Peter Pauls Abschied: Ein Chefredakteur ist das Leittier einer Elefantenherde

 

"JOURNALISMUS!": Die Paul-Josef-Raue-Kolumne erzählt von einem großen Chefredakteur, von seinem großen Abschied und einem eher seltenen. Dass Verleger ihre Chefredakteure würdig verabschieden, war selbstverständlich in alten Zeiten, als Chefredakteure lange blieben, die Auflagen hoch waren ebenso wie die Renditen und das Vertrauen der Leser. Heute teilen Chefredakteure eher das Schicksal von Bundesliga-Trainern, die die Rangliste der Manager anführen, die am schnellsten gefeuert werden.

Peter Pauls widerspricht Jürgen Habermas, der in einem Interview kritisiert hatte: Journalisten werten die "Rechtspopulisten" nur auf, wenn sie zu oft über sie schreiben oder wenn Politiker gar mit ihnen diskutieren. Nein, sagt Peter Pauls, der scheidende Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger" in seiner Abschiedsrede: "Ich kenne kein Phänomen auf dieser Welt, das durch Nicht-Beschäftigung mit ihm einfach verschwunden wäre. Schlagendes Beispiel ist mein Haarausfall."

Peter Pauls geht in den Ruhestand, bleibt Autor des "Stadt-Anzeiger" und vor allem Mitglied der Jury des Deutschen Lokaljournalistenpreises. Sein Verlag organisierte für ihn einen großen Abschied mit langer Gästeliste, gespickt mit Prominenten. Wird ein Chefredakteur so groß verabschiedet, hat das zwei Vorteile:

Erstens zeichnet es den Verlag aus, weil er Respekt vor der Leistung des wichtigsten Mitarbeiters bekundet, zweitens gibt es die Möglichkeit, Grundsätzliches über den Journalismus und die Zunft zu sagen und darüber auch in der Zeitung zu berichten.

Der Verlag hinter dem "Kölner Stadt-Anzeiger" ist offenbar ein Verlag mit Stil. Der Alt-Verleger Alfred Neven DuMont verabschiedete selber noch den in den Ruhestand gehenden Franz Sommerfeld, der erst Chefredakteur, dann Zeitungsvorstand war: Es war wohl einer der letzten öffentlichen Auftritte des kurz darauf verstorbenen Patriarchen.  

Sommerfeld war in der langen Reihe der Chefredakteure seit 1989 der erste, der länger als drei, vier Jahre die Redaktion führen durfte - und nach neun Jahren sogar zum Vorstand befördert wurde. Seinen Nachfolger Peter Pauls, ein Vertrauter des Alt-Verlegers, verabschiedete der Verlag Ende des Jahres nach sieben Jahren in den Ruhestand.

Peter Pauls erzählte in seiner Abschiedsrede von den technischen Revolutionen, die er in Redaktion und Verlag erlebt hatte:

"Das waren glückliche Zeiten, werden Sie denken. Und das stimmt. In der Erinnerung ist das Licht ja immer wärmer." Die digitale Herstellung der Zeitung war die erste Revolution: "Die Schreibmaschinen flogen raus und mit ihr das Durchschlagpapier, das Fax-Gerät, groß wie ein Kühlschrank, brauchten wir auch nicht mehr so recht."

Ohne Wehmut denkt Pauls an die kommende Revolution, der er nicht mehr vorstehen muss: "Was wir digital veranstalten, ist ja nur der Anfang. In wenigen Jahren wird es Roboterjournalismus geben. Einfache Berichte kann er schon jetzt schreiben. Nachrichten werden dann eine Art Grundstoff, und sie werden mit der Logik von Algorithmen verteilt. Alles faszinierend."

Aber jenseits der Anekdoten, ohne die offenbar kein Abschied denkbar ist, schrieb Pauls den Redakteuren eherne Regeln ins Stammbuch, die alle Revolutionen überstanden haben und alle überstehen werden:

  • Journalisten sollen dienen. Sie sind keine Hohepriester der Macht, die dem Volk erklären, wie es die Politik zu sehen hat. Aber sie sollen aufklären.

  • Sie sollen nachvollziehbar arbeiten, Fakten möglichst überprüfen; sie sollen für ihre Leser erreichbar sein und sich klar machen, dass sie über eine gewaltige Macht verfügen, häufig über deutlich mehr als die, über die sie schreiben.

  • Journalisten müssen sich aussetzen in Debatten, Diskussionen, Fragestunden.

Redaktionen verglich Peter Pauls mit einer Elefantenherde: "Die nehmen Schwächere in die Mitte, halten zusammen, wenn die Löwen kommen und verlassen sich auf die Erfahrung von Jahrhunderten. Sie ziehen immer auf den gleichen Routen. Mit allem für und wider, das ist mir schon klar."

Peter Pauls Abschied war ein ganz großer. Ich wundere mich aber immer wieder, wenn Redaktionen Gästelisten abdrucken, auf denen nur Prominente stehen - und kaum einfache Leser. Was denkt wohl ein Abonnent, der seit Jahrzehnten seine Zeitung liest, wenn er die Promi-Liste sieht?

Was denkt ein Leser, wenn er sieht, die "Frau Ministerpräsidentin" sei dem scheidenden Chefredakteur "seit Jahren verbunden" gewesen? Und die sich "mit bewegenden Worten an die Begegnungen mit ihm erinnert", wie im Artikel zur Verabschiedung steht?

Herausgeber Christian DuMont fragte vorab schon - und auch das war zu lesen: Sind Journalisten nahe genug dran an den Menschen und den Problemen der Leser? Wie umgehen mit dem Vorwurf der "Lügenpresse"?

Als Anton Sahlender, langjähriger Vize-Chefredakteur der "Main-Post" in Würzburg, groß verabschiedet wurde, hatte er einen Wunsch: Keine Politiker! - dafür aber viele Leser und die Wasserball-Mannschaft, in der er gespielt hatte. Auch an diesem Abend in Würzburg ging es grundsätzlich zu - auch ohne Politiker.

"Wir stehen nun wieder am Fuß einer Revolution", endete Peter Pauls. Aber: "Die nächste Revolution findet ohne mich statt. Aber ich wünsche ihr ein gutes Gelingen."

AUTOR

Paul-Josef Raue (66) war zu Peter Pauls Abschied nicht eingeladen, aber er hat die Rede gelesen und die Berichterstattung in der Zeitung. Raue hat selbst viele Abschiede hinter sich, aber keine großen. Er war über dreißig Jahre Chefredakteur in Marburg, Eisenach, Frankfurt, Magdeburg, Braunschweig und Thüringen und stand mehr als ein Dutzend Mal mit seinen Redaktionen auf der Siegerliste des Deutschen Lokaljournalistenpreises. Heute berät er Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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