Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Was Gerhard Schröder und Donald Trump im Umgang mit Journalisten unterscheidet

 

In der legendären "Elefantenrunde" von 2005 erwarb sich Nikolaus Brender Respekt beim Publikum, als er dem übermütigen Wahlverlierer Gerhard Schröder Grenzen aufzeigte. Mit dem damaligen ZDF-Chefredakteur hat kress.de über die problematische Situation zwischen US-Präsident Donald Trump und den Journalisten gesprochen. Wie gefährlich ist das Verhalten des Milliardärs für die Branche? Brender feiert heute seinen 68. Geburtstag.

kress.de: Donald Trump begegnet den Vertretern der etablierten Medien in unverhohlener Feindschaft. Haben Sie so etwas oder Vergleichbares schon einmal erlebt?

Nikolaus Brender: In demokratischen Gesellschaften noch nie; als ich zu Zeiten Pinochets Lateinamerika-Korrespondent war, dagegen schon. Wie Trump hat auch Pinochet der Presse den Krieg erklärt. Das gesamte Verhalten von Journalisten widerspricht der Lebensform eines Militärs wie Pinochet als auch eines Machers wie Trump. Solche Menschen wollen sich nicht kontrollieren lassen: Recherchieren gehört sich nicht, und Kritisieren ist unbotmäßig. Neben Trump sehen wir so etwas heute nur noch bei Erdogan in der Türkei.

kress.de: Macht Trump mit seiner direkten Kommunikation über Twitter den klassischen Journalismus mit Pressekonferenz, Interviews und Hintergrundgesprächen überflüssig? Könnte das ein Trend werden?

Nikolaus Brender: Naja, soziale Medien gehören heute zum medialen Alltag. Schon Barack Obama hat so seinen Wahlkampf geführt. Und er wurde damals dafür gelobt. Es ist die Sache der Journalisten, den Menschen den Mehrwert zu verdeutlichen, den ihre Arbeit bringt. Und dazu gehört auch, die Nachteile der Direkt-Beschallung durch Politiker über Twitter darzulegen. Denn die ist einseitig und von Kalkül bestimmt. Insofern ist Trump für uns Journalisten ein Paradebeispiel, an dem wir deutlich machen können, was wir zu leisten im Stande sind. Denn wir können Hintergründe und Einordnungen zu dem liefern, was Trump in 140 Zeichen ausspuckt.

kress.de: Sie selbst hatten 2005 in der "Berliner Runde" nach der Bundestagswahl live eine scharfe Auseinandersetzung mit Gerhard Schröder und weigerten sich, ihn weiter mit "Herr Bundeskanzler" anzusprechen. Würden Sie das wieder so tun?

Nikolaus Brender: Ja, klar. Der Mann ist schlicht aus der Rolle gefallen und hat die Medien in eine Ecke gestellt. Dazu hat er den Kodex verletzt, dass man in einer solchen Runde miteinander diskutiert und nicht aufeinander einschlägt.

kress.de: Aber Ihre Reaktion war ja auch nicht ohne.

Nikolaus Brender: Allerdings war ich nicht der Erste, der einem Kanzler die Anrede mit seinem Amt verweigert hat. Erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass dies 1965 schon einmal vorkam. Als sich Ludwig Erhard um seine Wahl bemühte, hatten sich Intellektuelle zusammengetan, die für einen Regierungswechsel eintraten. Der Kanzler bezeichnete die Kritiker als "Pinscher". Der Schriftsteller Uwe Johnson sagte damals: "Da hört der Kanzler auf...", und Martin Walser ergänzte: "...und Herr Erhard beginnt".

kress.de: Wie erklären Sie sich Gerhard Schröders damaliges Verhalten? War er vom überraschend guten, wenn auch nicht ausreichenden, Wahlergebnis berauscht? Oder hatte er tatsächlich etwas "genommen", wie Guido Westerwelle damals mutmaßte?

Nikolaus Brender: Ich glaube nicht, dass er zu viel getrunken hatte. Es war wohl nur ein Glas Rotwein. Seine Endorphine gingen mit ihm durch. Noch voll im Wahlkampfmodus kam er in die Elefantenrunde. Und er sah sich nicht zu Unrecht als der letzte Kämpfer. Seine Partei hatte ja bereits aufgegeben. Und dann erhielt er ein unerwartet gutes Ergebnis. Diese Endorphine haben seinen Verstand betäubt.

kress.de: Hat es Sie gewundert, dass Angela Merkel dabei so verschreckt wirkte? Das Gegenwort führte ja fast nur Westerwelle.

Nikolaus Brender: Ja, Frau Merkel war regelrecht erschreckt vom schlechten Wahlergebnis. Sie hatte Angst. Auch davor, wie die eigene Partei nach diesem Wahltag mit ihr umgehen würde. Das machte sie atem- und sprachlos. Insofern sahen wir in dieser Sendung zwei kopflose Kanzler. Es war übrigens die erste Gelegenheit, in der man erkennen konnte, dass Angela Merkel in überraschenden Situationen schnell den Kopf verliert. Das wiederholte sich dann bei der Energiewende nach dem Tsunami in Japan und auch in der Flüchtlingsfrage.

kress.de: Noch einmal zurück zu Schröder: Wenn Sie ihn mit Trump vergleichen: Wo liegen die Unterschiede im Umgang mit Journalisten?

Nikolaus Brender: Bei Gerhard Schröder war das ein Ausfall, als er die Journalisten beschimpfte. Bei Donald Trump steckt dahinter eine grundsätzliche Einstellung. Als er die CIA besuchte, bezeichnete er Journalisten als "die unehrlichsten Menschen auf dem Planeten". Hinter dieser Aussage vor Geheimdienstmitarbeitern steckt der Vorwurf des Landesverrats. Trump akzeptiert einfach nicht die Rolle der freien Medien. Wir erleben bei ihm einen Rückfall in die Zeiten des Absolutismus. Auch der bayerische König hat im 19. Jahrhundert den jungen Journalisten Landesverrat vorgeworfen und sie ins Gefängnis geworfen. Philipp Jakob Siebenpfeiffer hatte im Kampf mit der Obrigkeit gesagt, es sei genauso schlimm, die Druckerpresse zu verschließen wie die Backöfen zu versiegeln. Und Trump versucht nun, den Landesverrats-Vorwurf in die CIA zu tragen und die üblichen journalistischen Wege zu versperren.

kress.de: Aber kann seine Einstellung nicht auch daran liegen, dass er sich von den Journalisten ungerecht behandelt fühlt? Es gab ja so gut wie kein Medium, das ihn seinen Lesern zur Wahl empfahl. Es schlugen sich ja alle auf die Seite von Hillary Clinton.

Nikolaus Brender: Aber trotzdem war die Presse daran beteiligt, dass er Kandidat und dann Präsident wurde. Sie hat jede Äußerung von ihm hochgegeigt. Trump legt mit seiner Kritik an der Presse durchaus auch den Finger in eine Wunde: In seinem Buch "This Town" hat der Chefkorrespondent des "New York Times Magazine", Marc Leibovich, die unseligen Washingtoner Interessenverflechtungen beschrieben. Journalisten heuern bei Politikern an, wechseln nahtlos in einflussreiche Unternehmen und dann ohne Probleme wieder zurück in ihre alte Redaktion, ohne den Schaden wahrzunehmen, den sie damit ihrer Glaubwürdigkeit zufügen. Auch, dass ein Moderator der ZDF-Nachrichten von einem Tag auf den anderen auf den Stuhl des Regierungssprechers wechselt, halte ich für fragwürdig. So etwas verstärkt die Skepsis gegenüber unserer Branche. Ich halte es aber durchaus für legitim, dass Journalisten ihren Lesern begründet vermitteln, wen sie für den besseren Kandidaten halten.

kress.de: Allerdings ist im Fall Trump das Gegenteil eingetreten.

Nikolaus Brender: Ja, weil die Presse sich auf Trumps Spiel eingelassen hat. Fast jeder seiner Tweets wurde groß aufgemacht. Er bekam dadurch eine unerhörte Aufmerksamkeit. Und was wir von der US-Presse zu halten haben, wissen wir ja spätestens seit dem Irakkrieg. In den ersten Monaten waren die Journalisten die patriotische Sirene der Regierung. Insofern ist die Kritik an den Medien nicht unberechtigt.

kress.de: Generell: Treten Politiker heute aggressiver gegenüber Journalisten auf?

Nikolaus Brender: Das schwankt. Im Netz wird ja alles aggressiver und schärfer. Da halten sich die Politiker sogar noch zurück. Erinnern Sie sich mal: Franz-Josef Strauß hat Journalisten als "Ratten und Schmeißfliegen" bezeichnet. Lafontaine sprach vom "Schweinejournalismus" und Joschka Fischer von "Fünf-Mark-Nutten".

kress.de: Fühlen sich Journalisten umgekehrt heute vielleicht zu schnell beleidigt, wenn es einen Schlagabtausch mit Politikern, insbesondere Trump, gibt?

Nikolaus Brender: Es schleicht sich schon manch selbstreflexive Betrachtung ein. Aber das hängt eben auch von den Zeitungen und den einzelnen Persönlichkeiten ab. Es gibt aber auch Versuche der Politik, übergriffig zu werden. Denken Sie an das "Cicero"-Urteil oder wie Politiker in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingreifen möchten. Dagegen gibt es Gott sei Dank auch Widerstand. Insofern glaube ich, dass sich wenig geändert hat.

kress.de: Führt das Aufkommen von Populisten zu mehr Solidarität zwischen Politikern und Journalisten?

Nikolaus Brender: Das darf nicht passieren. Ein Schulterschluss von etablierter Politik und etablierten Medien, um sich von Populisten abzugrenzen, hielte ich für völlig falsch. Das würde unsere Glaubwürdigkeit wirklich unterlaufen. Im Gegenteil: Wir müssen in Zukunft noch aufwändiger recherchieren, noch sorgsamer einordnen, furchtloser aufklären, Fakten eindeutiger untermauern und die Regierungen kontrollieren. Vor allem müssen wir die vielfältigen Meinungen im Lande transportieren. Unser Auftrag verpflichtet uns aber auch, klar zu sagen, wo Meinungen Grenzen überschreiten. Denken Sie nur daran, was Björn Höcke gerade wieder verzapft hat. Da ist Haltung gefragt.

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