Wie Journalistik-Professor Volker M. Banholzer die Zukunft von Fachjournalismus sieht

07.02.2017
 
 

Fachjournalismus muss sich zurück auf journalistisches Handwerk besinnen - sonst ist er im Zeitalter der Digitalisierung überflüssig. Das fordert Professor Volker M. Banholzer von der Technischen Hochschule Nürnberg in einem kress.de-Gastkommentar. Er legt anhand konkreter Negativ-Beispiele den Finger in eine Wunde. 

Es hatte nichts miteinander zu tun, hätte aber vom Timing nicht besser zusammentreffen können. Mitte vergangener Woche diskutierten Journalistinnen und Journalisten der "New York Times", des "Wall Street Journal", der "Huffington Post" und der Nieman Foundation über die Zukunft des Journalismus. Eine zentrale Überlegung: Journalismus muss sich seiner Basis als Handwerk, "as a blue-collar profession", besinnen.

Parallel gelingt der Pressestelle der TU München mit einem als Pressemitteilung verschickten Interview der Ordinaria für Automatisierung, Professorin Birgit Vogel-Heuser, so etwas wie ein PR-Coup. Vier Fachmedienhäuser bzw. Medien, Konstruktionspraxis (Vogel Business Media), Produktion (Verlag Moderne Industrie), Scope (WEKA Businessmedien) und Verfahrenstechnik (Vereinigte Fachverlage), veröffentlichen diese Pressemitteilung in ihren Onlineportalen wörtlich, ungekürzt, ohne Quellenangabe und teilweise noch als von einem Redakteur betreut.

Unabhängig vom Ansehen und der Reputation der "interviewten" Expertin, Prof. Vogel-Heuser, unbenommen der Relevanz des Themas Industrie 4.0 und unbenommen des zeitlichen Drucks in Redaktionen: Diese journalistische Praxis ist fragwürdig. Und: Es zeigt, wie dringend sich Fachjournalismus gerade im B2B-Segment verändern und sich seines journalistischen Handwerks erinnern muss.

Hierzu drei Argumente: Information, Wissen, Innovation.

1. Information und Glaubwürdigkeit. Medien sind (noch) eine der wichtigen Quellen für Information. Die Diskussion um das postfaktische Zeitalter illustriert allerdings überdeutlich, dass Medien Gefahr laufen, ihre Stellung als glaubwürdige Instanz zu verlieren. Glaubwürdigkeit setzt voraus, dass Rezipienten auf  journalistisches Handwerk verlassen können. Sorgfältiges Prüfen von Quellen, Transparenz ob der Quellenlage herstellen und für die Zielgruppe die relevanten Inhalte selektieren. Selbst wenn die Äußerungen der Expertin so zentral, so einzigartig sind, dass genau diese Wortlaute übernommen werden müssen, dann machen sich Fachmedien mit dem intransparenten Übernehmen von Pressematerial unglaubwürdig. Nachdem dies in mehreren Medien geschah, stellt sich die Frage, ob sich die einzelnen Plattformen und Medien nicht im Wettbewerb sehen und sich nicht unterscheiden wollen. Das führt zum nächsten Argument: Einordnen von Informationen.

2. Wissen und Kompetenz. Informationen sind in einer Wissensgesellschaft nicht genug. Studien über das Informationsverhalten von Entscheidern belegen, dass Daten, auch Informationen, ohne Interpretation und Einordnung wenig nutzen. Und vor allem nur die Übermittlungskanäle verstopfen. Gefragt ist das Inbeziehungsetzen von Ereignissen, Fakten und Informationen - zueinander, in einen größeren Zusammenhang oder gar über das jeweilige Spezialfeld hinaus.

Das setzt natürlich fachliche Kompetenz in den Redaktionen voraus und gute Netzwerke zu Expertinnen und Experten, um Dinge hinterfragen und einordnen zu können. Das setzt das Handwerk Recherche und Sorgfalt voraus. In der Wissensgesellschaft ist das zentrale Gut "Wissen" und nicht "Information". Das als Beispiel angeführte Interview hat die TU München auf ihren eigenen Medienportalen, wie dem Digital Manufacturing Magazin, veröffentlicht. Die Information wird also von den Organisationen selbst verbreitet. Journalismus schafft Wissen durch Bearbeitung von Information, das ist entscheidend für den Wirtschaftsstandort und führt zum dritten Argument.

3. Innovation und Meinung. Keine politische Äußerung, kein Unternehmensstatement kein Forschungsprogramm kommt ohne die Vokabel "Innovation" aus. Industrie 4.0 wird als eine solche Innovation gehandelt, die helfen soll, den Wirtschafts- und Wissensstandort Deutschland zu sichern und weiterzuentwickeln. Insofern war es, so könnte man argumentieren, wichtig das Interview schnell zu verbreiten. Nur: Dem Begriff Industrie 4.0 liegt keine Definition zugrunde. Der Begriff und die mit Industrie 4.0 verbundenen Technologien kristallieren sich erst durch die Debatten und Meinungen heraus und entwickeln Trennschärfe für ein Technologiefeld. Märkte für Innovationen entstehen erst durch Bekanntwerden und die Diskussion von Eigenschaften dieser Innovationen. Und das setzt wiederum einordnenden und kommentierenden Journalismus voraus, der fachlich und gesellschaftlich einen Gestaltungsdiskurs ermöglicht.

Digitalisierung ersetzt nicht journalistische Handwerkskunst.

Das zitierte Beispiel des Interviews als Pressemitteilung trifft jetzt aktuell die vier benannten Medien. Es ist aber eher symptomatisch für das fachjournalistische Agieren. So macht sich Fachjournalismus überflüssig. Gerade unter den Vorzeichen von Digitalisierung könnte man zugespitzt formulieren, das Kopieren einer Presseinformation hätte ein Algorithmus ebenso geleistet. Billiger und noch schneller. Das Übermitteln von Informationen kann automatisiert werden. Das Einordnen und Bewerten ist noch eine originäre journalistische Leistung.

Digitalisierung heißt nicht, Quellen schnell kopieren und Post schnell als Journalismus veröffentlichen zu können. Digitalisierung heißt, Onlinequellen, Social Networks oder Portale für Journalismus zu nutzen. Wie das gehen kann, zeigt die Berichterstattung über den Einstieg von Tesla beim Anlagenbauer Grohmann-Engineering. Tesla und Grohmann versenden keine Pressemitteilungen, sie twittern.

"Elektroniknet", war das Fachmedienportal, das diese Tweets aufnahm und wo Robert Weber das Geschehen in einem journalistischen Kommentar einordnete. Es wird Zeit, dass sich Fachjournalismus vor allem im B2B-Segment wieder dieser und der anderen grundlegenden journalistischen Handwerkskunst besinnt. Sonst diskutieren wir nicht nur die menschenleere Fabrik, sondern auch die menschenleere Redaktion. Diese Diskussion ist überflüssig - hoffentlich.

Autor: Volker M. Banholzer

Zur Person: Prof. Volker M. Banholzer leitet den Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR an der TH Nürnberg und forscht zu Innovationskommunikation und Gestaltungsdiskurs Industrie 4.0

 

Ihre Kommentare
Kopf
Martin Ciupek

Martin Ciupek

VDI Verlag, Redaktion VDI nachrichten
Ressorteiter Produktion/Infrastruktur

09.02.2017
!

Danke für den Beitrag.
Tatsächlich lässt sich ein solches "Content Management" leicht automatisieren und braucht keinen menschlichen "Betreuer". Genau genommen hat sich allerdings weder bei der Produktion von Investitionsgütern noch von journalistischen Texten etwas geändert. Wer nicht zur Wertschöpfung beiträgt ist überflüssig!
Dummerweise geht es bei den meisten Klickstatistiken eher um die Quantität (Zahl der Klicks) als die Qualität.


Robert Weber

Robert Weber

Industrial Newsgames GmbH & Co. KG
Geschäftsführer

15.02.2017
!

Ja, viele Verlage verkaufen Klicks oder besser PIs. Das wird sich auch nicht so schnell ändern. Doch die werbetreibende Industrie sollte auch in den Fachmedien mal die wiederkehrenden Besucher auf einem Portal unter die Lupe nehmen - im B2C Standard. Denn eine nett angeteaserte Meldung kann schnell Enttäuschung hervorrufen und der Google-"Leser" oder der "Entscheider" ist schnell wieder weg. Deshalb: gut recherchierte Geschichten sorgen für wiederkehrende Besucher, Anerkennung und Klicks.


Ralf Steck

Ralf Steck

Die Textwerkstatt
Freier Fachjournalist

16.02.2017
!

Das Problem ist doch, dass die Verlage die Redaktionen so ausgedünnt haben, dass meist Einzelkämpfer solche Titel zu erstellen haben. Ich kenne die Redakteure der vier genannten Publikationen und weiß, dass die einerseits sehr engagiert arbeiten, andererseits extrem viel Arbeit haben. Da kommt ein gut geschriebener externer Artikel gerade recht.

Und dann kommt inzwischen noch Online obendrauf, das "nebenher" mitbetreut werden soll. Wie soll das denn gehen?


Ralf Steck

Ralf Steck

Die Textwerkstatt
Freier Fachjournalist

16.02.2017
!

Qualitätsjournalismus kostet Geld. Mein Blog EngineeringSpot.de verschlingt 1,5 - 2 Tage pro Woche, das kann praktisch keine Redaktion, die ich kenne, leisten. Und dementsprechend sehen eben die Onlinepräsenzen aus.
Es ist ein Teufelskreisd: Durch die geringe Personaldecke ist Recherche kaum noch zu leisten und die Magazine werden irrelevant. Die Irrelevanz drückt auf die Anzeigenerlöse, die Verlage reagieren mit internen Sparmaßnahmen, d.h. noch weiter ausdünnen.


Robert Weber

Robert Weber

Industrial Newsgames GmbH & Co. KG
Geschäftsführer

17.02.2017
!

Hallo Herr Steck,
ich denke, trotz Zeitdruck, der existiert, weiß ich aus eigener Erfahrung als CR eines Fachmagazins, sollte man als Redaktion PR-Interviews nicht einfach 1:1 oder ohne Hinweis übernehmen.

Ja, Qualitätsjournalismus kostet Geld, wie jede Investition in einem Unternehmen. Das Problem aus meiner Sicht: Viele Verlage haben in der Vergangenheit in Technologie investiert, aber eben nicht mehr in Qualität. Banholzer zugespitzt: eine Website macht noch keinen guten Content.


Robert Weber

Robert Weber

Industrial Newsgames GmbH & Co. KG
Geschäftsführer

17.02.2017
!

Warum? Weil man Angst hatte, digital abgehängt zu werden. Doch das größere Problem lauert jetzt woanders - es fehlt an Qualität - nicht bei allen! Was können also Verlage tun?

- Investieren. Forschung- und Entwicklung heißt das in der Industrie - ich habe von noch keinem Medienhaus gehört, dass in Forschung und Entwicklung je investiert hat. Viele Ansätze müssen sich innerhalb einiger Monate amortisieren.

- Rechercheteams gründen, die verlagsübergreifend gute Features zu Themen liefern


Robert Weber

Robert Weber

Industrial Newsgames GmbH & Co. KG
Geschäftsführer

17.02.2017
!

- Prioritäten setzen - was funktioniert in welcher Zielgruppe gut!? Müssen alle Fachmagazine in einem Verlag gleich viel Online-Output, Print-Output, Event-Output oder Socialmedia-Ouptu haben? Es gibt Zielgruppen, die lesen Print - die muss ich nicht mit 10 Newsletter bedienen, da kann ich Prioritäten setzen, die Zeit sparen.

- Was funktioniert wirklich - ehrliche Analyse. Wie viele Aufrufe hat mein Facebook-Video, wie viele Retweets bekomme ich bei Twitter und welchen Einfluss hat das?


Robert Weber

Robert Weber

Industrial Newsgames GmbH & Co. KG
Geschäftsführer

17.02.2017
!

Ich gebe Ihnen aber recht: Am Ende entscheidet das Geld. Erst wenn die Industrie Relevanz wieder belohnt, funktioniert der Kreislauf wieder und wenn Kundenforderungen nach mehr Qualität laut gegenüber Entscheidern geäußert werden, dann wird sich was verändern. Aber warum tun das nur wenige? Weil auch sie sich vor Ihrem Chef verantworten müssen und dieser natürlich happy ist, wenn er 10 Veröffentlichungen sieht (ohne den Inhalt genau zu kennen)

Ich habe noch ein nettes Zitat von einem Kunden:


Robert Weber

Robert Weber

Industrial Newsgames GmbH & Co. KG
Geschäftsführer

17.02.2017
!

"Unsere Produkte sind wie Gucci-Handtaschen. Und Gucci-Handtaschen verkaufen sich auch nicht auf dem Grabbeltisch bei Takko"


Peter Karl Mainka

Peter Karl Mainka

Mateha Service

07.04.2017
!

Leider sind viele Fachbeiträge reine Werbeanzeigen im redaktionellen Style.
Texte werden 1-1 übernommen ohne die Hintergründe zu kennen oder gar zu recherchieren.
Industrie 4.0 und Instandhaltung 4.0 sind so ein Thema das journalistisch kaum hinterfragt wird.


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