Peter Bandermann im Interview: "Ich bin gerne Journalist. Aber der Job wird anstrengender"

 

Der Journalist Peter Bandermann hat für die "Ruhr Nachrichten" über die Silvesternacht von Dortmund geschrieben. Sein Bericht wurde von rechten Portalen wie "Breitbart" so verzerrt wiedergegeben, dass es ihn "überaus entsetzte". Nachdem er sich dagegen wehrte, erhielt der 49-Jährige verkappte Morddrohungen. Mit kress.de sprach Bandermann auch darüber, ob ihm sein Job noch Spaß macht.

Peter Bandermann ist einer der bekanntesten Journalisten im Ruhrgebiet. Seit vielen Jahren schreibt er über die Dortmunder Neonazi-Szene. Im Februar 2015 lancierten Rechtsextremisten gefälschte Todesanzeigen in soziale Medien, in denen die Namen von Bandermann und anderer Kollegen standen. Sein Bericht über die Dortmunder Silvesternacht sorgte weltweit für Furore - was dem 49-Jährigen ganz und gar nicht gefiel. kress.de sprach mit Bandermann über die Silvesternacht und was dann folgte.

kress.de: Herr Bandermann, Sie haben einen Scoop gelandet, der weltweit wahrgenommen wurde, aber gar keiner war. Wie kam es dazu?

Peter Bandermann: Das frage ich mich auch. Ich habe aufgeschrieben, was ich erlebt, gesehen und mir fünf, sechs Quellen, darunter Einsatzleitungen bei Polizei und Feuerwehr, erklärt und bestätigt haben. Was daraus aber gemacht wurde, hat mich erst sehr verwundert und dann überaus entsetzt.

kress.de: Wie lief denn Ihre Silvesternacht ab?

Peter Bandermann: Ab 21.30 Uhr war ich in Dortmund unterwegs, zunächst am Hauptbahnhof, wo ein von der Stadt angeordnetes Böllerverbot galt. Auf dem Weg durch die City sah ich auffällig viele junge, ausländische Männer, die scheinbar ziellos durch die Stadt liefen. Die Personengruppe und ihr Verhalten erinnerte an die Kölner Silvesternacht 2015/16. Auffällig war das respektlose und aggressive Auftreten gegenüber der Polizei. Feuerwerkskörper wurden trotz des Verbots gezündet, die Polizei mit Böllern beschossen.

kress.de: Wie hat die Polizei reagiert?

Peter Bandermann: Gegen 23.15 Uhr hat sie ihr ohnehin schon starkes Aufgebot weiter erhöht. Sie hat Platzverweise ausgesprochen. Bald verlagerte sich das Geschehen zum Platz von Leeds. Die rund 1000 Anwesenden - die meisten waren Nordafrikaner und andere Flüchtlinge -, brannten schon 23.30 Uhr Feuerwerke ab, als wäre Mitternacht. Dort galt das Böllerverbot nicht. Aber in der Nähe von Kirchen ist das Abbrennen von Feuerwerk sowieso untersagt.

kress.de: Am Platz von Leeds steht die Reinoldikirche. Das ist das Gotteshaus, das laut "Breitbart" von einem muslimischen Mob mit Raketen beschossen worden sein soll mit dem Ziel, die Kirche abzufackeln.

Peter Bandermann: Tatsächlich wurden auf dem Platz Unmengen Pyrotechnik abgebrannt, auch enorm fahrlässig und aggressiv, etwa aus der Hand gezielt in die Menschenmenge und auf Polizisten. Die Polizei ging entschlossen dagegen vor, teils erfolgreich. Die Plane am Baugerüst der Reinoldikirche bekam wahrscheinlich eine Rakete ab. Dort ist eine kleine Verschmorung erkennbar gewesen. Der Feuerwehreinsatz vom Eintreffen bis zur Abfahrt dauerte zwölf Minuten.  

kress.de: Wer hat die Rakete auf die Kirche abgefeuert?

Peter Bandermann: Das weiß ich nicht. Es ist allerdings unmöglich, vom Platz von Leeds aus die Reinoldikirche mit dem Ziel zu treffen, sie in Brand zu setzen. Das Gerüst steht an der vom Platz abgewandten Kirchenseite. In meinen Bericht für die "Ruhr Nachrichten" habe ich den Vorgang erwähnt. Als ich sah, dass daraus in rechtspopulistischen Medien und auf Twitter ein gezielter Angriff eines Moslem-Mobs gemacht worden ist, habe ich mir die Augen gerieben. Auch, als es später hieß, dass die Dortmunder Liebfrauenkirche angegriffen und niedergebrannt worden sei.  

kress.de: Hat irgendeine Kirche in Dortmund gebrannt oder nicht?

Peter Bandermann: Nein, keine. Dann würde es Fotos oder Videos davon geben. Die Plane am Baugerüst der Reinoldikirche war angekokelt. Das ist schlimm genug, wer immer es war. Aber das war alles.

kress.de: Und was war mit den Allahu-Akbar-Rufen?

Peter Bandermann: Die hat es gegeben. Ich fand sie in der Silvesternacht unsensibel und respektlos. In Deutschland wird dieser Ruf nun einmal mit Terror verbunden. Gerufen haben es 50 bis 70 Personen arabischer Herkunft. Ein Mann aus ihrer Mitte sagte in gebrochenem Deutsch, sie feierten den Waffenstillstand in Aleppo. Diese Leute waren friedlich. Ein Video dazu stellte ich auf Twitter ein. Von da an nahm das Schicksal seinen Lauf.

kress.de: Heißt was?

Peter Bandermann: Ich erhielt viele Reaktionen darauf, erst aus Deutschland, dann aus Großbritannien und den USA. Es dauerte nicht lange, bis ich gefragt wurde, wann "endlich" 100.000 Leute Angela Merkel lynchten. Oder warum die Polizei nicht mit Gewehren auf die 1000 Leute geschossen habe. Nachdem ich widersprach und nicht bestätigte, dass die Kirche abgefackelt worden sei, wurde ich zum Vertreter der Lügenpresse erklärt. Mir wurden Galgen und Bilder von abgehackten Köpfen zugetwittert.

kress.de: Es wirkt paradox, dass Portale wie "Breitbart" und der österreichische "Wochenblick" auf Grundlage ihres Artikels überspitzte Berichte veröffentlichen, ohne deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, und anschließend der Urheber mit dem Tode bedroht wird, weil er die Überzeichnungen nicht bestätigt. Wie sehen Sie das?

Peter Bandermann: Natürlich ist das schizophren. Aber mit solchen Widersprüchen werden Journalisten doch inzwischen ständig konfrontiert. Es hieß dann auch, der muslimische Mob habe die Feuerwehr beim Einsatz an der Reinoldikirche behindert. Schon in der Silvesternacht hatte ich die Frage beim Lagedienst der Feuerwehr mehrfach gestellt. Dort war und ist bis heute nichts davon bekannt.

kress.de: Haben Sie bei Twitter dagegen gehalten?

Peter Bandermann: Anfangs ja. Aber die Wahrheit interessiert doch niemanden, wenn sie nicht ins Weltbild passt. Oder es heißt: "Das dürfen Sie nicht sagen." Da habe ich es mit Ironie versucht: "Genau, Merkel bezahlt mich dafür." Ich bin völlig überrannt worden und habe die Lust an der Debatte verloren. Ich frage mich: Was passiert gerade in unserem Land?

kress.de: Und, wissen Sie es?

Peter Bandermann: Ich kann die Symptome beschreiben. Rechtspopulistische Medien setzen auf Lügen und bewusste Verdrehungen, um Stimmung zu machen. Da wird in einem ruhigen, sachlich wirkenden Schreibstil, der seine Wirkung nicht verfehlt, verzerrend berichtet. Das ist kein Journalismus, sondern gefährliche Propaganda, weil die Texte Köpfe und Herz treffen.

kress.de: Der "Wochenblick" schreibt: "Die Ruhr Nachrichten sind bemüht, die Sache nicht zu sehr aufzubauschen". Stimmt das?

Peter Bandermann: Ach was, ein hanebüchener Vorwurf. Die Silvesternacht in Dortmund war kein Kindergeburtstag, aber auch kein Terroranschlag. Als Journalist habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen gemacht, Fakten genannt, eigene Beobachtungen beschrieben und mehrere Quellen zitiert, ohne etwas zurückzuhalten. Meine Meinung ist in meinem Silvester-Artikel nicht erkennbar. Das wäre Leserbevormundung, die ich ablehne.

kress.de: Im "Wochenblick" hieß es weiter: "Dass die Dortmunder Reinoldikirche mit Feuerwerk beschossen wurde und die Feuerwehr eingreifen musste, wird von den Ruhr Nachrichten nur beiläufig erwähnt".

Peter Bandermann: Wo fängt Beiläufigkeit an, wo hört sie auf? Ich habe es erwähnt. Da es keinen gezielten Beschuss gab und nichts passiert ist, reichte das aus.

kress.de: Hat das österreichische Blatt Sie um Stellungnahme gebeten, wie es die journalistische Sorgfaltspflicht verlangt?

Peter Bandermann: Nein. Es gab keinen einzigen Versuch, mich zu kontaktieren.

kress.de: Der "Wochenblick" erklärt über sich, er bekenne sich "zur journalistischen Ethik und Freiheit"...

Peter Bandermann: ... das ist eine ganz eigene​ Auslegung von Freiheit. Wer Rechtspopulismus befeuert, ebnet den Weg zum Extremismus und missbraucht die journalistische Freiheit, die nicht dafür geschaffen wurde, Tatsachen zu verfälschen.

kress.de: Macht Ihnen der Job noch Spaß? Haben Sie Angst?

Peter Bandermann (überlegt eine Weile): Ja, ich bin gerne Journalist. Aber die Aufgaben werden komplexer und der Job wird anstrengender. Hassbotschaften und Morddrohungen bin ich aus der Neonazi-Szene gewohnt. Ich habe gelernt, damit zu leben. Angst habe ich nicht. Ich mache weiter.

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