Dem "Dienstmann" Günther Kress zum 88. Geburtstag: "Das ist absoluter Wahnsinn!"

 

Günther Kress, Gründer vom legendären "kress report", feiert heute seinen 88. Geburtstag! Als wir ihn heute Morgen am kress.de-Telefon erreichen, ist "der Dienstmann" mit seiner Familie noch mitten in den Frühstücksvorbereitungen. Der Jubilar ist gut drauf, will heute natürlich auch gute Musik (Jazz!) hören. Zum Ehrentag veröffentlicht kress.de im Original das Interview, das Günther Kress im September 2016 "kress pro" gab.

kress: Herr Kress, wir haben jetzt einige Male miteinander gesprochen. Ich habe inzwischen verstanden, dass Sie nicht sehr viel Vorfreude auf dieses Interview verspüren. Warum eigentlich?

Günther Kress: Ach, was ein alter Zausel wie ich von früher erzählt, das interessiert doch niemanden. Aber - jetzt machen Sie schon! Was wollen Sie wissen?

Sie sind inzwischen 87 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?

Mir geht es gut, danke, ich klopfe auf Holz. Ich bin körperlich okay, ich habe eine tolle Frau und zwei tolle Kinder. Dieses Umfeld ist großartig.

Sie sind ein Familienmensch, gleichzeitig haben Sie Ihren Dienst 30 Jahre lang immer allein geschrieben und sehr viel gearbeitet. Wie haben Sie das vereinbaren können?

Ich habe die freie Zeit, die ich mir gegönnt habe, immer prima genutzt und ganz wesentlich mit meiner Familie verbracht. Und die Familie hat immer toll mitgemacht. Sie hat meinen Beruf ertragen und mich unterstützt. Meine Töchter und meine Frau haben bei jedem Versand geholfen. Bei jedem. Wir haben ja den Dienst jeden zweiten Donnerstag zusammengelegt, geklammert und zur Post gebracht.

Wie viele Stunden haben Sie pro Woche gearbeitet?

Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht überlegt, keine Ahnung.

Wie sah Ihr Arbeitsalltag früher aus, wann ging es morgens los?

Relativ spät, vor neun Uhr kam nicht infrage. Eher halb zehn, zehn. Wie lange ich im Büro war, hing immer davon ab, was so los war in der Branche. Aber es kam so gut wie nie vor, dass ich schon um sieben Uhr abends nach Hause kam, sondern später. Und vergessen Sie eins nicht: Jede zweite Woche habe ich im Büro geschlafen. (lacht)

Mehr als eine Nacht?

Jede Nacht!

Warum?

Weil ich den Dienst fertig machen musste, ganz einfach. Ich bin dann am Sonntagabend ins Büro, wohl versorgt mit Nahrungsmitteln aller Art.

Und wo haben Sie geschlafen?

Na, in meinem Büro! Auf einem Sofa.

Fanden Sie es zu weit, noch zu fahren?

Es war vor allem zu gefährlich, weil ich zu müde war. Das habe ich jahrelang gemacht. Finden Sie das so ungewöhnlich?

Ja, schon.

Wieso denn? Ich habe das mit meiner Frau abgesprochen, die musste natürlich einverstanden sein. Und dann haben wir das so organisiert.

Sie waren mit Ihrem Dienst schon sehr ehrgeizig, oder?

Ja. (überlegt) Aber machen Sie mal was Gescheit's ohne Ehrgeiz.

Wie haben Sie früher gearbeitet?

Der frühe Vormittag war mit Lesen ausgefüllt. Also wenn Sie Befürchtungen haben, ich hätte da gesessen und in der Nase gebohrt, dem war nicht so.

Wurden Sie oft angerufen?

Die Wichtigen riefen nicht an, außer Henri Nannen manchmal. Da musste man sich kümmern.Sie haben viel telefoniert. "Ich höre, ob einer lügt", haben Sie der "SZ" mal gesagt.Oh ja!

Wie machen Sie das?

Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Und ich möchte auch nicht behaupten, dass ich das immer gehört habe. Aber es ist schon öfter mal vorgekommen, dass einer da rumgegackert hat oder so einen käsigen Ton hatte, weil er was vertuschen wollte. Man bekommt mit der Zeit ein Telefonohr. (lacht)

Sind Sie oft angelogen worden?

Sicher, man hat es zumindest versucht. Und schon der Versuch ist strafbar.

Und wie sind Sie damit umgegangen?

Beim nächsten Mal habe ich dann ganz kühl gesagt: Das hat übrigens nicht gestimmt, was Sie da gesagt haben.

Wann haben Sie geschrieben?

Ganz einfach: nachts. Weil das Telefon dann nicht klingelte. In der ersten Woche habe ich nur wenig geschrieben, sondern recherchiert. In der zweiten Woche habe ich dann nachgefasst und alles aufgeschrieben.

Wann sind Sie auf den Computer umgestiegen?

Never. Ich hab's mal probiert, aber der Computer hat vor mir gescheut. Ich habe ihn irgendwannkaputtgekriegt, glaube ich. Ich muss mal nachsehen, ob ich irgendwo noch meine Schreibmaschine habe. Ich habe früher sehr gerne Briefe geschrieben. Damit sollte ich wieder anfangen, ich habe lange nicht geschrieben.

Kannten Sie Schreibhemmungen?

Nein. Nur, ob es immer gut war, was ich geschrieben habe, das ist eine andere Frage.

Ihr Markenzeichen war so ein verschmitzter, ironischer Ton. Das entspricht Ihrem Charakter, oder?

Ich glaube schon.

Jahrelang stand im Impressum: "Der Dienst ist vertraulich und nur für den Empfänger bestimmt."

Das war ernst gemeint! Ich wollte verhindern, dass irgendwelche Dahergelaufenen den Dienst lesen und denjenigen wegnehmen, die ihn abonniert hatten. Das war ein Schutz vor missbräuchlicher Verwendung. Motto: Wehe, ich erwische einen, der nicht bezahlt hat!

Jetzt kommt eine Frage, die Sie nicht mögen werden. Sie sind in der Branche eine lebende Legende. Alle sprechen mit höchster Achtung von Ihnen. Wie ist das?

Ach, ich habe eben viele Jahre die Branche beobachtet, andere interessieren sich nicht dafür. Oder sagen sich halt: Warum soll ich eigentlich immer diesen ganzen Mist lesen?

1991 feierte der "kress report" sein 25-jähriges Bestehen. Da schickten Ihnen alle Großen der Branche Glückwünsche: Nannen, Augstein, Burda. Hat Ihnen das geschmeichelt?

Wenn ein Henri Nannen, der ja auch noch ein bisschen was anderes zu tun hatte, sich hinsetzt und einen Brief schreibt, finde ich das toll. Das war schon eine Bauchpinselei der größeren Art. Ich möchte den sehen, der sagt, dass das auf ihn keinen Eindruck macht. Man muss sich deswegen ja nicht lenken lassen. Aber, dass man eine gewisse Anerkennung findet, ist einem doch nicht egal. Das ist bei jedem Handwerksmeister oder Pianisten auch nicht anders.

Sie wirken sehr bodenständig. Waren Sie mal gefährdet abzuheben?

(überlegt) Da müssten Sie meine Frau fragen.

Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?

Jetzt kommt eine platte Formulierung: ehrliche Arbeit.

Das klingt nicht platt.

Ich habe keinen reingelegt, bewusst schon gar nicht. Und wenn es unbewusst geschah, dann tut es mir leid. Ich wollte mit Veröffentlichungen nie Politik machen.

Und wenn jemand mit dem, was Sie geschrieben haben, doch Politik betrieben hat?

Was ich nicht verhindern konnte, konnte ich nicht verhindern. Aber ich habe nicht geschrieben, um jemandem einen Gefallen zu tun oder jemandem zu schaden.

Sie stehen für eine hohe Seriosität. Haben Sie auch mal richtig danebengehauen?

Ja, sicher. Aber das weiß ich nicht mehr. (lacht)

Kluge Antwort.

Nein, nein. Ich bin überzeugt davon, dass man das auch verdrängt. Es gab aber sicher Momente, in denen ich dachte: Ich habe den jetzt hart kritisiert, das hätte ich auch bleiben lassen können. Diese Kleinigkeit war es nicht wert, verstehen Sie?

Gab es jemand, den Sie besonders mochten?

Gemocht? Na ja. Manchmal war einer die große Person der Stunde und dann merkte man, so toll war der gar nicht. Muss ich jetzt widerrufen?

Gab es einen Lieblingsfeind?

(überlegt) Das hätte nicht zu meiner journalistischen Grundhaltung gepasst und deswegen werde ich es auch nicht zugeben. (lacht laut)

Sind Sie jemals verklagt worden?

Ich meine nicht. Angedroht worden ist es einige Male. Aber es ist nie zum Schwur gekommen.

Wie haben sich die Menschen in der Branche im Laufe der Zeit verändert?

Ich glaube, die Menschen sind immer gleich geblieben. Sie machen ihre Arbeit und sie versuchen, auch mal einen Vorteil rauszuschinden.

Sie wurden als unabhängig und unbestechlich wahrgenommen. Wie haben Sie das gemacht?

Indem ich so war.

Sie haben für Ihren Dienst auch Anzeigen verkauft, oder?

Ja, aber da habe ich mich sehr zurückgehalten. Ich habe höchstens mal angerufen und gesagt: Ich habe da eine schöne Anzeige gesehen, wäre das nicht auch was für den "kress report"?

Gab es denn da nie Druck von den Anzeigenkunden?

Um Gottes willen, nein! Ich hätte deswegen auch nie was verschwiegen.

Gab es Abbestellungen von Abos nach missliebigen Beiträgen?

Das kam vor. Meine wirtschaftliche Situation hat das aber zum Glück nie tangiert, höchstens meine Eitelkeit. Ich fand so ein Verhalten schwach, aber es war mir nicht wichtig. Manchmal sind die Abonnenten auch über Umwege zurückgekommen. Sie haben dann zu einem Freund oder Spezl gesagt: Ach, dann bestell den doofen "kress report" doch wieder.

Hatten Sie mal Angebote, woandershin zu wechseln?

Nein, nicht ausdrücklich. Das gab es nicht.

Und Angebote, den Dienst zu verkaufen?

Nein, auch nicht. Da ist nie einer gekommen. Ich hätte den auch schwer ausgelacht und wahrscheinlich drüber geschrieben.

Wirtschaftlich lief Ihr Dienst immer gut?

Ich konnte nicht klagen.

1991 haben Sie allein durch Abos 450.000 Mark eingenommen, plus Einnahmen für den Postvertrieb und Anzeigenerlöse.

Meine Frau und die Kinder haben nie nach Brot gerufen. Es war immer welches da, sogar mit Belag.

1996 haben Sie dann verkauft. Zu einem guten Preis?

Das weiß ich wirklich nicht mehr genau. Aber es wird schon so gewesen sein, denn wir haben nachher eine lange und schöne Amerikareise unternommen. Ich wusste: Ich will nicht mehr, also habe ich verkauft.

Wie schwer ist Ihnen der Verkauf gefallen?

Nicht sehr. Ich fand, meine Arbeit war getan und ich sollte mich meiner Familie und mir selbst widmen.

Sie waren nach Ihrem Abschied noch jahrelang Herausgeber. Es heißt, dass Sie energische bis wütende Anrufe in der Redaktion tätigten, wenn etwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit war. Konnten Sie nicht loslassen?

Doch, aber das war eben meine Aufgabe. Neulich bekam ich ein hinreißendes Schreiben von einem, der lange im Versand mitgearbeitet hat. Der schrieb mir, es sei für ihn bis heute eine unvergessliche Zeit und schilderte eine Anekdote: Trotz der Kontrollen fand ich einmal einen Fehler in einem Manuskript und rief dann zu dem Schuldigen, der den Schreibfehler nicht gesehen hatte, über den Flur: Peter, mach schon mal die Brust frei.

Brust ...?

Das kennen Sie wohl nicht. Bei Erschießungen wurde früher das Hemd aufgerissen. Daran können Sie sehen, dass es mich nicht wirklich geärgert hat.

Sie waren bei Ihrem Verkauf 67 Jahre alt. Warum haben Sie nicht eher verkauft?

Die Arbeit ist mir nie langweilig geworden.

Warum nicht?

Ich bin nicht begabt für Langeweile. Es gibtdoch auf dieser Welt so viele interessantePersonen und Dinge: Man kann sich den ganzenTag damit beschäftigen, Neues zu lernenoder das Alte zu kapieren. Das ist ganz wichtig:das Alte kapieren.

Kress hat dann einige Male den Besitzer gewechselt. Wie haben Sie das verfolgt?

(überlegt lange)

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass der Dienst unter Ihrer Regie seine beste Zeit hatte.

Vielen Dank.

Wie sehen Sie das, was wir jetzt aus Ihrem Dienst gemacht haben? Wir können die Wahrheit vertragen.

Ich habe das letzte Heft gelesen, da hat mich einiges interessiert.

Sie haben mir mal gesagt, dass Sie froh sind, den Dienst früher verantwortet zu haben und nicht heute. Würden Sie denn heute nochmal Journalist werden?

Jederzeit!

Warum haben Sie sich damals für den Beruf entschieden?

Ich war neugierig, im Sinne von: Ich wollte das Wie und Warum verstehen. Und ich habe schnell begriffen, dass man es oft mit interessanten Menschen zu tun hat. Das ist jetzt eine Verbeugung vor den Journalisten und Verlegern, mit denen ich zu tun hatte.

Ihr Vater war als Elektroinstallateur selbstständig. Sie waren der einzige Sohn und als Nachfolger vorgesehen. Wie hat er reagiert, als Sie ihm eröffnet haben, dass Sie Journalist werden?

Fabelhaft. Er sagte: Wenn du glaubst, dass das für dich besser ist, dann mach das. Er hat mir nie einen Vorwurf gemacht.

Und als Sie sich selbstständig gemacht haben?

Das hat ihm gefallen, das hat ihm sehr gefallen. Weil er auch selbstständig war.

Vor 50 Jahren sind Sie gestartet. Mit einem 10.000-Mark-Kredit Ihres Schwiegervaters.

Ich hatte eben eine tolle Frau, die wahrscheinlich etwas nachgeholfen hat.

Hatten Sie damals Existenzängste?

Nein, ich hatte keine Befürchtungen. Aber später gab es mal eine Zeit, da hatte ich Bammel.

Wieso? Sie waren schnell erfolgreich, der Dienst war nie defizitär, oder?

Nein, weit davon entfernt. Ich hatte einfach eine selbstkritische Phase, in der ich mich fragte: Bist du dem eigentlich gewachsen? Aber das ging vorbei.

Herr Kress, zum Schluss: Warum fremdeln Sie eigentlich so mit dem Internet?

Ich kapiere es einfach nicht. Manchmal kann ich einen regelrechten Zorn aufs Internet entwickeln, es ist für mich nichts Greifbares (fasst den Zettel mit den Fragen an). Sie können jetzt sagen, ich sei ein alter Dummkopf.

Das würde ich nie sagen.

Viele Leute denken so: Einer, der mit dem Internet nichts zu tun haben will, der hat keine Schraube locker, sondern die Schraube ist gar nicht da.

Heute sind die Branchendienste im Netz fast alle gratis.

Das ist Wahnsinn, das ist absoluter Wahnsinn! Das hätte ich nicht mitgemacht, da hätte ich lieber was anderes gearbeitet.

Mit Günther Kress, Gründer vom "kress report", sprach "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand.

Hintergrund: Das Interview mit Günther Kress ist zuerst im "kress pro" in der Ausgabe 07/2016 erschienen. Bestellen Sie hier Ihr persönliches "kress pro"-Abo!

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