Ex-"MZ"-Redakteur Wolfram Linke erinnert sich an den 19. Januar 2007: "Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird"

 

Den 19. Januar 2007 werden 18 Menschen niemals vergessen: Es war ihr letzter Tag als Lokalredakteure der "Münsterschen Zeitung". In einer beispiellosen Nacht-und-Nebel-Aktion setzte der Verlag Lensing-Wolff damals die gesamte Redaktion vor die Tür. Was ist zehn Jahre später aus den 18 Journalisten geworden? Ein Gespräch mit Wolfram Linke, der damals unter den Geschassten war.

kress.de: Welche Erinnerung haben Sie an den 19. Januar 2007?

Wolfram Linke: Keine gute. Man hatte uns zu 20 Uhr in ein Hotel in Münster eingeladen - unter der Vorgabe, über die Zukunft der Zeitung zu reden. Und nach dem ersten Satz war klar: Diese Zukunft findet ohne uns statt. Ich habe noch den Wortlaut im Kopf. Der damalige Geschäftsführer Lutz Schumacher sagte: "Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass der Verleger den Auftrag zur Produktion der Münsterschen Zeitung mit der Münsterschen Zeitung GmbH gekündigt hat. Mit Wirkung ab null Uhr."

kress.de: Und dann?

Wolfram Linke: Danach herrschte bestimmt zehn Sekunden lang Totenstille. Ich weiß noch, wie die einzelnen Leute reagiert haben. Das ist so präsent bei mir wie Nine Eleven. Eine Kollegin fing an zu heulen. Ein anderer kriegte einen Tobsuchtsanfall. Er ließ sich kaum beruhigen. Der Betriebsratsvorsitzende stand senkrecht, weil er vorher überhaupt nicht unterrichtet worden war. Um 20:10 Uhr gingen sämtliche Diensthandys aus. Da haben sie die Verträge sperren lassen, damit wir keinen Kontakt nach außen haben konnten. Das war generalstabsmäßig geplant. Parallel dazu, also während wir da saßen, ist eine Truppe in die Redaktion und hat sämtliche Computer abgebaut, wohl weil die Sorge bestand, dass wir die Ausgabe des nächsten Tages noch ändern würden.

kress.de: Wie fühlt man sich da?

Wolfram Linke: Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Es hieß dann, dass mit jedem einzelnen Gespräche geführt werden sollten. Und dass wir uns bewerben sollten, da sie noch Leute für die neue Redaktion bräuchten. Was glatt gelogen war.

kress.de: Ab dem nächsten Tag übernahm die Media 48 GmbH die Produktion der MZ. Wie konnte es gelingen, heimlich eine neue Redaktion aufzubauen?

Wolfram Linke: Man hatte uns ein halbes Jahr zuvor aus der Innenstadt in das Druckhaus am Rande von Münster ausgelagert - mit der Begründung, dass die Redaktion komplett saniert würde. Da gab es eben keine andere Ausweichmöglichkeit. Das war alles sehr logisch. Und deswegen haben wir es auch hingenommen.

kress.de: War denn im Druckhaus genug Platz für die Redaktion?

Wolfram Linke: Nein. Um ein Beispiel zu nennen: Der Mann, der die Kinoseite machte, hat die ein halbes Jahr lang vom Damenklo aus gemacht, weil sonst kein Platz war. Und ich habe meine Lokalausgabe auch zwischen Kisten an einem uralten Schreibtisch gemacht.

kress.de: Wussten Sie von der Media 48 GmbH?

Wolfram Linke: Wir wussten, dass dort junge Redakteure eingestellt worden sind. Uns wurde das so verkauft, dass wir künftig mit ihnen gemeinsam arbeiten sollten. Ich hatte ein Sechs-Seiten-Konzept erarbeitet und eingereicht, wie man die Zeitung strukturieren könnte.

kress.de: Was hat man denn den Media-48-Mitarbeitern erzählt?

Wolfram Linke: Das weiß ich nicht. Die hatten uns gegenüber absolutes Kontaktverbot. Da sind Sachen gelaufen, das glaubt man gar nicht. Einmal, es war kurz nach unserem Rauswurf, saß ich im Auto, da rief mich eine von meinen ehemaligen freien Mitarbeiterinnen an und heulte wie ein Schlosshund. Sie hatte ins Verlagshaus gewollt und sagte, da wären jetzt Kontrolleure am Eingang und die hätten bei ihr eine Leibesvisitation durchgeführt. Sie hatte einen regelrechten Nervenzusammenbruch.

kress.de: Wie haben die Münsteraner auf den Austausch der Redaktion reagiert?

Wolfram Linke: Mit einem Höchstmaß an Solidarität. Hier tut man sowas nicht. Das hat eine Riesenwelle der Empörung und Abo-Kündigungen ausgelöst und natürlich auch die Gewerkschaften DJV und DJU auf den Plan gerufen, die Protestaktionen organisiert haben. Der Pfarrer der Herz-Jesu-Kirche hat uns öffentlich Kirchenasyl angeboten, weil wir gar nicht wussten, wo wir hinsollten. Wir haben uns dann im Pfarrheim getroffen.

kress.de: Was haben Sie unternommen?

Wolfram Linke: Jeder hat sich erst mal einen Anwalt genommen. Die Anwälte sind dann gemeinsam in dieselbe Richtung marschiert, was uns hinterher bei den Abfindungsfragen einen Riesenvorteil verschafft hat.

kress.de: Wie war Ihre persönliche Situation nach dem 19. Januar?

Wolfram Linke: Meine Frau war auch Redakteurin bei der MZ. Wir sind beide rausgeflogen. Unsere Existenz war in dem Moment komplett futsch. Wir hatten gerade ein Haus gebaut - für unsere Familie und für meine Schwiegereltern.

kress.de: Und die anderen Redaktionsmitglieder?

Wolfram Linke: Bei einer Kollegin hatten schon ihr Vater und ihr Schwiegervater für die MZ gearbeitet. Für sie war es mindestens genauso schlimm. Wir waren ja alle lange dabei. Ich selbst war einer der Jüngeren und schon 18 Jahre bei der MZ. Wir hatten einen Identifikationsgrad von 100 Prozent mit der Zeitung. Deswegen waren wir wohl auch ziemlich blauäugig.

kress.de: Sie haben dann zunächst gemeinsam das Online-Magazin "Echo Münster" gestartet, das sich aber nicht lange halten konnte.

Wolfram Linke: Ja, das war sozusagen die Fortsetzung der MZ mit anderen Mitteln. Wir hatten auch innerhalb kürzester Zeit hohe Klickzahlen. Das Dumme war nur, dass der Verlag 18 Redakteure und keinen Anzeigenberater rausgeschmissen hat. Auf Dauer kann so eine Website keine 18 Redakteure ernähren. Außerdem war der Markt für Onlinemedien damals noch nicht so weit. Nach und nach sind die Leute dann ausgestiegen, inzwischen ist es ganz tot.

kress.de: Wie geht es Ihnen und den anderen jetzt?

Wolfram Linke: Im Grunde genommen sitzen nur drei von uns wieder fest im Sattel. Ein Kollege ist Redaktionsleiter in Beckum. Meine Frau ist Pressesprecherin eines Münsteraner Krankenhauses. Und ich bin Pressesprecher bei einem Arbeitgeberverband. Für uns ist es gut ausgegangen. Doch den meisten ist es sehr schwer gefallen, sich neu zu orientieren. Viele sind als Freelancer unterwegs, machen Pressetexte oder arbeiten für Beilagenredaktionen. Einige sind zufrieden, aber es gibt auch solche, die rumknapsen -  bis zu Hartz IV. Nur ein einziger von uns ist Zeitungsredakteur in Münster, der letzte Mohikaner sozusagen. Er war mit bei den Rausgeflogenen, hat dann aber wieder einen Job angeboten bekommen und war auch unter der Handvoll Redakteure, die von den Westfälischen Nachrichten übernommen wurden, als der Verlag Aschendorff die MZ 2014 gekauft hat.

kress.de: Stehen Sie noch in Kontakt mit Ihren früheren Kollegen?

Wolfram Linke: Ja klar. Jahrelang haben wir uns jeden Monat zum "Luschen-Stammtisch" getroffen. Leider hat die Kneipe inzwischen zugemacht. Im Pfarrheim der Kirche, die uns damals Asyl bot, treffen wir uns heute noch einmal im Jahr zum Adventsfrühstück. Die Redaktion war ja wie eine große Familie für uns.

Zur Person: Wolfram Linke ist seit Juni 2008 Pressesprecher des Interessenverbandes Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Davor arbeitete er 18 Jahre lang als Redakteur bei der Münsterschen Zeitung. Seit März 2014 ist er Vorsitzender des Pressevereins Münster-Münsterland. Unsere Autorin Anna von Garmissen, die das Gespräch mit Wolfram Linke geführt hat, gehört seit 2016 ebenfalls dem Vorstand des Pressevereins Münster-Münsterland an.

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