Einwurf: Franz Sommerfeld über von Donald Trump überforderte Journalisten

12.01.2017
 
 

Die bizarre Pressekonferenz des designierten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika führte den Zuschauern weltweit vor Augen, welch ungewisse und im Zweifel auch gefährliche Zeiten schon vor der offiziellen Amtseinführung Donald Trumps (Foto) begonnen haben. Ein Einwurf von Franz Sommerfeld.

Zudem zeigt sie ratlose Journalisten, die sich dieser historischen Herausforderung nicht gewachsen zeigen. Angesichts eines Mannes, der nichts von der Würde und Erhabenheit des von ihm anzutretenen Amtes versteht, lassen sie selbst journalistische Maßstäbe schleifen.

So verstärkt Trumps Wahl einen durch das Netz ausgelösten Trend, Nachrichten, Meinungen und Gefühle fröhlich zu vermischen. Anstatt mit journalistischer Kälte und analytischer Konzentration zu berichten, lassen uns Moderatoren an ihrer Betroffenheit über Trump teilhaben.

Wenn sie dann aber andachtsvoll zur Abschiedsrede von Barack Obama überleiten, muss man schon froh sein, dass ihre Stimme nicht von einem Tremolo erhöht wird. Dabei sind beide Auftritte, so grundlegend sie sich in Inhalt und Form unterscheiden, sehr amerikanisch. Obama bedient die intellektuellen Erwartungen der Feuilleton-Leser. Trump erinnert, wenn er mal nicht zornig ist, mit seiner Begeisterung ("fantastischer Mann") an die Vereinigten Staaten des letzten Jahrhunderts.

Das macht ihn nicht harmloser.

Zu Recht wertet Trump die Veröffentlichung des Dossiers eines zwielichtigen britischen Nachrichtenbrokers durch Buzzfeed über ihn als "Schande" und "politische Hexenjagd". Genau das ist es. Denn nichts ist belegt. Auch Angela Merkel hätte dem Korrespondenten eines Senders, der dieses Dossier ohne Veröffentlichung der Details, aber mit Verweis auf Buzzfeed bekannt gemacht hätte, nicht erlaubt, auf ihrer Pressekonferenz Stellungnahmen abzugeben, wie es CNN-Reporter Jim Acosta versuchte.

Manchen deutschen Korrespondenten schien dies sofort ein Signal für die Bedrohung der Pressefreiheit zu sein. Es kann gut sein, dass Trump von Pressefreiheit nicht viel hält, aber sie wurde nicht durch das Abwürgen des CNN-Reporters beschädigt, sondern durch die Veröffentlichung dieses Dossiers. Hier macht sich eine Haltung breit, nach der Trump so gefährlich ist, dass er ohne Rücksicht auf ehtische Normen bekämpft werden darf. Der Zweck heiligt die Mittel. Damit wird zerstört, was zu verteidigen vorgegeben wird.

Während die "FAZ" über das Anti-Trump-Dossier mit der gebotenen Zurückhaltung berichtet, entfaltet die "Süddeutsche" auf der Seite drei die Details angeblicher Sexspielen und erlaubt sich abschließend einen kleinen Scherz auf Kosten von Trump: "Mag sein, dass das Hotel ihm beim Check-out eine neue Matratze auf die Rechnung gesetzt hat." Um nach dieser Unernsthaftigkeit in die Attitüde des empörten Kleinbürgers zu verfallen: "Wie gesagt: eklig, in den Augen der meisten Menschen vielleicht pervers".

Nachdem die "Süddeutsche" den Unterhaltungsteil abgeschlossen hat, erinnert sie sich ihres journalistischen Amtes: "Allerdings muss man natürlich die Frage stellen, ob das alles so stimmt".

Da entdeckt die Zeitung ein ansonsten bei ihr selten zu beobachtendes Vertrauen zu den Geheimdiensten: "Allein die Tatsache, dass eine Information in die Briefing-Unterlagen für den US-Präsidenten aufgenommen wird, gibt dieser Information jedoch schon zumindest einen Hauch von Authentizität. So scheint es auch im Fall der belastenden Dokumente zu sein. Obwohl die US-Dienste den Inhalt nicht verifiziert haben, halten sie offenbar den Autor der Dokumente - den ehemaligen britischen Geheimdienst-Kollegen - für glaubwürdig, erfahren und vertrauensvoll genug, um dessen Erkenntnisse halbwegs ernst zu nehmen." Die "Welt" ist dagegen journalistisch verfahren und hat sich zumindest bemüht, zum Urheber des Dossier zu recherchieren.

Der "Süddeutschen" reicht dagegen "ein halbwegs ernster Hauch von Authentizität", um ihren Lesern die in Wirklichkeit durch nichts belegten Vorwürfe im Detail darzulegen. So viel Gutmütigkeit würde sich BND oder Verfassungsschutz einmal von "SZ"-Redakteur Heribert Prantl wünschen.

Aber wichtiger ist die Frage: Wäre die "Süddeutsche" auch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Vizekanzler Sigmar Gabriel ähnlich verfahren?

In Zeiten, in denen zum ersten Mal die demokratischen Ordnungen der westlichen Welt bedroht erscheinen, wächst die Verantwortung der Journalisten, erst Recht, weil sich im Netz noch keine wirklich neue Form von Journalismus oder Publizistik entwickelt hat, die die herkömmlichen Medien ablöst.

Ihre erste Pflicht ist, zu berichten, zu recherchieren und zu analysieren. Und das unvoreingenommen und möglichst unabhängig.

Wenn Journalisten glauben, bei der Verteidigung der Demokratie selbst Partei werden zu müssen, dann geht das nur, indem sie die Werte praktizieren, die sie verteidigen wollen und sich in ihrem Vorgehen nicht mit denen gemein machen, vor denen sie die demokratische Ordnung schützen wollen. Kein Zweck heiligt ein Mittel.

Franz Sommerfeld

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