Ulrich Reitz zum Streit um das "Spiegel"-Titelbild: Ein "Fake Cover" für das Nachrichtenmagazin

09.02.2017
 
 

Die Debatte um das reißerische "Spiegel"-Titelbild mit Donald Trump in der Pose eines IS-Schlächters ist voll entflammt. Während der Publizist Franz Sommerfeld das aktuelle Cover in Schutz nimmt, findet der langjährige "Focus"-Chefredakteur Ulrich Reitz recht kritische Worte. Er vergleicht den "Spiegel" mit einem Satireblatt.

Wäre der "Spiegel" ein Satire-Magazin, das Cover des neuen Hefts ginge in Ordnung. Ein Satireblatt wie Charlie Hebdo lebt von Provokationen und verletzten Gefühlen. Der "Spiegel" will aber ein Nachrichtenmagazin sein, und das lebt von der treffenden, auch spitzen, Einordnung der Wirklichkeit. Das aktuelle Titelbild spiegelt aber nicht die amerikanische Realität wider, sondern es setzt den US-Präsidenten Donald Trump mit einem, wenn nicht DEM ikonographischen IS-Terroristen gleich: Jihadi John, der für Videos mit abgeschnittenen Köpfen posierte. Lassen wir beiseite, ob das Cover verletzend ist oder Hetze, es ist aber in jedem Fall: falsch. Trump hat noch Niemandem den Kopf abgeschnitten und er hat so etwas auch nicht vor. Das Titelbild transportiert eine fake news. Ein Nachrichtenmagazin mit einem fake Cover, das ist neu. Kein Wunder, dass darüber heftig diskutiert wird.

Die dreiste, polemische Gleichsetzung vom dekretierenden Trump mit dem mordenden IS ist keine Interpretations-Angelegenheit. Die schiefe Analogie ist Absicht. Edel Rodriguez hat es gezeichnet. Die Idee kam ihm, nachdem Trump per Dekret Menschen aus sieben muslimischen Ländern (mit Terror-Problemen) die Einreise in die Vereinigten Staaten verboten hat. Rodriguez ist selbst Flüchtling, er kam 1980 aus Cuba in die USA. Wegen seiner persönlichen Betroffenheit hätte man Rodriguez besser nicht zeichnen lassen: Das journalistische Geschäft sollte schließlich nicht Emotion aus gefühlter Demütigung sein, nicht: heißes Herz, sondern: kühler Verstand. (In der elektronischen Ausgabe vom "Spiegel tropft aus dem abgeschnittenen Freiheitsstatuen-Kopf noch Blut.)

Die "Washington Post" zitiert Rodriguez so: Sein Werk zeige "die Enthauptung der Demokratie, die Enthauptung eines heiligen Symbols" (der Freiheitsstatue). Diese Drastik hält Rodriguez für angebracht: "Beide Seiten (der IS und Trump) sind Extremisten, also vergleiche ich sie." Und dann sagt Rodriguez, die Freiheitsstatue sei ein Symbol dafür, dass die USA Einwanderer begrüße. Das ist allerdings eine mutige Interpretation: Trumps Vorgänger Barack Obama nahm 12000 Syrer auf, viel weniger als Deutschland und Schweden. Etwas anderes ist wichtiger: Die USA sind ein Einwanderungsland, das sich seine Einwanderer in der Regel selbst aussucht. Sie lassen nicht jeden herein, sie wollen die Kontrolle behalten, das ist der gravierende Unterschied, den der Zeichner nicht macht - weil er ihn nicht machen will?

"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nennt Trump in einem Kommentar im Heft einen "pathologischen Lügner" - hat der "Spiegel" exklusiv die Diagnose? Trump sei ein "Rassist", einer der einen "Staatsstreich von oben" versuche, der eine "illiberale Demokratie oder Übleres" etablieren wolle, er werfe der Justizministerin, die er inzwischen entlassen hat, "Verrat" vor. Brinkbäumer: "So redet Nero, Kaiser und Zerstörer Roms, so denken Tyrannen." Wie denken eigentlich Nachrichtenmagazine?

Trump macht es den Medien gewiss nicht leicht. Wie sollten sie sich verhalten? Mit gleicher Münze zurückzahlen? Wäre das souverän? Und glaubwürdig? Fareed Zakaria empfiehlt in der "Washington Post": "The challenge for the media must be to ensure that we don`t mirror Trump`s attitude of hostility. We cannot absorb and reflect that negativity. We are not the opposition. We are a civic institution, explicitly protected by the Constitution, that is meant to hold government accountable and provide real information to the citizenry."

Eben. Dem "Spiegel" hat es gefallen, sich mit Trump gemein zu machen. Weil es laut ist? Weil es polemisch ist? Das Magazin benutzt das große Wort "Widerstand".

Fehlt nur noch ein Cover mit Trump als Adolf Hitler.

Ulrich Reitz

Zum Autor: Ulrich Reitz war viele Jahre Chefredakteur, zuletzt vom Nachrichtenmagazin "Focus", davor von "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und "Rheinische Post". Sein Kommentar ist am 4. Februar zuerst in seinem eigenen Blog erschienen.

 

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