Rebecca Beerheide: "Die Journalistinnen sollten sich in Sachen Lohngerechtigkeit verbünden"

 

Die "Frontal-21"-Reporterin Birte Meier klagt gegen ihren Arbeitgeber ZDF, weil sie offenbar über Jahre deutlich schlechter bezahlt worden ist als ihre männlichen Kollegen. Der ZDF-Anwalt strebt einen Vergleich an: Gegen eine Zahlung soll Meier ihre Stelle aufgeben. Ein Unding, findet Rebecca Beerheide. kress.de sprach mit der Vorsitzenden des Journalistinnenbundes über Solidarität, Lohngerechtigkeit und die Vorbildfunktion öffentlich-rechtlicher Medien.

kress.de: Wenige Tage vor einer möglichen Urteilsverkündung fordern Sie öffentlich Solidarität mit Birte Meier. Wie soll diese Solidarität aussehen?

Rebecca Beerheide: Wir wollen die Kolleginnen und Kollegen aufrufen, in Sachen Lohngerechtigkeit zusammenzuhalten. Dieser Umgang eines Arbeitgebers mit einer renommierten Kollegin ist kein gutes Zeichen - vor allem in einer Zeit, in der Medien auch von außen sehr kritisch betrachtet werden. Die Journalistinnen sollten sich verbünden.

kress.de: Der Fall der ZDF-Journalistin zieht ein ziemlich großes Medienecho nach sich. Unter anderem haben viele Tageszeitungen berichtet. Was halten Sie davon?

Rebecca Beerheide: Ich finde es gut, dass Medien auch über andere Medien berichten. Lange Zeit wurde dem Medienjournalismus vorgehalten, nur Fernsehkritiken zu veröffentlichen, nicht aber zu berichten, was im eigenen Unternehmen oder in der Branche schief läuft. Dass genau solch ein Fall öffentlich gemacht wird, ist wichtig. Hier signalisiert ein Arbeitgeber: Liebe Frau, wenn du nachfragst und im äußersten Fall klagst, was dein gutes Recht ist, hast du leider größere Konsequenzen zu befürchten - nämlich den Arbeitsplatzverlust. Zu thematisieren, dass so etwas nicht geht, sehen wir als wichtig an. Zugleich gilt es, anderen Frauen, die in einer ähnlichen Lage sind, Mut zuzusprechen. Dieses Verhalten eines Arbeitgebers darf nicht zum Vorbild werden - und damit jegliche gesetzliche Bemühungen aus dem Bundesfamilienministerium konterkarieren.

kress.de: Birte Meiers Fall offenbart schon jetzt, dass das Einfordern von Lohngerechtigkeit die eigene berufliche Existenz gefährden kann. Können Sie andere Journalistinnen in ähnlichen Situationen tatsächlich ermutigen, ebenfalls zu klagen?

Rebecca Beerheide: Wenn man nicht in der Situation ist, kann man immer schwer sagen, wie es sich anfühlt. Ich bin nicht dafür, dass jede Betroffene auf die Barrikaden gehen muss. Aber wenn eine benachteiligte Arbeitnehmerin klagen möchte, dann können wir als Kolleginnen sie auf ihrem Weg moralisch unterstützen. Ich verstehe natürlich auch, wenn Frauen vor diesem Schritt zurückschrecken. Aber das ist ja genau das Schlimme: Dass dieses Damokles-Schwert über einer schwebt, wenn sie Gerechtigkeit einfordert.

kress.de: Was bedeutet dieser Prozess für den Ruf der Medien und speziell der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten?

Rebecca Beerheide: Wir als Journalistinnen sind den ganzen Tag damit beschäftigt, Missstände aufzudecken. Wir recherchieren in der Politik, in großen und kleineren Unternehmen und weisen auf Ungerechtigkeiten hin. Aber wenn wir das im eigenen Arbeitsumfeld machen, dann drohen uns Probleme. Das ist ein sehr bedenkliches Signal. Dabei haben öffentlich-rechtliche Arbeitgeber aus meiner Sicht eine spezielle Vorbildfunktion. Wir hoffen sehr, dass sich die Gleichstellungsbeauftragten der Öffentlich-Rechtlichen demnächst zum Thema Lohngerechtigkeit äußern.

kress.de: Deutschland ist europaweit eines der Schlusslichter in Sachen Lohngerechtigkeit. Nun hat das Familienministerium ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Verbesserung bringen soll - zumindest bei Firmen, die mehr als 200 Angestellte haben. Welchen Nutzen hätte es für Journalistinnen, die nicht angemessen bezahlt werden?

Rebecca Beerheide: Das Gesetz würde für viele Medienunternehmen schon einmal nicht gelten. Bei 200 Angestellten muss man schon relativ groß sein. Und dann könnten die Unternehmer ja auch tricksen, etwa indem sie Produktionsbereiche ausgliedern. Was das für Medienunternehmen bringt, bleibt abzuwarten.

kress.de: Mit welchem Ausgang des aktuellen Prozesses rechnen Sie?

Rebecca Beerheide: Ich hoffe für die Kollegin, dass es so gut ausgeht wie nur möglich. Ohne die Aktenlage zu kennen, fänden wir es bedauerlich, wenn es mit einem Vergleich endet. Wir werden als Journalistinnenbund jedenfalls genau hinschauen. Wie auch immer es ausgeht, der Fall wird wegweisend sein. Gerade in Zeiten, in denen Qualitätsmedien als Lügenpresse verunglimpft werden, brauchen wir starke Journalistinnen und Journalisten. Und dann kommt heraus, dass eine preisgekrönte Journalistin schlechter bezahlt wird als ihre männlichen Kollegen und letztlich vor Gericht ziehen muss, weil die Sache einfach nicht anders geklärt werden konnte. Das ist ein schlechtes Zeichen.

kress.de: Laut "Berliner Zeitung" soll der Richter am Berliner Arbeitsgericht geäußert haben, Schwangerschaften seien ein legitimer Grund für ein geringeres Gehalt. Abgesehen davon, dass  Birte Meier keine Kinder hat: Was halten Sie als Vorsitzende des Journalistinnenbundes von einer solchen Aussage?

Rebecca Beerheide: Ein schönes Beispiel. Nur weil eine Frau ein Kind bekommen kann, muss oder soll sie weniger verdienen? Da sind wir doch hoffentlich schon ein bisschen aufgeklärter in unserer heutigen Gesellschaft. Es gibt ausreichend Studien über die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen. Der sogenannte Gender Pay Gap beträgt in Deutschland 21 Prozent. Doch selbst wenn man ihn bereinigt, also etwa Kindererziehungszeiten herausnimmt, liegt der Unterschied noch bei sieben Prozent. Diese sieben Prozent kann niemand erklären.

Hintergrund

Rebecca Beerheide, Jahrgang 1982, ist seit Sommer 2015 Vorsitzende des Journalistinnenbundes. Sie arbeitet als Redakteurin und Leiterin Gesundheitspolitik beim "Deutschen Ärzteblatt" in Berlin. Zuvor war die Diplom-Journalistin bei der "Ärzte-Zeitung", volontiert hat sie beim "Main-Echo" in Aschaffenburg.

Der Journalistinnenbund ist ein Netzwerk von Frauen im Journalismus, das sich für engagierten Qualitätsjournalismus, Menschen- und Frauenrechte einsetzt. Der gemeinnützige Verein fordert mehr Einfluss für Frauen in Medien und Gesellschaft und macht in dieser Funktion öffentlich auf Missstände aufmerksam. 2017 wird der Journalistinnenbund 30 Jahre alt.

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