Publizist Franz Sommerfeld: Der Ernstfall der Demokratie und die Freiheit der Kunst

06.02.2017
 
 

Erneut sorgt ein Titelbild vom "Spiegel" für viel Diskussion. Publizist Franz Sommerfeld verteidigt das Cover des Hamburger Nachrichtenmagazins.

Der Streit um das Titelblatt des neuen "Spiegel" ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen markiert er die sich langsam heraus schälende unterschiedliche Bewertung des Amtsantritts von Präsident Donald Trump. Am aufschlussreichsten ist hier der Text von Clemens Wergin in der "Welt": "Das schlimmste was Trump sich geleistet hat ist ein Einreisestopp für Menschen aus sieben muslimischen Ländern".

Wie bei seinem ähnlich auftretenden Kollegen, dem Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt, findet bei Wergins Bewertung des Amtsantritts Trumps eine Inaugurationsrede nicht statt, in der der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die demokratischen Institutionen seiner Nation der Verachtung preis gibt. Statt über die Rechtsradikalen zu schreiben, mit denen Trump aus dem Weißen Haus per Erlass regiert, warnt Wergin davor, "nicht voreilig den ganz großen Hammer auszupacken." Denn, so der Autor, "wer zu oft Alarm schlägt, dem glaubt man nicht mehr. Und das sollte unserer Zunft eine Lehre sein für den Umgang mit Trump."

Auch Wergin zeigt durchaus Besorgnis gegenüber Trump. Aber wie lange will er warten? Bis Trumps Drohungen gegenüber China militärische Schritte folgen? Bis er beginnt, die Kriegsankündigungen seines wichtigsten Beraters Steve Bannon in die Tat umzusetzen? Es trifft zu, dass im beliebten "Kampf gegen Rechts" manche hyperventilieren. Aber das nützt jetzt nichts und kann kein Grund für Zurückhaltung sein. Der Amtsantritt von Trump ist nach dem heutigen Kenntnisstand der Ernstfall der Demokratie.

Wenn Jürgen Trittin, Peter Altmaier, der Chef der amerikanischen Handelskammer in Deutschland Bernd Matthes und Handelsblatt Herausgeber Gabor Steingart in den Grundlinien ihrer Bewertung Trumps übereinstimmen, ist das keine kollektive Hysterie, sondern eine berechtigte Besorgnis über historische Veränderungen der Weltlage.

Wenn Trump der Ernstfall ist, dann haben die Medien Alarm zu schlagen. Möglichst fundiert und informativ, so wie es die Titelgeschichte des neuen "Spiegel" auch leistet. Wie es übrigens auch in vielen anderen Geschichten der "Welt" geschieht. Und dazu gehört natürlich auch das Interview mit Trump, das Kai Diekmann mit "Bild" führte. Es war übrigens so aufschlussreich, dass jeder Versuch Diekmanns, ein Streitgespräch mit Trump zu führen, nicht mehr gebracht, sondern zum Abbruch geführt hätte.

Und dazu gehören natürlich auch Karikaturen und andere Formen der pubilizistischen Auseinandersetzung. Erinnert sei nur an die Mohammed-Karikaturen. Nun hat Springers Vorstandschef Mathias Döpfner in seinem bemerkenswerten Pädoyer für Jan Böhmermann zu Recht bemerkt, dass "es doch in Deutschland eine gute von Tucholsky geprägte, von Hitler ex negativo gehärtete Tradition der Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit gibt." Döpfner nannte Böhmermanns Gedicht "ein Kunstwerk. Wie jede große Satire. Und als solches: frei. Oder doch nicht?"

Es ist an der Zeit, diese Frage Döpfners zu wiederholen, wenn man die Etiketten liest, die Bild.de-Chef Julian Reichelt ("abstoßendste und geschmackloseste") und andere ("Komplettverlust des moralischen Kompass") verteilen.

Natürlich darf "schmutzig" nicht fehlen, der Ruf nach der Säuberung. Da wirkt es schon ungewollt komisch, wenn sich gerade die "Achse des Guten" durch den Spiegel an Weltkriegspropaganda erinnert fühlt. All diese Kritiker eint eine Methode: Sie sprechen der Kunst und Karikatur das Recht auf eine assoziative und polemische Bildsprache ab, indem sie so tun, als würde die Karikatur einen Sachverhalt eins für eins abbilden. Dadurch erst schaffen sie die Möglichkeit, sich über den Künstler zu empören, der vergleiche doch Trump mit dem IS. Die Freiheit von Kunst und Karikatur wird dort bedroht, wo ihr Charakter verleugnet wird.

Tatsächlich warnt Edel Rodriguez in seinem Spiegel-Titelblatt vor einem Präsidenten, der die Freiheitsstatue enthauptet, der seiner Nation das demokratische Herz nimmt. Das ist nach den ersten zwei Wochen eine durchaus nach zu vollziehende Angst, erst Recht, wenn man wie Rodriguez aus einer Diktatur stammt. Nun gibt es in der Geschichte der Karikatur Enthauptungsmotive wie Sand am Meer. Seit den öffentlichen Hinrichtungen durch IS-Schergen haben diese Bilder eine zusätzliche Aufladung erhalten. Müssen sie damit als Motiv für Karikaturen fortfallen?

Wenn Rodriguez mit seiner Karikatur an den IS erinnert, dann warnt er davor, das zu gefährden, was die westliche Gesellschaft vom Wüten des IS unterscheidet, Freiheit und Demokratie. Er kämpft um den Unterschied und warnt vor einer Selbstenthauptung der USA. So lange der "Spiegel" und sein Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sich trauen, solche Kunst auf den Titel zu setzen, die die "Washington Post" als "atemberaubend" bewertet, gibt es Hoffnung, dass sich die demokratischen Gesellschaften als durchaus resistent gegen die weltweite Bewegung des Trumpismus erweisen.

Franz Sommerfeld

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