Barbara Junge über "taz - meinland": "Die Zeiten erfordern eine neue Form des Journalismus, der viel kommunikativer ist"

25.01.2017
 

Das Bundestagswahljahr hat begonnen und die "taz" will es wissen: Was bewegt die Menschen im Schwarzwald, was die auf Rügen, in der Lausitz, in Saarbrücken, in Ostfriesland? Was die in Südbayern? Mit dem Projekt "taz - meinland" will die Redaktion raus aus der Berliner Blase, rein ins echte Leben. Und dort dann: Zuhören. kress.de hat mit den "taz"-Machern Barbara Junge und Jan Feddersen gesprochen.

Verantwortlich für "taz meinland" ist eine zehnköpfige Sonderredaktion unter der Leitung des tazinternen "Redakteurs für besondere Aufgaben" Jan Feddersen. In den kommenden neun Monaten werden sie sich der Frage widmen: Wo sitzt in Deutschland die Angst? Wo kommt sie her und wie gehen Menschen mit ihr um?

"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal das Gefühl haben würde, die Demokratie an sich verteidigen zu müssen. Aber die Decke der Demokratie ist dünn geworden", erklärt die stellvertretende Chefredakteurin Barbara Junge. Und weil, so Junge, die Grundlage für Demokratie ist, dass der Diskurs nicht abreißt, geht die "taz" den Diskurs an. Vor Ort, quer durch die Republik. Vier Veranstaltungen hat die "meinland"-Redaktion bereits gemacht, bis Ende März werden es voraussichtlich weitere 14 dazukommen - insgesamt 50 sollen es bis zu den Wahlen im September werden.

"Menschen wollen, dass wir sie besuchen"

Die Sonderredaktion, die einen Altersdurchschnitt von 26 Jahren hat, begibt sich dahin, wo gezweifelt und gestritten wird, stellt Fragen und ebnet den Raum für Diskussionen, um, so Feddersen, "Fühlung aufzunehmen mit dem, was für die Menschen vor Ort Tatsache ist."

Wohin die, mal kleineren, mal größeren, Teams reisen, ergibt sich teils aus eigenen Erfahrungen, teils aus Tipps der Genossenschaft und Vorschlägen von Leserinnen und Lesern. "Wir bekommen viele Anfragen von Menschen, die wollen, dass wir sie besuchen", sagt Junge. "Weil es einen Konflikt gibt, eine verfahrene Situation vor Ort oder auch tolle wenig wahrgenommene Initiativen."

"Wir gehen raus, um zu erfahren, worüber die Menschen in diesem Land diskutieren"

Der Journalistin, der Journalist, der vom Schreibtisch aus Analysen verfasst - für Junge ein überholtes Konzept. "Die Zeiten erfordern eine neue Form des Journalismus, der viel kommunikativer ist. Deshalb gehen wir raus, um zu erfahren, worüber die Menschen in diesem Land diskutieren, und eben auch, wo und warum nicht mehr diskutiert wird."

Diskussionen anstiften soll die Kampagne, und setzt dabei auf runde Tische statt auf Podien, und: auf Zuhören. "Es geht bei 'meinland' ausdrücklich nicht darum, Menschen zu missionieren oder zu belehren", betont Feddersen. "Vielmehr sind wir vor Ort und versuchen seismographisch präzise wahrzunehmen, wo was schiefläuft."

Volles Haus in einer sächsischen Kirche

Die ersten Veranstaltungen waren ein voller Erfolg. Weil die Menschen vor Ort sich gesehen fühlen und weil, durch die Unvoreingenommenheit der Außenstehenden, plötzlich möglich wird, was unmöglich schien. "Im sächsischen Schleife haben wir eine Veranstaltung in einer Kirche gemacht, die platzte aus allen Nähten. Und Streitparteien, die längst nicht mehr miteinander gesprochen haben, haben plötzlich wieder zu kommunizieren begonnen", freut sich Feddersen.

Junge nickt: "Das Feedback ist wirklich unglaublich. Bisher sind wir auf keine Vorbehalte getroffen, sondern fast schon auf Dankbarkeit dafür, dass wir vor Ort Diskussionen lostreten, die örtliche Medien einfach nicht mehr in Gang bringen können, weil die schon in ihren festgefahrenen Diskussionen stecken."

Begrenzte Mittel fordern unbegrenzten Enthusiasmus

Erfolge wie dieser machen den organisatorischen Aufwand mehr als wett. Gearbeitet werde, sagt Feddersen, rund um die Uhr. "Ich wünschte es wäre anders", seufzt er. Aber das Budget ist klein, der Raum beengt, der Stressfaktor hoch. Umso wichtiger war Feddersen bei der Auswahl des Teams eine stimmige Chemie. "Die Zusammenarbeit ist sehr intensiv. Deshalb habe ich Leute gesucht, die eine grundsätzlich zupackende, optimistische Haltung haben - und Lust, neue journalistische Grenzen auszuloten."

Ein handverlesenes Team

Herausgekommen ist eine Mischung aus "taz"-erfahrenen Redakteurinnen und Redakteuren, die durch Hospitierende unterstützt werden. Zusätzlich hat Feddersen explizit zwei Externe für das Projekt angefragt. "Ich brauchte Leute, die einen Sinn dafür haben, dass andere die Welt nicht so sehen wie man selber, und dass das nicht falsch sein muss. So bin ich auf Paul Toetzke aufmerksam geworden, weil er eine Reportage über die junge Wählerschaft der Partei Kaczynskis geschrieben hat, die war einfach gut und klug. Und Laila Oudray finde ich von der Wahrnehmung und von ihrer Art zu kommunizieren her großartig. Mit diesem wunderbaren Team und all seinen unterschiedlichen Qualifikationen versuchen wir jetzt, dieses Projekt crossmedial auf die Spur zu bringen."

"meinland" auf allen Kanälen

Die Website steht, der Newsletterverteiler wächst, ein Imagefilm wurde gedreht. Zusätzlich gibt es zu jeder Veranstaltung eine Videodokumentation, die das jeweilige Thema vor Ort einführt und Beteiligte zu Wort kommen lässt. Und im Print läutet die "taz" das Projekt mit einer Sonderausgabe am 25. Januar ganz offiziell ein. Die 14seitige Sonderausgabe stellt Team und Projekt vor und widmet sich in Reportagen, Interviews und Essays redaktionell der Frage, was eine "offene Gesellschaft" ist.

Die Website, die seit Januar online ist, will außerdem ein Forum für digitale Vernetzung bieten - was ist an anderen Orten passiert, wie gehen die Menschen dort Probleme an, wie laufen Diskussionen ab? Und, allem voran: Wie können wir uns vernetzen, um von den Erfahrungen anderer zu profitieren?

Handeln, statt zu jammern

Dazu richtet "meinland" den Blick dahin, wo es gute Initiativen gibt, statt paralysiert auf das zu starren, was schiefläuft. "Wir können niemanden davon abhalten, irgendeine Partei zu wählen", räumt Junge ein. "Aber wenn wir was dazu beitragen, dass ein demokratischer Diskurs nicht abreißt, um die Menschen nicht aus dem demokratischen Gespräch zu verlieren, dann ist das viel."

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