravo und Bravo Girl werden für mich immer einen ganz besonderen Stellenwert haben - immerhin sind sie meine erste Chefredaktion gewesen. Die erste Liebe vergisst man nicht. Ich freue mich riesig auf meine neue Aufgabe als Chefredakteurin von Joy und Shape! Hier warten spannende Herausforderungen und tolle Pläne für die Zukunft auf mich. Und gleichzeitig fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen: denn die Bravo-Girl-Leserin von heute ist ja die Joy-Leserin von morgen. Mit dem kleinen Vorteil, dass ich bei dem erwachseneren Titel jetzt auch Prosecco mit meinen Leserinnen trinken kann und nicht nur Smoothies."

Was für Träume hat eine Journalistin, die sich bereits an vorderster Front verwirklichen darf? "Einen Roman zu schreiben, ist immer noch mein Wunschtraum. Ich will nicht ausschließen, dass es irgendwann mal passiert. Konzepte hätte ich jedenfalls genug in der Schublade", sagt Nadine Nordmann.

Zur Person: Nadine Nordmann

Seit Anfang 2017 Chefredakteurin von "Joy" (Verkaufte Auflage: 251.436 Exemplare, laut IVW 3/2016) und "Shape" (Verkaufte Auflage: 167.795 Exemplare, laut IVW 3/2016).Beruflich: Aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, Abitur, Studium der Germanistik, Psychologie & Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Abschluss: Magister Artium). 2007 Eintritt in die Bauer Media Group als Verlagsvolontärin, unter anderem bei Bravo Girl!, InTouch, tv14.2009 Übernahme als Redakteurin bei Bravo Girl!, 2011 Wechsel zum Gong Verlag (Funke Mediengruppe) als Ressortleiterin Aktuelles.

2013 Rückkehr in die Bauer Media Group als Chefredakteurin Bravo sowie ab 2014 auch Chefredakteurin Bravo Girl!. Seit Anfang Januar 2017 Chefredakteurin der Monatsmagazine Joy und Shape.

Persönlich: Langeweile war ihr schon als Kind ein Graus, sie liebt Abwechslung, spannende Herausforderungen und kreative Ideen auszuleben. Als Freigeist möchte sie sich immer weiterentwickeln, im Job und zwischenmenschlich. Hobbys: Literatur, Konzerte von Punkrock bis Klassik, Reisen, Freunde, Familie. Sie geht gerne schwimmen.

Mitarbeit: Tania Witte

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