WDR-Programm kritisch durchleuchtet: "Es werden sicherlich nicht alle Ansprüche erfüllt"

 

Lisa Höfer hat an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln die Programmqualität des WDR unter die Lupe genommen. Bei der Auswahl und Gewichtung der Themen schneiden Angebote wie WDR-"Lokalzeit aus Köln" teilweise schlechter ab als die private Konkurrenz von RTL. Im kress.de-Interview erklärt sie die Ergebnisse ihrer durchaus brisanten Untersuchung.

Seit Jahren werden in Nordrhein-Westfalen die regionalen TV-Fenster von Prof. Dr. Helmut Volpers wissenschaftlich untersucht. Im Auftrag der Landesanstalt für Medien soll er die Anteile beispielsweise von Politik, Wirtschaft oder Kultur in der Berichterstattung feststellen. So soll sichergestellt werden, dass ein seriöses Programm auf den Sender geht, das den gesellschaftlichen Diskurs an Rhein und Ruhr fördert.

Lisa Höfer hat für ihre Bachelor-Arbeit an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln die Methodik der Volpers-Studie auf den WDR angewendet. Über die Ergebnisse sprach mit ihr kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

kress.de: Was sind die wichtigsten Ergebnisse? Wählt der öffentlich-rechtliche Sender seine Themen grundsätzlich anders aus als die Privaten?

Lisa Höfer: Es gibt durchaus große Unterschiede bei einzelnen Informationssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Im WDR-Format "Aktuelle Stunde" haben knapp ein Viertel der journalistischen Beiträge mit politischen Themen zu tun, auch Wirtschaftsthemen spielen regelmäßig eine Rolle. Nur die Kultur kommt oftmals zu kurz. Insgesamt agiert die Redaktion aber sehr ausgewogen bei der Themenauswahl. Die "Lokalzeit aus Köln", die direkt im Anschluss im Kölner Sendegebiet des WDR läuft, hat einen anderen Fokus. Bei der knapp halbstündigen Sendung drehen sich im Schnitt nur zwei Minuten um Politik - gesellschaftliche Themen rund um Kultur und Soziales Leben bekommen dafür viel Platz eingeräumt und machen mehr als zehn Minuten der durchschnittlichen Sendezeit aus. Auch Human Touch-Themen oder Beiträge zu privaten Lebenswelten kommen in der "Lokalzeit aus Köln" oft unter und machen rund zehn weitere Minuten der Sendung aus. Die Redaktion von "RTL West" wählt Themen ähnlich ausgewogen aus wie die "Aktuelle Stunde". Beiträge aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Soziales Leben umfassen zwischen drei und fünf Minuten pro Sendung, anderen Themenbereiche stehen weit weniger im Fokus. Das überrascht vielleicht den ein oder anderen.

kress.de: Die Sendung WDR-"Lokalzeit aus Köln" schneidet bei Ihnen überraschend schlecht ab. Sie hat nur einen Politik-Anteil von sieben Prozent - da nimmt selbst die Wetter-Berichterstattung einen breiten Raum ein. Die von Ihnen festgestellten inhaltlichen Schwerpunkte sind Kultur, Human Touch und "private Lebenswelt". Müsste das WDR-Format "Lokalzeit aus Köln" um ihre Sendelizenz fürchten, wenn sie unter Kontrolle der LFM stünde und wie RTL West oder Sat.1 NRW von Volpers analysiert würde?

Lisa Höfer: Legt man die Maßstäbe an, die Volpers für die privaten Programme entwickelt hat, dann bekäme die "Lokalzeit aus Köln" sicherlich die Rückmeldung, bei der Themenauswahl in Zukunft ausgewogener vorzugehen und den Politik-Anteil nach oben zu schrauben. Dennoch sollte man bei aller Kritik beachten, wie sich die einzelnen Formate selbst sehen und auch inhaltlich ausrichten - Die "Lokalzeit aus Köln" berichtet fast ausschließlich über Themen, die für die Menschen in Köln und dem Kölner Umland von regionaler Bedeutung sind oder die sich in der Region verorten lassen. Da gibt es auch nicht jeden Tag etwas zur regionalen Politik zu sagen.

kress.de: Die "Aktuelle Stunde" im WDR-Fernsehen hat zwar mehr Politik im Programm als RTL West - das liegt aber vor allem daran, dass dort immer mehr Bundes- statt Landesthemen Platz finden. Eine solche Ausrichtung wäre für RTL West oder Sat.1 NRW doch kaum denkbar?

Lisa Höfer: Das Selbstverständnis der Formate ist definitiv ganz unterschiedlich. Während sich RTL West auf die Fahnen geschrieben hat, über aktuelle, regionale und relevante Nachrichten aus Nordrhein-Westfalen zu berichten, versteht sich die "Aktuelle Stunde" viel mehr als Sendung, die Nachrichten und Informationen zu allen wichtigen Ereignissen und Entwicklungen bietet. Da sieht das Spektrum an möglichen Themen natürlich direkt viel breiter aus und der Zuschauer bekommt auch Beiträge zu sehen, die in Berlin, Brüssel oder Washington verankert sind. Das überlässt man beim Regionalprogramm "RTL West" aber bewusst den Kollegen der überregionalen Nachrichtenformate, zum Beispiel "RTL Aktuell".

kress.de: RTL West und Sat.1 NRW müssen "nur" um ihre weitere Sendelizenz bangen, wenn sie deutlich zu wenig Politik aus dem Bundesland thematisieren. Der WDR dagegen hat einen gesetzlichen Auftrag und leitet darauf seine Daseinsberechtigung und seine Finanzierung durch Gebühren ab. Kommt der WDR in den von Ihnen untersuchten Bereichen seinem Auftrag aus Ihrer Sicht hinreichend nach?

Lisa Höfer: Betrachtet man die beiden untersuchten Sendungen und die Themenauswahl unabhängig von der redaktionellen Ausrichtung und weiteren Gegebenheiten, dann werden sicher nicht alle Ansprüche erfüllt. Gerade wenn man zum Beispiel die geringe Politikberichterstattung der "Lokalzeit aus Köln" in den Fokus rückt. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind verpflichtet, über politische Entwicklungen zu berichten - und sie tun das in der Regel auch. Zieht man jedoch die Region, über die berichtet wird, so eng wie im Fall der "Lokalzeit aus Köln", dann wird es der Sache nicht ganz gerecht, wenn man nur quantitativ unter die Lupe nimmt, wie viele politische Themen in der Sendung Platz bekommen. Manchmal gibt es in einer Woche schlichtweg kein großes, kommunalpolitisches Thema - Quantität statt Qualität sollte auch bei politischer Berichterstattung nicht das Motto sein. Das lässt der medienanalytische Handwerkskasten von Volpers jedoch außer Acht. 

kress.de: Welche Konsequenzen sollte man aus Ihren Ergebnissen ziehen?

Lisa Höfer: Es wäre falsch, wenn einzelne Redaktionen die Ergebnisse als Anregung sehen würden, blind in den Themenfeldern nachzuziehen, die bislang quantitativ zu kurz gekommen sind. Journalistische Qualität muss nach wie vor das höchste Gut sein und vor der Quantität der Berichterstattung aus einem Themenbereich stehen. Meiner Meinung nach ist aber die Sensibilisierung für die Thematik der Themenauswahl wichtig - und dass es durchaus Formate gibt, die ihre Schwerpunkte anders setzen, als man vielleicht im ersten Moment denken könnte.

Die Fragen an Lisa Höfer stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund: Lisa Höfer hat ihren Bachelor-Abschluss "Journalismus & Unternehmenskommunikation" an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln gemacht. Ihr Erstprüfer war Prof. Dr. Frank Überall, der als freier Journalist u.a. auch für den WDR und die untersuchten Redaktionen arbeitet. Zudem ist Überall Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Lisa Höfer absolviert derzeit ihr Masterstudium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Aktuell ist sie als freie Autorin für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und das Onlineportal Musical1.de tätig.

Ihre Kommentare
Kopf

Dittsche

09.02.2017
!

Eine Frage wurde nicht gestellt: ob die Region überhaupt zehn gebührenfinanzierte Regionalfenster braucht. Eine Einteilung in Nord und Süd oder West und Ost wäre doch wohl ausreichend.

Hier wurde ein kostenintensiver Apparat aufgebaut, der möglicherweise ganz anderen Interessen dient: Nicht für alle WDR-Mitarbeiter steht ein Posten in Köln zur Verfügung, schön, wenn man dann ausweichen kann.


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