Julia Jäkel rät Führungskräften: "Sie müssen es schaffen, eine Atmosphäre der Veränderung zu erzeugen"

11.01.2017
 

"Change" ist nicht ihr Begriff. Das klinge nach Lehrbuch, sagt Julia Jäkel im kress-Interview. Führungskräften rät die Gruner+Jahr-Chefin und frischgebackene "Medienmanagerin des Jahres": "Sie müssen es schaffen, eine Atmosphäre der Veränderung zu erzeugen." Ganz wichtig ist für Jäkel, dass die Mitarbeiter dabei Erfolgserlebnisse sehen. 

kress: Frau Jäkel, Sie bauen Gruner + Jahr gerade ganz schön um. Können Sie Ihre Strategie auf eine kurze Formel bringen: Wo wollen Sie eigentlich hin?

Julia Jäkel: Menschen sind komplexe Wesen, sie konsumieren mal digitale, mal analoge Angebote. Und genau für diese Menschen schaffen wir Medien: Wir wollen ein erfolgreiches Digitalgeschäft betreiben und der beste und innovativste Magazinverlag sein. Das unterscheidet uns vielleicht von anderen großen Verlagshäusern. Wir gehen einen integrierten Weg. Entscheidend ist: Der Kern unseres Geschäfts bleibt guter Journalismus. Das ist es, was uns antreibt. 

kress: Trifft es trotzdem zu, dass Sie die Abhängigkeit vom inhaltegetriebenen Geschäft reduzieren wollen?

Julia Jäkel: Nein, wir wollen die Chancen nutzen. Wir haben das Glück, durch unsere vielen journalistischen Qualitätsmarken enge Bindungen zu unseren Lesern zu halten. Das sind nachhaltige Beziehungen, unsere Leser lieben unsere Magazine. Und das gibt uns die Möglichkeit, rund um die etablierten Marken neue Geschäfte zu betreiben. Und uns gelingen auch immer wieder neue Magazine, die ebenfalls rasch eine Fanbasis aufbauen.

kress: "Monocle"-Verleger Tyler Brûlé sagte uns kürzlich, er habe in der Vergangenheit auf dem deutschen Magazinmarkt den Mut vermisst.

Julia Jäkel: Richtig ist, dass es eine Art Innovationsstau gab. Es herrschte eine gewisse Bedrückung, dass in diesem Markt nicht mehr so richtig viel ginge, da hat Tyler recht. Und das hat sich als grundfalsch herausgestellt. Es geht noch ganz viel, wenn man die Gedankenschnelligkeit hat, sich auf Neues einzulassen und es zügig umzusetzen. Das war schon immer die Stärke von G+J: die Entwicklungen einer Gesellschaft zu erspüren und publizistische Angebote dafür zu schaffen. Dies haben wir reaktiviert, da kann ich viele Beispiele nennen: "Flow", "Stern Crime", "Essen + Trinken mit Thermomix".

kress: Sie haben seit Frühjahr 2015 mit Ihrer Innovationsoffensive rund ein Dutzend Titel gestartet. Geht das 2017 in dieser Frequenz so weiter?

Julia Jäkel: Den Begriff Innovationsoffensive mag ich nicht. Wir wollen ja eine dauerhafte Innovationskultur schaffen. Das bedeutet aber nicht, dass wir wie die Irren Hefte lancieren. Vielleicht werden wir im kommenden Jahr etwas konservativer sein, mal sehen. Wir wollen die Lust auf Neues wachhalten, und daraus entstehen Dinge. Ich habe nie etwas davon gehalten, Innovation in einer Art industriellem Prozess erzeugen zu wollen.

kress: Woran lag's, dass das Magazin "Frei" gescheitert ist?

Julia Jäkel: Ich kann das immer noch nicht in zwei, drei analytischen Sätzen zusammenfassen. Aber wir mussten erkennen, dass es die Leserinnen nicht ausreichend erreicht hat. Das war aber, auch wenn es seltsam klingt, einer der bedeutenden und lehrreichen Momente dieses Jahres: zu sehen, wie offen alle bei G+J mit der Einstellung von "Frei" umgegangen sind. Das ist ganz zentral: Wer Angst vor dem Scheitern hat, wird mutlos.

kress: Für viele Führungskräfte ist das ein ganz großes Thema: Wie nehmen Sie die Mitarbeiter mit und schaffen den großen Change?

Julia Jäkel: "Change" ist nicht mein Begriff. Das klingt nach Lehrbuch, so funktioniert das aber nicht. Sie müssen es schaffen, eine Atmosphäre der Veränderung zu erzeugen. Das gelingt, wenn die richtigen Menschen an den richtigen Stellen sitzen. Dazu braucht man Führungskräfte, die nicht romantisch nach hinten schauen, sondern unternehmerische Chancen erkennen und andere mitreißen.

kress: Bei diesen Veränderungen gibt es Gewinner, aber auch Verlierer. Die große Frage lautet: Wie nimmt man die Verlierer mit, die liebgewonnene Aufgaben oder Privilegien abgeben müssen?

Julia Jäkel: Ganz wichtig ist, dass die Leute Erfolgserlebnisse in der Veränderung sehen. Wenn ein Magazin wie "Barbara" ankommt, motiviert das nicht nur das "Barbara"-Team, sondern alle im Verlag. Am Ende ist entscheidend, dass genug Kolleginnen und Kollegen den neuen Weg mitgehen. 


kress.de-Tipp: Das Gespräch ist ein kleiner Auszug aus der Titelgeschichte des aktuellen "kress pro": Chefredakteur Markus Wiegand hat dabei Julia Jäkel interviewt, die "Medienmanagerin des Jahres" 2016. 

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Das E-Paper der aktuellen Ausgabe 10/2016 gibt es im newsroom.de-Shop und im iKiosk. Zum "kress pro"-Abo geht es hier entlang.

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Dietmar Braun

11.01.2017
!

Der Change in der deutschen Medienbranche tritt ein, wenn freie Journalistinnen und Journalisten als Autoren auf Augenhöhe behandelt werden und nicht als geringwertige Lückenfüller für Content. Viele dieser freien Autoren haben in Blogs und sozialen Netzerken Follower und Fans in zig-facher Millionenhöhe und müssen sich dann von hauptberuflichen Redakteuren demütigen lassen, die selbst kaum noch Nutzer und Leser erreichen. Da muss ein Change erfolgen. Die "Schleusenwärter" sollten fairer sein.


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