Schumachers Koma und der Bundesgerichtshof: Was Redaktionen jetzt beachten müssen

24.01.2017
 
 

Wenn Prominente öffentlich nur wenig über ihren Gesundheitszustand sprechen, müssen sich Medien nicht zurück halten. Das zeigt ein Urteil des Bundesgerichtshofes. Es kommt allerdings sehr auf den Einzelfall an. Ein Gastbeitrag von Katharina Voigtland. 

Vor über drei Jahren ist Michael Schumacher verunglückt. Das Interesse der Öffentlichkeit an seiner Person ist nach wie vor ungebrochen. Der Unfall bleibt für viele Medien ein Thema. Von offizieller Seite ist allerdings nach wie vor wenig über Schumachers aktuellen Gesundheitszustand zu erfahren. "Seine Gesundheit ist kein öffentliches Thema. Schon allein deswegen, weil wir die Privatsphäre von Michael so weit wie möglich schützen müssen" - mehr erfahren Medien von Sabine Kehm, Managerin von Michael Schumacher, in der Regel nicht.

Damit bleiben nur Spekulationen. Von Ärzten, die den Verunglückten nie gesehen haben. Und von Redakteuren, die darüber mutmaßen, wie es den Angehörigen in dieser Situation gehen muss. Es wird versucht, der Öffentlichkeit einen vermeintlichen Blick hinter den Vorhang zu gewähren.

Nun haben aber auch Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, ein Recht auf Privatleben. Das gilt für Michael Schumacher ebenso wie für alle bekannten und weniger bekannten Menschen, deren Schicksal und Zipperlein Medien-Thema sind.

Der Bundesgerichtshof entschied in einem jetzt veröffentlichten Urteil: Wenn eine Person bekannt genug ist, die Berichterstattung im öffentlichen Interesse liegt, und die Berichte sich auf allgemeine medizinische Informationen beschränken, sind sie zulässig.

Der Entscheidung liegt ein Artikel der Zeitschrift "SUPERillu" zugrunde. Der Artikel zitierte nicht nur offizielle Statements von der behandelnden Koma-Spezialistin sowie von Schumachers Managerin. Ausführlich erzählt wurden auch Therapie- und Behandlungsoptionen und mögliche konkrete medizinischen Beeinträchtigungen Schumachers.

Schumacher sah sich hierdurch in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht verletzt und klagte auf Unterlassung. Der Bundesgerichtshof wies die Klage nun in weiten Teilen ab. Von insgesamt sieben angegriffenen Aussagen wurden nur zwei verboten.

Zwar würden alle Angaben über den Gesundheitszustand einer Person grundsätzlich die geschützte Privatsphäre betreffen. Schumacher könne sich jedoch nicht auf ein Recht zur Privatheit bei allen Tatsachen berufen, die er oder sein Management selbst an die Öffentlichkeit getragen haben. Er müsse auch hinnehmen, dass solche Tatsachen von den Medien durch allgemeine medizinische Erkenntnisse ergänzt werden.

Die Presse sei nicht darauf beschränkt, lediglich die Fakten zu berichten, die der Prominente selbst öffentlich macht. Sie habe vielmehr das Recht, diese Fakten auch zu kommentieren und sie als Grundlage für eine Darstellung über mögliche Therapieoptionen zu nutzen. Konkret: Wenn sich Experten finden, die zu den üblichen Therapieschritten und den Verlauf einer Krankheit in Zitaten Stellung nehmen, ohne zu behaupten, das sei in diesem konkreten Fall auch so, dann ist das möglich.

Und, so die Richter: Auch ein Prominenter wie Schumacher müsse dabei nicht hinnehmen, als gebrechliche und in jeder Hinsicht hilflose Person präsentiert zu werden, dessen körperliche und geistige Fähigkeiten auf ein Minimum reduziert sind.

Verkürzt gilt also für Redaktionen:
 
- Medizinische Einzelheiten über Gesundheitszustand, Genesungsprozess sowie konkrete medizinische Behandlungen dürfen grundsätzlich nicht berichtet werden, wenn sie nicht bekannt gegeben wurden.

- Ausnahmen können allenfalls bei bedeutenden Politikern, Wirtschaftsführern oder Staatsoberhäuptern bestehen.

- Allgemeine medizinische Erkenntnisse, die auf "öffentlichen Verlautbarungen" beruhen, sind zulässig.

Medien müssen immer abwägen, ob im konkreten Fall das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit oder aber das Recht des Prominenten auf Wahrung seiner Privatsphäre höher einzustufen ist. Es gilt also immer der Einzelfall. Und über jede Abwägungsentscheidung lässt sich streiten. Dennoch gibt der Fall Schumacher eine gute Richtschnur ab, welche medizinischen Informationen in den Medien möglich sind und welche Berichterstattung Prominente nicht hinnehmen müssen. 

Die Autorin Katharina Voigtland ist Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht bei Rasch Rechtsanwälte in Hamburg. 

 

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