Neue Formate gesucht: Peter Hogenkamp zur Zukunft der Online-Nachrichten

 

Der klassische Artikel gerät im digitalen Zeitalter unter Druck. Alle experimentieren, aber mehr als  Zwischenlösungen sind noch nicht zu erkennen. Eine "Developing Story" zur Zukunft der Online-Nachrichten.

Was wir wissen:

Der News-Artikel hat noch nicht ganz ausgedient - aber er kommt zunehmend unter Druck. Insbesondere an den News-Großereignissen der letzten Wochen und Monate (Brexit, Attentate, Putschversuch) lässt sich ablesen, dass das klassische Format des Artikels immer weniger geeignet ist, um mit dem schnellen Takt der Online-News schrittzuhalten.

Alle großen News-Portale experimentieren mit neuen Formaten. Eines nennt sich "Live-Update" oder "Live-Blog", ein anderes typisches: "Was wir wissen und was nicht". Sie versuchen, eine Unzulänglichkeit auszumerzen: die Abgeschlossenheit des Artikels, die im 24-Stunden-Rhythmus der Zeitung gut funktioniert hat. Wenn ständig neue Nachrichtenlagen häufig wiederkehrenden Lesern gegenüberstehen, funktioniert es so nicht mehr.

Noch hat sich kein einheitliches Format durchgesetzt. Das "Live-Blog" hat wenig mit Bloggen im herkömmlichen Sinne zu tun, muss sich aber namentlich vom meist unsäglichen Live-Ticker abgrenzen, der sich vor allem dadurch auszeichnet, jede noch so kleine Wendung mitzuprotokollieren, auch wenn sie sich schon kurze Zeit später als irrelevant herausstellt ("61. Minute: Ecke für Bayern. Wird abgewehrt."). Daher gilt: Live-Blog = Live-Ticker mit Selektion. Die Einbettung von Videos, Tweets und Co. zählt dabei fest zum Repertoire.

Neben das neue Live-Format wird meist die bereits eingangs erwähnte Übersichtsseite gestellt: "Was wir bisher wissen". Hier wird, oft im Aufzählungsformat, der Stand der Dinge rekapituliert: Was ist das Big Picture? Was scheint sicher? Was ist noch nicht bestätigt? Der ideale Text für Neueinsteiger oder Wiedereinsteiger mit geringerer Nutzungsfrequenz.

Bisher waren Online-Artikel vor allem eins: redundant. Noch schalten viele Redaktionen bei jeder mittelgroßen Wendung der Nachrichtenlage einen neuen Artikel auf, der sich zu 80 Prozent aus dem Text des letzten speist und am Ende zwei neue Absätze enthält, sodass sich die Leser das Delta an neuen Informationen heraussuchen müssen. So kann es nicht bleiben. Dadurch, dass wir das Internet mit dem Smartphone buchstäblich rund um Uhr in der Tasche haben, werden insbesondere bei Großereignissen News-Websites von vielen Usern sehr häufig aufgesucht, und die Portale haben naturgemäß ein Interesse, diesen Heavy Usern ein gutes Angebot zu bieten.

Nicht alle Leser sind News-Junkies. Viele kommen auch nach wie vor nur wenige Male am Tag, was eine zusätzliche Komplikation darstellt, denn für diese Teilzielgruppe funktioniert der Artikel womöglich noch ganz gut - doch finden alle dasselbe Angebot vor.

Was noch unklar ist:

Während offensichtlich scheint, dass einer der wichtigsten Faktoren für unterschiedliche Informationsbedürfnisse ist, wie oft jemand News-Websites besucht, ist unklar, was das für die Artikelstruktur heißt.

Wie lange ist es noch vertretbar, dass Nachrichtenseiten für alle Benutzer gleich aussehen? Über Cookies ließe sich schon lange feststellen, wann jemand das letzte Mal da war, aber die Information wird nicht genutzt. Langfristig liegt die Zukunft wohl in der Personalisierung der Nachrichten, aber noch weiß niemand etwas Genaueres.

Wie viele verschiedene Formate als Nachfolger der klassischen Artikel müssen es sein, die den völlig unterschiedlichen Arten von Nachrichten gerecht werden?

Schon heute sind die Content Management Systeme der Verlage häufig der Flaschenhals dabei, innovative neue Konzepte umzusetzen. Selbst wenn man wüsste, wohin die Reise inhaltlich geht - können die heutigen Player das Projekt technisch stemmen?

Alle großen Websites sind inzwischen auch mobil verfügbar, allerdings scheint der Desktop darüber etwas vernachlässigt worden zu sein. Wie bespielt man die riesigen Monitore, vor denen wir inzwischen sitzen (und von denen die heutigen Websites nur einen schmalen Streifen nutzen) für eine bessere News-Experience?

Wie ändert sich das Verhältnis von Push und Pull? Müssen nicht auch Push-Meldungen und Newsletter personalisiert werden?

Wie passt das Erbe von "Snowfall" in die neue News-Landschaft? Das Pulitzer-preisgekrönte Feature der "New York Times" von 2012, das crossfunktionalen Teams aus Journalisten, Grafikern und Programmierern zusammenbrachte, definierte einige Jahre den Standard für Online-Berichterstattung - inzwischen hat sich aber eher die Erkenntnis durchgesetzt, dass monatelange Fleißarbeiten mit dem Newsroom wenig zu tun haben. Oder doch? Die Taktgeber im US-Nachrichtengeschäft zeigen auch viele schnell ad hoc programmierte Seiten.

Evolution oder Revolution? Experimentieren alle noch jahrelang rum, oder findet irgendwann einer über Nacht das Ei des Kolumbus, räumt damit die Leser in Scharen ab, und alle anderen müssen hektisch nachziehen?

Zum Autor: Peter Hogenkamp war drei Jahre lang Digitalchef der "NZZ" in Zürich, zuvor hatte er mehrere Startups gegründet. Das jüngste Projekt "Scope" bietet von 70 Expertinnen und Experten kuratierte Inhalte an.

Hintergrund: Dieser Text erschien zuerst im Juli 2016 in "kress pro", Ausgabe 6/2016. Peter Hogenkamp schreibt regelmäßig für "kress pro" - das Magazin für Führungskräfte in den Medien. "kress pro" kann im Newsroom.de-Shop bestellt werden. Die kress-Zeitschrift gibt es auch im ikiosk. Zum Abo geht es hier entlang. 

"kress pro" (Chefredakteur; Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

 

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