"Wir verjüngen uns mit einem Volontärsprogramm": Ulrich Becker und Ulf Schlüter modernisieren die "Südwest Presse"

 

Seit Oktober arbeiten die Redakteurinnen und Redakteure der "Südwest Presse" mit einem neuen Redaktionssystem. Wie die Veränderungen in der Redaktion ankamen, welche Herausforderungen die Zeitung stemmt und wie die Redaktion nach und nach verjüngt werden soll, erklären Chefredakteur Ulrich Becker und sein Stellvertreter Ulf Schlüter im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük. 

kress.de: Wann wurde deutlich, dass die "Südwest Presse" nicht mehr so weitermachen konnte wie bisher?

Ulrich Becker: Alles begann damit, dass das Redaktionssystem, mit dem wir gearbeitet haben, seinen Support eingestellt hat. Auf der Suche nach einem neuen System hatte oberste Priorität, dass wir nicht nur an die Optimierung unseres Printproduktes, sondern auch an die Bedienung von Kanälen wie Online, Apps oder E-Paper denken mussten. Wir haben uns schließlich für den Siegener Anbieter Interred entschieden, der sein System aus der Online-Welt heraus entwickelt hat. Auch wenn die alten Print-Hasen sagen, dass es nicht unbedingt komfortabler ist als das alte System, macht es uns doch fit für die nächsten fünfzehn Jahre.

Ulf Schlüter: Ernsthaft beschäftigen wir uns erst seit 2008 mit unserer Website. Jetzt, neun Jahre später, haben wir in der Spitze bis zu 15 Millionen (PIs) und um die 5 Millionen Visits, was gemessen an der Konkurrenzlage ziemlich gut ist, auch wenn es noch immer Luft nach oben gibt. 

kress.de: Wie hat die Redaktion auf die Veränderung reagiert?  

Ulrich Becker: Das ist ein langer Prozess, der nicht nur vom Alter, sondern auch von der Bereitschaft abhängig ist, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen. Deshalb haben wir 2014 gemeinsam eine Erklärung erarbeitet, die alle Mitarbeiter unterschrieben haben. Sinngemäß ging es darum, dass alle Mitarbeiter mit Unterstützung des Verlages in diese neue Welt eintreten. 

kress.de: Hat es funktioniert? 

Ulrich Becker: Das war natürlich erst mal nur graue Theorie - im Alltag hakelt es da noch. Wir sind in einem ständigen Prozess, in dem man mit allen Redaktionen und mit allen Ressortleitern reden muss. Solange wir mit den digitalen Kanälen noch kein Geld verdienen, fragt mancher Kollege nach dem Sinn unseres Umbaus.

kress.de: Und wo liegt der?

Ulrich Becker: Das Digitale ist die Zukunft. Print wird - zwar ganz langsam - immer schwächer. Deshalb müssen wir uns digital vermarkten. Auch wenn die Zukunft noch ungewiss ist und Kollegen, die über Jahrzehnte nur die gedruckte Zeitung kannten, sich mit dem Wandel verständlicherweise schwertun.

kress.de: Wie ist denn die redaktionsinterne Altersstruktur?

Ulrich Becker: Wir haben, wie die meisten Verlage, relativ viele Kollegen jenseits der 50. Mit einem eigenen Volontärsprogramm versuchen wir, uns zu verjüngen. 

kress.de: Wie kommen Sie denn an Volontäre? Anderen Regionalzeitungen sprechen oft davon, dass es schwierig sei, gute Leute zu finden. 

Ulf Schlüter: Das stimmt, die Nachfrage war früher höher. Dafür kommen die Bewerbungen mittlerweile nicht mehr nur aus der Region. Wir stellen jedes Jahr drei Volontäre ein. Dazu organisieren wir mit den Ressortleitern eine Art Assessment-Center. Das hat sich bewährt.

Ulrich Becker: Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass wir zwei Jahre lang eine solide Ausbildung in allen Ressorts bieten. Außerdem gehen die Volontäre zu einem Cross-Media-Camp nach Stuttgart an die Hochschule für Medien, sie absolvieren ein sechswöchiges Seminarprogramm des IfP in München. Hinzu kommen Video-Schulungen und ein Radiopraktikum.

Ulf Schlüter: Und unser Ziel ist grundsätzlich, die jungen Leute zu übernehmen. Das funktioniert meist ganz gut.

kress.de: Wie ging es nach der Einführung des neuen Systems und dem redaktionsinternen "Ja zur Modernisierung" weiter? 

Ulrich Becker: Wir haben die Workflows angepasst. Damit ist jetzt ein integriertes Arbeiten über alle Kanäle möglich. Außerdem haben wir ein Reporter- und Editoren-Modell eingeführt, wobei die Editoren wechseln.

kress.de: Das heißt, Sie haben keine festen Blattmacher?

Ulf Schlüter: Die Kollegen, die am Tisch sitzen und das Blatt produzieren, wechseln im Wochenmodell. Uns wäre es am Anfang lieber gewesen, wir hätten eine klare Trennung hingekriegt mit festen Editoren und festen Reportern, aber das war so zunächst nicht durchzusetzen.

kress.de: Warum nicht?

Ulrich Becker: Weil wir auf Freiwilligkeit setzen - wir haben inzwischen einen Kollegen, der die Aufgabe fest übernommen hat. So wollen wir auch weiter verfahren: Wenn ich jemanden, der bisher als Reporter unterwegs war, dazu zwinge, macht er einen schlechten Job. Was habe ich dann gewonnen? 

kress.de: Klingt nach viel Widerstand - auch gegenüber dem Onlinebereich. 

Ulf Schlüter: Nein, das interpretieren Sie falsch. Es gibt Skepsis, die aber schwächer wird. Durch das neue System können wir die Kanäle endlich parallel bedienen. Die Akzeptanz ist gestiegen. Inzwischen arbeiten Online- und Printkollegen gemeinsam an Geschichten. Dafür sind wir schon mit einem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet worden.

kress.de: Wie sieht es mit Social Media aus?

Ulrich Becker: Ein wichtiges Instrument, um Reichweite zu erzielen - auch wenn sie dadurch vermutlich keine Zeitung mehr verkaufen. Aber es zahlt es auf ihre Marke ein. Und das ist wichtig. 

kress.de: Bedeutet das, dass man die Artikel trotzdem vor eine Paywall stellen muss, um gefunden zu werden oder planen Sie auch mehr hinter einer Paywall zu arbeiten?

Ulrich Becker: Im Moment arbeiten wir mit einem Metered Model, aber - ich glaube, das ist kein Geheimnis - als Modell ist es gescheitert. Wie es weitergeht? Wir planen, unsere Paywall zu verschärfen. Das heißt, exklusive Beiträge werden kostenpflichtig, Nachrichten und schnellen News sind frei zugänglich.

kress.de: Haben sich die Umstrukturierungen der letzten Jahre für die "Südwest Presse" gelohnt? 

Ulf Schlüter: Ja, wir sind einen großen Schritt vorangekommen - allerdings in sehr kurzer Zeit, weil wir handeln mussten. Das neue Planungstool Desknet, unser Redaktionssystem Interred, ein umfassender Relaunch - und das alles in nur knapp zwei Jahren.  Das hat den Laden ganz schön durchgerüttelt und den Kollegen einiges abverlangt.

Ulrich Becker: Klar, dass es bei einem solchen Prozess immer wieder einmal hakt und holpert. Aber wir sind auf einem guten Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Jetzt steht die Erneuerung unserer Website an, unsere App muss überholt werden. Und die nächsten Schritte haben wir schon im Kopf.

Mit Chefredakteur Ulrich Becker und Ulf Schlüter, stellvertretender Chefredakteur der in Ulm erscheinenden "Südwest Presse", sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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