Paul-Josef Raue zur Herausforderung durch Donald Trump: Raus aus den Pressekonferenzen! Rein in die Recherche!

 

"Journalismus! Die Paul-Josef Raue-Kolumne" dreht sich diesmal um einen Präsident, der Journalisten verachtet. Ein solcher Präsident ist eine Chance für den Journalismus. Denn die gleichen Bürger, die den Präsidenten gewählt haben, finden sich in den Medien nicht wieder, weder mit ihren Themen, Problemen und Ängsten, noch mit ihrer Sprache. 

Es ist nicht nur eine Chance für den Journalismus in den USA, sondern auch bei uns: Wie gewinnen wir die Leser zurück, die uns misstrauen? Wie wird der Journalismus wieder der Journalismus aller Bürger - so wie es unsere Verfassung verlangt?

"Keine Pressekonferenzen! Keine Termine! Was sollen wir bloß drucken?" Diese Furcht steckt in den Knochen vieler Journalisten, seitdem sie im Volontariat den Lokalchef schwitzen sahen beim Blick in den leeren Terminkalender. Und nun droht ein US-Präsident damit, die Bürger selber direkt zu informieren - und postet auf Twitter, wen er als Richter fürs oberste Gericht nominieren wird.

Und wenn bei uns Bürgermeister, Ministerpräsidenten und Bundesminister Trumps Beispiel folgen? Wenn die Mächtigen zu Medien werden, die Nachricht und Propaganda nach eigenem Gusto mischen und unters Volk streuen?

Wir müssen in Deutschland keine Sorge hegen, dass Politiker die Journalisten vor der Tür stehen lassen. So komfortabel wie bei uns haben sie es in kaum einem anderen Land: Sie verlassen einen Konferenzraum, vor dem unzählige Kameras und Mikrofone auf sie warten; sie veranstalten Pressekonferenzen, zu denen Dutzende und noch mehr Journalisten kommen; sie rufen einen Journalisten ihrer Wahl an, versprechen ihm Exklusives und schon gibt es ein Interview, aus dem die "Tagesschau" zitiert; sie fliegen durch die Welt, machen sich Journalisten zu treuen Begleitern und sprechen mit ihnen, bis sie ihre Sprache sprechen.

"Es gibt bei den Medien zu viel Nähe zu jenen, über die man eigentlich kritisch berichten müsste, zu viel Rücksicht auf die Wünsche, an Interviews solange zu arbeiten bis genau das Gegenteil von dem übrig bleibt, was einer gesagt hat. Zu viele Hintergrundgespräche, bei denen alles gesagt wird, aber man davon dann nur zehn Prozent schreiben darf."

Das ist kein Mitschnitt von einem Pegida-Spaziergang, sondern die Erkenntnis von Deutschlands bedeutendstem Medien-Manager, dem Springer-Vorstand Matthias Döpfner, in einem Interview mit dpa. "Die Leser spüren das, und es nährt den immer noch mehrheitlich falschen Eindruck: Die stecken mit den Politikern unter einer Decke."

Mehrheitlich falsch? Wohl kaum. Sie stecken wirklich unter einer Decke, die beide wärmt: Die Politiker, die ihre Botschaften unters Volk bringen, und die Journalisten, die ihre Blätter damit füllen. Immer mehr Leser und Zuschauer merken das: Die einen langweilen sich bei einem Nachrichten-Journalismus, für den sich nicht mehr zu zahlen lohnt; die anderen werden anfällig, wenn nicht gar offen für einen Verschwörungs- und Lügen-Journalismus, der spannend ist, nicht langweilig und kostenlos.

Was wir also brauchen ist ein Journalismus, der nicht mehr zu Pressekonferenzen oder bestellten Interviews geht; was wir brauchen ist ein Recherche- und Analyse-Journalismus, der in die Kulissen der Macht schaut und das einordnet, was in den Verlautbarungen verkündet wird. Keine Pressekonferenzen mehr?

"Keine gute Geschichte kommt aus einer Pressekonferenz", sagt Lydia Polgreen, die Chefredakteurin der "Huffington Post" in einer Debatte über den US-Journalismus in Trump-Zeiten.

Und Steve Adler, der Reuters Chefredakteur, erinnert seine verunsicherten Redakteure, was die Agentur groß und bedeutend gemacht hat: Keine offiziellen Bekanntmachungen, die sind nicht wichtig, sondern gute Quellen. Adler vergleicht die künftige Arbeit in den Trump-USA mit der Arbeit in Diktaturen. Was dort gelinge, werde auch in der USA gelingen: "In vielen anderen Ländern schaffen wir es, unsere Probleme bei der Arbeit intern zu halten und so unserer Arbeit nachgehen können, ohne in den Verdacht der Voreingenommenheit zu geraten."

Wie würde sich der Journalismus in Deutschland verändern, wenn nicht mehr Hundertschaften von Redakteuren Nachrichten in Berlin und anderswo nachjagten, sondern recherchierten, was die Nachrichten für die Menschen wirklich bedeuten? Was verschwiegen wird? Was falsch läuft?

Es geht nicht darum, Politikern nachzustellen und hinter jeder Fichte einen Skandal zu wittern. Es geht nicht um Affären-Geilheit, sondern um die einfache Kontrolle, zu der unsere Verfassung den Journalisten so viel Freiheit gibt.

Wenn Journalisten ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, tut dies auch den Politikern gut: Sie können sich nicht mehr hinter Journalisten verstecken, die ihre Sprache sprechen und ihrer Dramaturgie folgen, sondern müssen so handeln und sprechen, dass sie von den Bürgern wirklich verstanden und akzeptiert werden. Kontrolle mit Respekt hilft allen: Den Journalisten als Kontrolleuren, den Politikern als Kontrollierten und dem Volk, in dessen Auftrag wir kontrollieren.

Dies wäre der Sechs-Punkte-Plan für einen Journalismus, der wirklich professionell ist und souverän in der Demokratie und für die Demokratie agiert:

1.     Wahre Distanz zu den Mächtigen, in Politik, Wirtschaft und Verbänden, ohne dabei den Respekt zu verlieren! Bleibe fair in der Suche nach der Wahrheit!

2.     Schreibe verständlich und meide den üblichen Polit-Jargon! Trump gewann die Wahlen auch, weil er die Sprache der einfachen Menschen sprach. Die Sprache dürfen Journalisten nicht Demagogen und Polit-Profis überlassen.

3.     Lasst keine Lügen und Verschwörungen zu: Recherchiert, wer ein Interesse an ihrer Verbreitung hat! Entlarvt sie!

4.     Recherchiert! Recherchiert! Recherchiert!

5.     Bietet den Lesern und Zuschauern Lösungen an und überwältigt sie nicht mit unendlich vielen Problemen!

6.     Ordnet die Welt durch Analysen! Sortiert all das aus, was unwichtig für die Menschen ist! Konzentriert Euch auf das, was die Stadt, das Land und die Welt zusammenhält!

 

Der Autor

Paul-Josef Raue war über drei Jahrzehnte Chefredakteur von Regionalzeitungen in Marburg, Eisenach, Frankfurt, Magdeburg, Braunschweig und Thüringen; mit vier Redaktionen gewann er den Deutschen-Lokaljournalistenpreis. Heute berät der 66-Jährige Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

Ihre Kommentare
Kopf
Bernd Nohse
08.02.2017
!

Nicht nur böse Zungen können jetzt behaupten, dass Trumps Verachtung für diese Journaille aber sowas von berechtigt ist...


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