Akademie-für-Publizistik-Direktorin Nadja Stavenhagen: "Wir sind ein Spiegel des Medienmarktes"

 

Seit fast 50 Jahren schult die Akademie für Publizistik in Hamburg Journalisten und Kommunikatoren. Wo früher reines Handwerk vermittelt wurde, gibt es heute auch Seminare wie "Programmieren für Journalisten". Was muss moderne Aus- und Weiterbildung leisten? kress.de sprach darüber mit Akademie-Direktorin Nadja Stavenhagen.

kress.de: Als die Akademie für Publizistik 1970 gegründet wurde, war sie eines der ersten Institute für journalistische Aus- und Weiterbildung. Heute gibt es unzählige Angebote. Wie behaupten Sie sich gegen die Konkurrenz?

Nadja Stavenhagen: Wir haben einen sehr starken Praxisansatz: Heute ausprobieren, morgen anwenden. Wer bei uns einen Kurs absolviert - etwa Videos mit dem Smartphone produzieren -, kann sein Wissen schon am nächsten Tag in der Redaktion anwenden. Die Teilnehmer können bei uns mit verschiedenen Formaten und Geräten ganz viel experimentieren. Das ist unser Anspruch. Außerdem verfügen wir als traditionsreiches Haus über einen großen und treuen Kundenstamm. Viele kommen immer wieder oder schicken ihre Mitarbeiter regelmäßig hierher.

kress.de: Sie leiten die Akademie seit zwei Jahren. Wo sehen Sie Ihr Haus wirtschaftlich?

Nadja Stavenhagen: Es läuft stabil und gut. Der Rechtsform nach sind wir ein gemeinnütziger Verein. Wirtschaftlichkeit ist uns sehr wichtig. Wir lassen zum Beispiel keine Seminare stattfinden, die nicht profitabel sind. Wir refinanzieren uns fast vollständig aus Seminarumsätzen. Ein vergleichsweise kleiner Anteil stammt aus den Beiträgen unserer rund 20 Mitglieder.

kress.de: Innerhalb der Medienbranche gibt es große Umbrüche. Das Berufsbild des Journalisten ändert sich, die medialen Plattformen ändern sich. Wie gelingt es der Akademie, auf der Höhe der Zeit zu bleiben?

Nadja Stavenhagen: Wir beobachten den Markt permanent, nehmen Kundenbedürfnisse auf und passen das Programm daraufhin an. Und wir gehen proaktiv vor, indem wir Trends wie Homeless Media oder neue Videoformate - etwa 360-Grad - aufgreifen.

kress.de: Sie selbst verfügen über 20 Jahre Online-Erfahrung und waren auch lange Zeit als Geschäftsführerin tätig. Was für Schwerpunkte haben Sie als Person mit in die Akademie hineingebracht?

Nadja Stavenhagen: Ganz klar das Digitale. Den Bereich haben wir stark ausgebaut, weil sich die Anforderungen komplett verändert haben. Viele Redakteure müssen heute in der Lage sein, mit Informatikern, Screen Designern oder Business Developern auf Augenhöhe zu sprechen. Zum Beispiel wenn es um die Konzeption eines digitalen Produkts geht. Wichtig ist auch Technikverständnis. In unserem Seminar "Programmieren für Journalisten" geht es darum, wesentliche Programmiersprachen zu verstehen. An dem Seminar habe ich selbst teilgenommen und viel gelernt. Auch Schulungen zu Medientrends und Geschäftsmodellen haben wir stark vorangetrieben. Trotzdem ist und bleibt einer unserer Schwerpunkte, journalistisches und publizistisches Handwerk zu vermitteln - Recherche, Redigieren, Stilformen und dergleichen.

kress.de: Sie sind gerade innerhalb von Hamburg umgezogen - von der Alster an die Elbe. Gibt es an dem neuen Standort eine neue, veränderte Akademie?

Nadja Stavenhagen: Wir haben jetzt eine phantastische Aussicht auf Hamburg - von den Kaufmannshäusern bis zur hochmodernen Elbphilharmonie. Unsere Räume bieten den Teilnehmern eine flexible Lernumgebung mit vier Schulungsräumen und einer offenen, großzügigen Lounge. Auch inhaltlich haben wir 2017 ausgebaut - in den Bereichen neue Content-Formen und -Formate sowie Leadership und Zusammenarbeit im digitalen Wandel.

kress.de: Wie hat sich die Zielgruppe der Akademie verändert?

Nadja Stavenhagen: Sie ist stark erweitert. Redaktionen und Verlage zählen nach wie vor zu unserer Kernklientel. Aber auch in der Kommunikation verändert die Digitalisierung das Berufsbild stark. Rund 25 Prozent unserer Kunden kommen aus Behörden, Verbänden, Technikfirmen oder Startups. Firmen aus allen Branchen kommunizieren heute direkt über Webauftritte, Social Media, Blogs, Newsletter. Auch sie arbeiten mit journalistischen Methoden und haben Fortbildungsbedarf.

kress.de: Laut Eigenaussage will die Akademie für Publizistik den Kursteilnehmern helfen, ihr Profil zu schärfen. Aber ist das Profil der Akademie selbst nicht unschärfer geworden?

Nadja Stavenhagen: Es ist diversifizierter geworden - genau wie der Markt. Wir vermitteln heute wie früher qualitativ hochwertiges Handwerk für Journalisten und Medienschaffende. Allerdings ist der Werkzeugkasten durch Technologie und Digitalisierung viel größer geworden. Wir sind ein Spiegel des Medienmarktes: Wir bilden die Bedürfnisse und Gegebenheiten des Marktes ab und bieten gleichzeitig Angebote für kommende Entwicklungen.

kress.de: Sie haben auch eine Zusatzausbildung als systemische Organisationsberaterin gemacht. Inwiefern nutzt Ihnen das?

Nadja Stavenhagen: Meine Ausbildung hilft mir dabei, Entwicklungen und Kundenbedürfnisse schnell zu erkennen und entsprechende Angebote zu machen. Ein Beispiel: Eine Traditionsfirma hat bislang auf klassischen Kanälen kommuniziert. Jetzt will sie digitale Wege, vor allem Social Media, beschreiten. Hier schauen wir mit gemeinsam auf das ganze System: die Zielgruppen, die Kommunikationsziele, die interne Aufstellung und Organisation. Und dann schulen wir maßgeschneidert. Man muss das ganze System im Blick haben, wenn man an einer Schraube drehen will.

kress.de: Nun befindet sich die Branche seit Jahren in einer Strukturkrise. Redaktionen werden geschlossen, viele Verlage fahren harte Sparkurse. Wie stark spüren Sie das?

Nadja Stavenhagen: Wenn Stellen abgebaut werden, müssen weniger Leute mehr arbeiten und haben weniger Zeit für Fortbildung. Das spüren wir auch und stellen uns darauf ein, zum Beispiel mit kurzen Formaten und flexiblen Konzepten für unsere Inhouse-Seminare. Insgesamt ist die Zahl der Teilnehmer eher gestiegen, weil durch die Digitalisierung der Qualifizierungsbedarf in den Medien steigt.

kress.de: Die Akademie veranstaltet fortlaufend Volontärskurse. Merken Sie Ihren Teilnehmern an, dass sich das Berufsverständnis gewandelt hat?

Nadja Stavenhagen: Ja. Die Volontäre sind in ihrer Einstellung sehr flexibel und pragmatisch. Viele gehen davon aus, dass sie einen wechselhaften Berufsweg haben werden, nach Chancen und Spezialisierungsmöglichkeiten gucken müssen. Wir vermitteln dabei Know-how für die Vielfalt der Arbeitsmöglichkeiten, die Medien heute und in Zukunft bieten. Und wir zeigen den Volontären auch Wege in die Selbstständigkeit.

kress.de: Wird das Berufsleben härter? Oder überwiegen die Chancen?

Nadja Stavenhagen: Beides (lacht). Chancen können in der Spezialisierung liegen. Junge Journalisten, die Social-media-affin sind, bekommen öfter Gelegenheit, diesen Bereich in ihrer Redaktion zu übernehmen. Gefragt sind auch Leute mit Fachwissen oder mit analytischen Kenntnissen. Die Möglichkeiten sind vielfältig - vorausgesetzt man ist bereit, sich immer wieder auf Neues einzulassen und viel zu arbeiten. Klar ist das auch hart. Es betrifft aber nicht nur die Medien. Die Digitalisierung verändert jede Branche drastisch. Insofern kommt das auf alle zu.

kress.de: Das erste Seminar der Akademie zum Thema Online fand 1997, also vor genau 20 Jahren, statt. Der Titel: "Onlinejournalismus - Spielwiese für Computerfreaks oder Arbeitsfeld der Zukunft?" Welchen ähnlich bahnbrechenden Kurs-Titel würden Sie für das Jahr 2017 vorschlagen?

Nadja Stavenhagen: Wie wäre es mit: "Roboter-Reportage - die Welt aus der Sicht einer Maschine"? Oder etwas über Sensorjournalismus: Da wird der Laufschuh mit einem Sensor bestückt, und dann gibt es die Marathon-Reportage nicht aus Sicht des Läufers, sondern aus Sicht des Turnschuhs.

 

Zur Person: Nadja Stavenhagen ist seit Juni 2014 Direktorin der Akademie für Publizistik. Sie ist verantwortlich für das Seminarprogramm, die Geschäftsführung und Kooperationen. Ursprünglich wollte die 47-Jährige Lehrerin werden. Während ihres Latein- und Theologie-Studiums hat sie in den Redaktionen von "TV Movie" und "TV Today" gearbeitet. Nach dem Staatsexamen 1997 stieg sie als Online-Redakteurin bei Gruner + Jahr ein. Sie wurde Redaktionsleiterin, wechselte in die Living Gruppe, wo sie als Chefredakteurin und Geschäftsführerin unter anderem die Online-Aktivitäten von "Schöner Wohnen" und "essen & trinken" verantwortete. Von 2012 bis zu ihrem Wechsel in die Akademie 2014 war Nadja Stavenhagen für sämtliche Digitalmarken von Geo verantwortlich. 

Infos zur Akademie für Publizistik: Die Akademie für Publizistik in Hamburg ist eine Institution zur berufsbegleitenden, überbetrieblichen Aus- und Fortbildung von Journalisten und anderen Medienleuten. In über 150 Seminaren pro Jahr werden Teilnehmer aus ganz Deutschland in allen Medien geschult: Print, Online, Mobile, Hörfunk und TV. Alle Seminare und Seminarthemen können auch inhouse von Verlagen und Unternehmen gebucht werden. Infos auf www.akademie-fuer-publizistik.de.

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