Comedy-Autor Micky Beisenherz im Interview: Über den Dschungel, die sozialen Medien und Humor

13.01.2017
 
 

Micky Beisenherz ist der gefragteste Comedy-Autor Deutschlands. Im Interview mit Chefredakteur David Rollik vom BVG-Kundenmagazin "Plus" spricht der 39-Jährige unter anderem über das "Dschungelcamp", seine Kolumnen in "GQ" und im "Stern" und seine Heimat, das Ruhrgebiet.

Im vergangenen Jahr standen die Chancen gut, dich zu sehen, sobald man den Fernseher einschaltete oder eine Zeitschrift aufschlug. Am Ende habe ich fast ein wenig den Überblick verloren, so viel hast du gemacht.

Micky Beisenherz: Ich bin ein Multijobber, aber es macht halt einfach auch alles total Spaß. Also egal, ob das Kolumnenschreiben für den "Stern" oder die "GQ", die Arbeit hinter den Kulissen mit Joko und Klaas, die "Heute Show" oder "Extra 3" ... und dann noch die zwei, drei Sachen, bei denen ich vor der Kamera bin: Die machen mir alle Freude. Und sie passen letzten Endes alle gut in mein Gesamtkonzept: in irgendeiner Form immer die Auseinandersetzung mit Menschen in satirischer oder in teilweise auch etwas dreisterer Form, siehe "Dschungel". Das hat sich im Laufe der Jahre so toll für mich entwickelt, dass ich ausschließlich Sachen mache, die mir Freude bereiten und die ich im Zweifel auch selber konsumieren würde.

Die meisten verbinden dich vor allem mit dem "Dschungel", du hast ihn angesprochen. Heute, am Freitag, den 13. Januar, geht "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" oder kurz das "Dschungelcamp" in die nächste Runde. Du schreibst dort die Texte.

Micky Beisenherz: Zusammen mit Jens Oliver Haas und Jörg Uebber. Wir sind mittlerweile ein Trio.

Gibt es einen Kandidaten, auf den du dich besonders freust?

Micky Beisenherz: Kann ich ehrlicherweise gar nicht sagen, weil ich mich vorher meistens noch nicht damit beschäftigte. Mein Lieblings-"Dschungel"-Kandidat ist eigentlich derjenige, mit dem du zunächst nicht rechnest. Aber generell ist natürlich immer das Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung toll. Deswegen ist nach wie vor mein absoluter Lieblingskandidat Peter Bond, der die totale Minderleistung, sei es im "Dschungel" als auch beruflich, immer als das ganz große Ding verkauft und keinen Zweifel daran lässt, dass man halt wirklich einfach der Allergeilste ist. Das ist schon toll, das ist wirklich bestes Entertainment.

Du unterscheidest das "Dschungelcamp" stark von anderen Formaten wie "Schwiegertochter gesucht", das von dir gescholten wird.

Micky Beisenherz: Der Unterschied ist für mich, dass wir es bei "Schwiegertochter gesucht" ausschließlich mit Menschen zu tun haben, die in der Regel sehr medienunerfahren sind und die, wenn wir es ganz streng sehen, weniger einen Partner als erst mal einen Betreuer brauchen. Im "Dschungel" hast du es für gewöhnlich mit Menschen zu tun, die eine gewisse mediale Vorerfahrung haben und, sagen wir mal, geistig auch ein bisschen stabiler sind als die Menschen, die bei "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" mitmachen. Da verläuft für mich ganz klar die Grenze und deshalb betreibe ich den "Dschungel" auch mit großer Freude, weil er, auch im Gegensatz zu diesen anderen Formaten, eine Sendung ist, die nicht ausschließlich Verlierer produziert. Wenn du mal unterm Strich guckst, wer bei uns mitgemacht hat, dann hast du unter den Kandidaten auch immer ein Drittel, die daraus sehr positiv hervorgehen, die von den Menschen nicht nur Häme erfahren, sondern auch sehr viel Wärme und sogar zumindest einen zwischenzeitlichen, nennen wir es mal ganz vorsichtig, Karriereboost. Dann hast du ein Drittel, die laufen unterm Radar durch, da hast du es ganz schnell wieder vergessen, dass die dabei waren. Und dann hast du noch einmal das andere Drittel, die sich zum Affen machen, das hält aber auch nicht so ewig lange vor, auch die werden nicht geteert und gefedert. Und sie wissen, was da auf sie zukommt. Für mich ist das ein tolles Unterhaltungsformat.

Was sind die sozialen Medien für dich? Du bespielst Facebook und Twitter sehr intensiv. Da gibt es mehrmals am Tag Gags von dir, geschrieben oder gezeichnet.

Micky Beisenherz: Angefangen hat das wie bei allen anderen - einfach als private Eitelkeit, und dann wuchs es zu einer Art kleiner Entertainment-Plattform an, die mittlerweile doch von recht vielen Leuten gelesen wird. Unterm Strich geht es in erster Linie um Unterhaltung und auch ein bisschen Haltung, was man durchaus auch mal durchschimmern lassen sollte, finde ich zumindest.

Das stimmt, manchmal ist es nur Nonsens, manchmal wirst du aber auch politisch. Da kommt dann nicht jeder deiner Fans mehr mit und versteht das.

Micky Beisenherz: Das nehme ich billigend in Kauf. Manche Sachen setzen eine gewisse Vorinformation voraus. Ich finde, eine gesunde Mischung ist ganz vorteilhaft, statt nur die Gags zu machen, von denen ich weiß, dass sie bei allen funktionieren. Und es gibt auch viele, die haben was in der Birne, und dann macht man das halt nur für die. Mir hat Facebook persönlich wahnsinnig viel gebracht. Mich hat es nicht dümmer gemacht. Auf meiner privaten Seite ist viel Austausch mit Leuten, da werden wirklich sehr viele kluge Gedanken geäußert. Natürlich innerhalb meiner Filterblase, klar, wobei bei mir auch Menschen darunter sind, die tendenziell dem rechten Lager angehören. Rechts ist ja auch erstmal nichts schlimmes, genauso wie links. Solange die Positionen nicht extremistisch sind, kann es für die Erweiterung des gedanklichen Horizonts sehr hilfreich sein, mal die andere Seite zu hören.

Wie sehr leidest du, wenn bei dir Leute in den Kommentaren unter deinen Postings versuchen, auf eine gute Pointe noch eins draufzusetzen?

Micky Beisenherz: Das ist richtig schlimm. Oder sie dann noch mal erklären. Das ist reinste Qual, da möchte ich manchmal schreiben "Kinder, bitte. Hört auf. Lasst es einfach, sonst lösche ich gleich alles." Ansonsten schaue ich in die Kommentarleiste deutlich weniger rein, als man denken würde. Ich schaue aber ab und zu, um zu gucken, wie die Reaktion ist, wenn ich etwas gepostet habe. Wie ist die Tendenz? Wie nehmen es die Leute wahr, auf deren Urteil ich Wert lege? Wenn 3000 Leute schreiben "Du Vollidiot", dann stört mich das erstmal nicht. Aber wenn es von fünf Leuten kommt, auf deren Urteil ich etwas gebe, dann werde ich schon hellhörig.

Mit dem, was du in einer Woche bei Facebook veröffentlichst, könnte der ein oder andere Comedian, den man so kennt, zwei Jahre auf Tour gehen.

Micky Beisenherz: Es gibt sogar welche, die gehen damit fünf Jahre auf Tour. Ich bin immer erstaunt, dass von Menschen, die offiziell unter dem Titel "Komiker" firmieren, so erstaunlich wenig Quantität und Qualität kommt. Von Leuten, die das hauptberuflich machen. Egal, ob jetzt auf einer ganz kleinen oder größeren Bühne. Da kommt oft nix, gar nix.

Wie steht es denn aus deiner Sicht um Comedy in Deutschland?

Micky Beisenherz: Die wird ja momentan gerne komplett runtergemacht, und wenn man sich so diverse Sender anguckt, dann kann ich auch verstehen, warum man in so einen Kulturpessimismus verfällt. Ich würde das aber nicht so negativ sehen. Da liegt die Wahrheit wie so häufig in der Mitte. Es gibt wahnsinnig zahnlose, harmlose Arenen-Comedy, die natürlich auch nix anderes sein möchte als die Helene Fischer des Humors. Aber es gibt auch sehr viele sehr gute Komiker, die noch die kleineren Läden bespielen und es sich auf die Fahnen geschrieben haben, böse zu sein, hart zu sein oder - um es mal positiver zu formulieren - ein bisschen an die Grundfesten zu gehen, an unseren Befindlichkeiten zu rütteln und den einen oder anderen Lacher zu generieren, der einem im Halse stecken bleibt. Vor ein paar Jahren hatte ich eher noch das Gefühl, dass ganz viele Komiker nur ganz schnell ins Stadion kommen wollen. Mittlerweile hat sich das etwas umgekehrt, jetzt geht es wieder darum: "Hab ich tatsächlich etwas zu erzählen?"

In der "Süddeutschen Zeitung" wurde vor ein paar Jahren Oliver Welke ("Heute Show") zitiert, der sagte, du seist "der einzige telegene Comedy-Autor", den er jemals getroffen habe. Wenn ich mich zurückerinnere - der Klassenclown war selten der Attraktivste. Wann hast du erkannt, dass du nicht nur schön, sondern auch lustig bist?

Micky Beisenherz: Oha. Ich habe schon als ganz kleines Kind bemerkt, dass da ein gewisses Unterhaltungspotenzial vorhanden ist. Da zieht man sich mal Omas Klamotten an und rutscht dann auf allen vieren ins Wohnzimmer und die Eltern lachen ... Dann hab ich meinen sechs Jahre älteren Bruder und seine Kumpels mit Hape-Kerkeling-Parodien unterhalten. Glücklicherweise war ich eine Zeit lang aber auch relativ dick, so im Alter zwischen 8 und 14, das war dann genau die Phase, in der man nicht so einen Schlag bei Mädels hatte und eine alternative Strategie entwickeln musste. Offenbar hatte ich genügend Verzweiflung und Entertainmentpotenzial angehäuft, um darauf eine nachhaltige Karriere aufzubauen. Und als es dann bei den Mädels richtig wichtig wurde, habe ich halt einfach abgenommen. Eigentlich eine gute Doppelstrategie, würde ich sagen.

Du bist in Recklinghausen geboren ...

Micky Beisenherz: ... und in Castrop-Rauxel sozialisiert.

Wie trug die Heimat zu deinem Humor bei?

Micky Beisenherz: Im Ruhrgebiet wirst du damit groß, dass es darum geht, wer zuerst zieht. Da hast du immer schon ein, zwei Assoziationsketten im Kopf, die du wie Peitschen den Leuten um die Ohren hauen kannst, und ein, zwei Sprüche, weil du einfach weißt: Da kommt gleich was, da musst du einfach schnell sein. Bei uns bleibt keiner dem anderen was schuldig, und die Leute tragen - es ist ja nicht nur ein Klischee - das Herz auf der Zunge. Da wird auf eine warmherzige Art und Weise das Gegenüber auch einfach mal abgeduscht.

Das half dir vermutlich auch bei deiner Zusammenarbeit mit Atze Schröder.

Micky Beisenherz: Natürlich, klar. Er verkörpert das und das lebt er auch. Und die Figur findet ihre Entsprechung in der Realität. Mein Freund Harry zum Beispiel, der ist Schrauber, der fährt einen DeLorean, der ist von seiner ganzen Art her genauso wie Atze, genauso lustig, genauso warmherzig, hilfsbereit, schlau, da gibt's ja im Ruhrgebiet auch einige, die das durchaus mitbringen. Ich empfinde, auch wenn ich in Hamburg lebe mittlerweile, eine ganz, ganz große Wärme für das Ruhrgebiet. Es gibt schon viele Gründe, warum man die Gegend sehr mögen kann.

Apropos Schrauber: Du warst mit deinem alten 911er Porsche in der ersten Staffel der Sendung "Das Lachen der Anderen" unterwegs, in der zweiten mit einem alten Range Rover. Wird es eine Fortsetzung geben?

Micky Beisenherz: Ich gehe fest davon aus. Also vom WDR wird uns nichts anderes signalisiert. Das nächste Auto habe ich auch schon. Es fehlt jetzt nur die neue Staffel.

"Das Lachen der Anderen", eine der wunderbarsten Sendungen der vergangenen Jahre, wurde für den Grimme-Preis nominiert. Du begleitest darin zusammen mit Comedian Oliver Polak zum Beispiel einige Tage MS-Patienten oder lebst in einem Kloster mit. Am Ende gibt es einen kleinen Stand-up, in dem ihr eure Erlebnisse den Protagonisten spiegelt.

Micky Beisenherz: Wir kommen irgendwo hin, wir sehen etwas und dann versuchen wir das für uns in Worte zu fassen und den anderen die Wahrheit, die wir als solche wahrnehmen, dann wieder zu verkaufen. Für uns ist es ein ganz großes Glück, dass wir einfach mal in so verschiedene Lebenswelten reinschnuppern dürfen. Wir haben viele verschiedene freiwillige oder unfreiwillige Lebensentwürfe kennengelernt. Man wird schlauer dadurch und ein wenig sensibler im Umgang mit anderen Leuten. Das ist schon super. So verstehe ich Unterhaltung im besten Sinne, da ist alles drin, es ist lustig, es ist aber auch tiefgründig, es ist emotional, aber auch andererseits angenehm hemdsärmelig und unverkrampft.

Du bist ja häufig in Berlin. Wie findest du die Stadt?

Micky Beisenherz: Ich bin sehr gerne in Berlin. Hamburg finde ich insgesamt ein bisschen kuscheliger, überschaubarer. Aber Berlin ist toll und spannend, hier passiert halt viel und es leben hier sehr viele, sehr nette, interessante und lustige Menschen, die ich sehr gerne besuche. Auch beruflich ist hier für mich immer was zu tun. Und wenn's nur darum geht, was zu beobachten, ob ich nun irgendwo mit der U-Bahn fahre oder abends im Grill Royal sitze und einem auf die Nase hauen will, weil er zu doof ist, eine Schwingtür richtig zu bedienen. Also für den Autor ist das hier Gold. Menschen generell, aber wenn man in Berlin mit offenen Augen und Ohren durch die Gegend läuft, da kommt man mit dem Mitschreiben kaum hinterher. Wobei ich schon ganz froh bin, dass ich einen festen Job habe. Ich glaube, das größte Problem, das man haben kann im Leben, ist, dass man mit 20 Jahren ohne Job nach Berlin kommt und erstmal überlegt, was man machen will. Und dann wacht man plötzlich verkatert morgens an einem Dienstag auf, ist 45 und ist immer noch zu keinem wirklichen Ergebnis gekommen.

In diesem Sommer wirst du 40. Ist dann Schluss mit lustig?

Micky Beisenherz: Das wäre fatal, also gerade in diesen Zeiten, die Weltlage an sich steht ja schon unter dem Motto "Schluss mit lustig". Wenn ich mich dem auch noch kampflos ergeben würden, das wäre ja hochgradig traurig. Ganz im Gegenteil, ich trete jetzt die Flucht nach vorne an, jetzt wird´s noch schlimmer!

Du schreibst, zeichnest, moderierst - bei "Inas Nacht" hast du "Herz ist Trumpf" von Trio gesungen. Das wäre doch der nächste Karriereschritt: Musik.

Micky Beisenherz: Ja, das hat Deutschland wirklich noch gefehlt, noch ein Komiker, der eine Platte aufnimmt. Also definitiv nicht. Das kann ich mit Bestimmtheit ausschließen. Ich arbeite nicht an einer Platte.

Hintergrund: Mit dem Comedy-Autor Micky Beisenherz sprach David Rollik, Chefredakteur vom BVG-Magazin "Plus".

 

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