Gabriele Fischers Lebenswerk: Der alte Menschheitstraum

 

Gabriele Fischer ist die "Wirtschaftsjournalistin des Jahres". Die Jury lobt sie, zu Recht, für das herausragende Themenheft über Digitalisierung. Doch lohnt ein Blick in die Geschichte von "Brand Eins", in die Geschichte der außergewöhnlichen und zähen Journalistin - der auch einen Blick in den Krisen-Zustand des "Spiegel" öffnet, der mit "Brand Eins", als es noch "Econy" hieß, nach nur zwei Ausgaben Schluss machte.

Jurys mögen keine Journalisten, die unentwegt Preise holen. Wenn eine Jury der Branchenmedien "Wirtschaftsjournalist" und des "Medium Magazin" trotzdem einer Journalistin zum dritten Mal den ersten Preis verleiht, mag es zwei Gründe geben: Sie ist überragend gut, und es gibt keine Besseren. Zumindest der erste Grund trifft auf Gabriele Fischer zu.

Um der Jury im kommenden Jahr eine Verlegenheit zu ersparen, sollte sie Gabriele Fischer für ihr Lebenswerk ehren, auch wenn sie für eine solche Ehrung zu jung und bescheiden ist. In Fischers Leben gibt es wirklich viel zu ehren - und zu erzählen, was mit unserem Land, unserer Wirtschaft und unserem Journalismus in zwei Jahrzehnten geschehen ist. Fangen wir vorne an:

Gabriele Fischer kam in den legendären ersten Jahrgang der Hamburger Journalistenschule, der so garstig zu Schulleiter Wolf Schneider war, dass er fast die Lust verlor und ans Aufhören dachte. Gabriele Fischer gehörte nicht zu den Garstigen, sie hörte Schneider zu, der Qual und Qualität verband: Sie musste ihn nicht mögen, sie wollte von ihm lernen.

Nach der Schule ging sie ins Lokale, in die Provinz nach Osterholz-Scharmbek, holte dort ihren ersten Journalistenpreis und lernte etwas, das sie bis heute auszeichnet:

Sie schaut ohne Dünkel und mit Respekt, wie die Menschen leben und arbeiten, was sie antreibt und umtreibt - sie mag die Menschen, für die sie Journalismus macht. Das lernt man am besten im Lokalen, immer noch.

Danach begann ihre Karriere bis in die Chefredaktion des "Manager Magazin", das über die Wirtschaft schreibt, die Gabriele Fischer gerne die "alte Wirtschaft" nennt. Das reichte ihr nicht: Sie überzeugte sogar den Verlag, den Spiegel-Verlag, ein neues, ganz neues Wirtschaftsmagazin zu gründen: "Ein Magazin für Leute, die aufbrechen; die etwas unternehmen; die Wirtschaft noch als Abenteuer begreifen und nicht ständig über Steuerlast und Bürokratie klagen. Ein Magazin für die Mutigen eben - und gegen die Bremser", so schrieb sie im ersten Editorial von "Econy"; Vorbilder gab es in den USA mit "Fast Company" und "Wired".

Nicht einmal drei Monate brauchte sie von der Idee bis zum ersten Heft. War dies einer der Gründe, warum "Econy" keine Freunde fand im Verlag und in der "Spiegel"-Redaktion?  Ein Schnellschuss, ohne lange Debatten über Sinn, Unsinn und Ziel - und dann noch mit einer winzigen Redaktion: Das kann nichts Rechtes geben, dachte die "Spiegel"-Redaktion, die gerne monumental denkt. Auf jeden Fall schmunzelte sie über ein Magazin, das mit drei, vier Redakteuren 220 Seiten anständig füllen wollte.

Aber selbst das war wegweisend: Eine kleine Redaktion sucht die Themen und dafür die besten Autoren.

So werden bald die meisten Zeitungen und Magazine arbeiten, wenn sie es nicht heute schon tun: Kleine Teams, die strategisch denken, mit wenigen Redakteuren, die recherchieren, was nur unabhängige Redakteure recherchieren können, und Freien, die gut bezahlt werden und Qualität liefern.

Der Respekt vor den Freien, deren gute Bezahlung und eine exzellente Textredaktion - damit fing "Econy" an; das bietet "Brand Eins" immer noch. Wenn Manager heute sparen wollen, sparen sie meist am falschen Ende: Sie senken radikal die Etats für die Freien. Das führt zu einem fatalen Qualitätsverlust: Weniger Redakteure, kaum Geld für Freie - wie soll das funktionieren?

Gabriele Fischer stellte weder Layouter ein noch einen Art-Direktor, sondern nahm einen wenig bekannten Freien: Mike Meire war ein junger Grafiker, der mit völlig neuem Blick auf zu bedruckendes Papier schaute. Auf seinen Fotos saßen Manager nicht hinterm aufgeräumten Schreibtisch, sondern schaukelten, leicht verwischt, auf einer Schaukel; die Leser blickten nicht in Superbüros, sondern aus dem Fenster auf eine Brache mit Bagger. Eigentlich war es einfach: Die Fotos zeigten die Welt und die Menschen, wie sie wirklich sind; sie nahmen den Personen die Rollen, in die sie gezwängt  sind - aber ohne sie bloßzustellen.

Mike Meire war ein Glücksfall, er entwickelte ein völlig anderes Design, das Abschied nahm von allem, was üblich war - und das dann mit vielen Preisen gekrönt wurde. Die Entscheider in den Medienagenturen, die Gabriele Fischer auf einer Roadshow einfing, waren begeistert - ein neuer Stil im Journalismus! In kurzer Zeit waren alle Anzeigen-Seiten für ein komplettes Jahr verkauft. Das müsste eigentlich die Erfüllung eines Manager-Traums sein - aber nicht beim "Spiegel".

Als die Druckmaschine für die zweite Ausgabe lief, verkündete der Verlag schon das Aus - angeblich weil der Verkauf der ersten Ausgabe die Erwartungen nicht erfüllt habe. Die Gründe lagen wohl tiefer: Die Philosophie von "Econy" war nicht die Philosophie von "Spiegel" und "Manager Magazin". In Redaktion und Verlag bezogen sie einen Satz aus dem Fischer-Editorial durchaus auf sich und ersetzten "Zeitung" mit "Der Spiegel": "Wer morgens seine Zeitung liest, könnte glauben, diese Gesellschaft sei erstarrt und festgefahren."

Im "Spiegel" herrschte die "Saturiertheit", von der Professor Volker Lilienthal gerade zum 70-Jahr-Jubiläums schrieb - und die Lilienthal noch nicht als beendet ansieht. Lilienthal spricht auch vom persönlichen Wohlstand der Redakteure als Mitbesitzer des Verlags: Auch der, in Form von hohen Tantiemen,  drohte geschmälert zu werden durch Verluste von "Econy", die weder zu erwarten waren und wohl nie eingetreten wären.

"Spiegel"-Redakteure wissen kaum noch etwas vom Leben einfacher Menschen, auch davon schreibt Lilienthal. Und genau von diesen Menschen, die unterhalb der "Spiegel"-Wahrnehmung liegen, handelte "Econy". Kurzum: Es ging um Geld, auf das die Redakteure nicht verzichten wollten, und um eine Veränderung, die man sich vom Hals halten musste. "Nicht für Bremser" stand auf einer Werbetafel für "Econy" und "Ich bin kein Erbsenzähler" auf einem T-Shirt. Das reichte.

Wer wissen will, warum sich der "Spiegel" heute noch schwer tut mit Veränderung, gar Aufbruch, der schaue auf das Ende von "Econy": Die Angst vor der Veränderung sitzt neurotisch tief.

Was Gabriele Fischer nach dem Aus durchmachte, war ein Albtraum:

Zuerst kaufte ein anderer Verlag Namensrechte und Redaktion, aber rechnete nicht mit einer selbstbewussten und unabhängigen Chefredakteurin Fischer. Man trennte sich schnell, der neue Verlag machte mit neuer, durchaus renommierten Chefredakteurin und neuer Redaktion weiter - und scheiterte. Fischer war die Seele von "Econy"; und eine Seele kann man nicht kopieren.

Dann kam das Management-Buyout ohne großes Geld, aber mit großen Plänen. Der neue Name war der Name, der schon vor "Econy" auf der Liste stand - und der nichts mit "Marke 1" zu tun hatte, was "Spiegel"-Anwälte abschreckte, sondern mit der Adresse der Redaktion: Brandstwiete 1.

Vom Ende her betrachtet, sieht die Story von "Brand Eins" wie eine einzige Erfolgsstory aus.  "restart" stand auf dem Titel der ersten Ausgabe: "Die Lust am Neubeginn". Dieser Neubeginn war allerdings näher an "Schweiß, Tränen und Mühen" als an Lust, und der Erfolg lag nicht griffbereit.

Auch das Platzen der Dotcom-Blase, das Ende der New Economy - ein halbes Jahr nach der ersten "Brand Eins"-Ausgabe - verhinderte nicht den Erfolg. Warum? "Econy" und "Brand Eins" waren der Spiegel der New Economy, ihr Sprachrohr. Aber beim Verglühen der New Economy gingen nur Firmen zugrunde,  die im nicht selten kriminellen Übermut alle Regeln verletzt hatten; aber nicht zugrunde ging der Gründer-Geist und die Haltung, Mut zur Veränderung zu haben: Dafür stand Gabriele Fischer, dafür stand ihr Magazin - das war entscheidend.

Die Chronik des Neubeginns hat Gabriele Fischer auf zwei Seiten des ersten Hefts aufgeschrieben. Die komplette Chronik dieses einzigartigen Journalistinnen-Lebens wäre ein Buch wert, nicht umweht von Weihrauch, sondern als Lehrbuch für Menschen, die an den Journalismus glauben; als Mutmacher für Manager und Redakteure, die den Journalismus für eine demokratische Gesellschaft retten wollen; und als spannenden Roman, den nur das Leben schreiben kann.

Neben dem Editorial der ersten Hefts steht ein ungewöhnliches Porträtfoto von Gabriele Fischer: Sie wird am Rande von der Blüte einer Blume angelächelt, obwohl ihr sichtbar nicht zum Lächeln zumute ist; das Bild könnte aus einem Familienalbum stammen. Heute steht neben dem Editorial eine strenge, vielleicht zu strenge Frau, mehr Ikone als Familienalbum: Das Gesicht halb im Licht, halb im Schatten - wie eine Metapher zur Geschichte von "Brand Eins".

"Brand Eins" war die letzte nennenswerte Gründung eines Magazins mit Anspruch, danach kamen nur noch "Cicero", mittlerweile auch verkauft wie ehedem "Econy", kamen "Landlust" und "Barbara" ("kein normales Frauenmagazin") und kam eine endlose Folge von Plagiaten, die bei den TV-Zeitschriften oft schon über keine Redaktion mehr verfügen. Könnte die Ideenlosigkeit der Verlags-Manager dem Journalismus und der Gesellschaft mehr zusetzen als Google, Facebook & Co?

"Es ist großartig, etwas geschaffen zu haben. Weil es auch Spaß macht, Widerstände zu überwinden. Und weil uns nur dann die Zukunft gehört", steht am Ende des Editorials vom Juni-Heft 2016 mit dem Schwerpunkt "Einfach machen". Der schönste Satz der Fischer-Editorials steht allerdings im ersten Heft:

"Etwas, das alle Restart-Geschichten eint: In ihnen steckt ein Teil des alten Menschheitstraums, man könne alle seine Erfahrungen bewahren - und noch einmal von vorne beginnen. Vielleicht ist es das, was Menschen treibt, trotz Niederlagen und Rückschlägen nicht aufzugeben."

Das "vielleicht" in diesem Satz hat Gabriele Fischer in ihrem Leben gestrichen.



INFO

Begründung der Jury zu Gabriele Fischer als Wirtschafts-Chefredakteurin des Jahres:

Origineller Tiefgang

Die Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins findet immer wieder Antworten auf Fragen, die sich noch niemand gestellt hat. "Es denkt nicht für dich!", lautet eine davon in diesem Jahr. Das Schwerpunktheft im Juli brachte die technische und ethische Debatte zur Digitalisierung klug auf den Punkt. Mit "Achtung Fakten" setzt Brand eins einen wichtigen Akzent in der Debatte zur Objektivität im postfaktischen Zeitalter: Auf welcher Grundlage bewerten wir eigentlich Aktienkurse, Unternehmen, Mitarbeiter? Gabriele Fischer gelang es auch 2016 immer wieder, Themen originellen Tiefgang zu verleihen. Als Agenda-Setterin ist sie unentbehrlich.

Gabriele Fischer holte als erste Journalistin zum dritten Mal den Titel.

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Im Editorial der gerühmten Juli-Ausgabe mit dem Schwerpunkt "Digitalisierung" schreibt Gabriele Fischer:

Wann immer ein neues Zeitalter beginnt und sich das Tempo der Veränderung erhöht, wird einem schnell schwindelig. Und schon zu Beginn der industriellen Revolution haben die Menschen darauf mit Angst, Feindseligkeit und Burnout reagiert, damals noch Neurasthenie genannt...

Zum üblichen Kater aber kommt der Zweifel, ob digital wirklich besser ist. Die Produktivitätsfortschritte sind kaum zu messen, an Big Data glaubt nur noch, wer daran verdient, und auch so manche Disruption ist, bei Licht betrachtet, Schaumschlägerei...

Doch was sind kleine Rückschläge, wenn man die Welt verändern will? ...

Gefährlich wird es erst, wenn sich der Innovationsdrang mit Allmachtsfantasien verbindet - und das ist schnell passiert, wenn es um künstliche Intelligenz geht...

Die Wiener Wissenschaftlerin Sarah Spiekermann vermisst in der digitalen Szene ein Gefühl dafür, was deren Arbeit bewirkt. Die Programmierer leben in einer eigenen Welt, die für viele kaum noch zu durchschauen und zunehmend so komplex ist, dass der Laie resigniert...

Sonst helfen auch in Zeiten wie diesen: Gelassenheit und Humor.

Der Autor

Paul-Josef Raue ist befangen, wenn er über "Brand Eins" schreibt. Er gehörte ein Jahr lang zum Gründerteam von "Econy": Er besorgte die Büros in der Brandstwiete 1 - direkt gegenüber dem alten Spiegelhaus -, er besorgte die Computer und Kugelschreiber. Nach "Econy" war Raue Chefredakteur von Regionalzeitungen in Magdeburg, Braunschweig und Thüringen, mit denen er jeweils den Deutschen-Lokaljournalistenpreis gewann. Heute berät der 66-Jährige Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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