Journalisten als "Vaterlandsverräter": Wieviel Trump steckte in Helmut Kohl?

 

Als Stephan Stuchlik 2003 für "Panorama" Helmut Kohl abpasste, um ihn zu einem mit 600.000 Mark dotierten Beratervertrag mit Leo Kirch zu befragen, erlebte der heute 50-Jährige einen Altkanzler, der stark an Donald Trump erinnerte. Kohl bezeichnete die Journalisten als "Vaterlandsverräter" und unterstellte ihnen Geschäfte mit der Stasi.

kress.de hat 14 Jahre später mit Stuchlik, der heute als Redakteur bei "Monitor" arbeitet, über das schwierige Verhältnis zwischen Mächtigen und Journalisten gesprochen. Stuchlik ist Grimme-Preis-Träger und wurde zwei Mal mit dem Liberty-Award ausgezeichnet.

kress.de: Donald Trumps abgrundtiefe Ablehnung der Journalisten ist inzwischen legendär. Erkennen Sie darin jenen Helmut Kohl wieder, den Sie 2003 zur CDU-Spendenaffäre befragen wollten? Wieviel Kohl steckt in Trump?

Stephan Stuchlik: Da muss ich Sie enttäuschen. In Kohl steckt, wenn überhaupt, nur sehr wenig Trump. Die Reaktion muss man schon von der Persönlichkeit trennen. Kohl ist ein geachteter Europäer und Kanzler der deutschen Einheit. Trump dagegen hat an politischen Verdiensten so gut wie nichts vorzuweisen.

kress.de: Dann bleiben wir bei der Haltung zur Presse.

Stephan Stuchlik: Die ist schon eher vergleichbar. Beide verstehen Kritik als Majestätsbeleidigung. Aus Kohls Sicht durfte es 2003 keine kritische Nachfrage geben. Für ihn war das damals ungehörig: Da kommt jemand Dahergelaufener und fragt ihn nach ein paar hunderttausend Euro, so hat er es empfunden, so hat er reagiert. Aber, noch einmal: Wir müssen die Persönlichkeiten unterscheiden: Helmut Kohl darf man einiges zugutehalten, Donald Trump nichts.

kress.de: Haben Sie damals im Vorfeld überhaupt fundierte Antworten erwartet oder ging es Ihnen vor allem darum zu dokumentieren, einen Interviewversuch mit Kohl unternommen zu haben?

Stephan Stuchlik: Ich hatte mehrfach in seinem Büro angefragt, weil ich ein Statement wollte. Denn ich fand den Verdacht, der im Raum stand, ungeheuerlich: Es ging um eine mögliche Bestechlichkeit des Bundeskanzlers. Es stand der Verdacht im Raum, dass Kohl Kirch bei seinen Geschäften geholfen hat und als Gegenleistung 600.000 Mark erhielt. Also: Ich wollte eine Antwort. Ich bekam trotz mehrfacher Nachfrage keine. Und dann bin ich mit meiner Frage zu dieser Veranstaltung gegangen, eigentlich, um Kohls Schweigen zu dokumentieren.

kress.de: Dann hat Sie also der Gesprächsverlauf überrascht? Kohl steigerte sich ja in eine Tirade gegen den Journalismus hinein...

Stephan Stuchlik: Ja, und wie! Ich dachte, er lässt mich wortlos stehen und das war's. Dann aber war er einfach empört, dass er mit seiner Lebensleistung von einem Journalisten kritisch befragt wird. Er hielt mir einen Vortrag über die Niedertracht des Journalismus und insbesondere über "Panorama". Allein die Tatsache, dass dort jemand am Wegesrand steht und ihn kritisch anspricht, empfand er als Beleidigung. Er hatte grundsätzlich ein schwieriges Verhältnis zu Journalisten, bis in die jüngste Zeit; denken Sie nur an seinen Streit mit seinem Biographen.

kress.de: Er schimpfte ja nicht nur, er ist ja auch körperlich eine ziemliche Erscheinung und baute sich vor Ihnen auf.

Stephan Stuchlik: Er ist wirklich riesig. Und dann waren noch drei Sicherheitsbeamte dabei, das war schon respekteinflößend. Die haben mich, während ich mit dem einen Arm das Mikrophon hielt, am anderen Arm festgehalten. Aber ich fand das okay. Denn Kohl hat als ehemaliger Bundeskanzler einen Anspruch auf Sicherheit.

kress.de: Kohl gab dem "Spiegel" während seiner gesamten Kanzlerschaft kein einziges Interview. War er gegenüber "Panorama" damals genauso stur? Er blaffte Sie ja an, Ihre Sendung habe "mit Journalismus nichts zu tun".

Stephan Stuchlik: Ich war von 2000 bis 2005 bei "Panorama", also erst nach seiner Kanzlerschaft. Aber alle Kollegen haben mir gesagt: "Vergiss es, Du bekommst nie ein Interview." Er hat "Panorama" tatsächlich nie ein Interview gegeben.

kress.de: Warum nicht?

Stephan Stuchlik: Kohl lebt in einem Gut-Böse-Schema, und "Panorama" hat er ganz links verortet. Ich stand sonnenklar auf der falschen Seite. Dann kam ich daher, als junger Kerl mit langen Haaren, und im Vergleich zu diesem gefühlten Drei-Meter-Mann eher klein.

kress.de: Und Sie trugen eine Jeansjacke. War das eine bewusste Provokation?

Stephan Stuchlik: Bitte nicht falsch verstehen. Ich wollte ihn mit Respekt behandeln, habe ihn höflich gefragt und auch seinen Dr.-Titel bei der Ansprache genannt. Aber mit meiner Jeansjacke wollte ich schon von weitem klarmachen, dass hier jemand kommt, der eine kritische Frage stellt. Ich wusste, was er von Jeans hielt - nämlich gar nichts.

kress.de: Kohl nannte in dem Dialog mit Ihnen Journalisten "Vaterlandsverräter". Das erinnert mich ein wenig an die "Volksverräter"-Rufe heutzutage bei Pegida. Sie auch?

Stephan Stuchlik: Ja, bei Pegida finden wir auch dieses Grundproblem der Schwarz-Weiß-Malerei: Entweder jemand ist für mich oder gegen mich. Das verkennt aber völlig, dass der Journalismus die Aufgabe hat, die Grauzonen zu beleuchten. Und jeder, der seinen Job ernst nimmt, weiß, dass er jede Seite kritisch zu beleuchten hat, ganz gleichgültig, welche Meinung er selbst vertritt. Das Gewicht von Kohls "Vaterlandsverräter"-Äußerung damals darf man nicht unterschätzen. Es gab offizielle Reaktionen, und es zog immer weitere Kreise. Schließlich hatte er Teile der ARD angegriffen.

kress.de: Den Journalisten warf er bei der Gelegenheit auch noch vor, mit DDR-Staatssicherheitsminister Erich Mielke Geschäfte gemacht zu haben. Das klingt ziemlich verschwörungstheoretisch. Was haben Sie da gedacht?

Stephan Stuchlik: Ich war für einen Augenblick sprachlos, dachte dann aber, ich müsste den Gesprächsfaden wieder in meine gewünschte Richtung lenken und sagte: "Reden wir nicht über Herrn Mielke, sondern über Herrn Kirch." Der Vorwurf ist natürlich völlig absurd, und ich frage mich bis heute, wie er darauf gekommen ist. Ich denke, das passte zu seinen Feindbildern: Die DDR war böse, die ARD ist böse, also haben beide etwas miteinander zu tun.

kress.de: Haben Sie Helmut Kohl noch einmal getroffen?

Stephan Stuchlik: Ja, ein halbes Jahr später in Salzburg. Dort habe ich ihm dieselbe Frage noch einmal gestellt, weil mir das wirklich wichtig war. Ich bin ohne Kameras auf ihn zu, aber ein Gespräch mit ihm war absolut nicht möglich. Er hat überhaupt nicht verstanden, weshalb wir diesen Beratervertrag für so brisant hielten.

kress.de: Kohl ist ja nicht der einzige, auf den Sie in dieser Weise zugehen. Wie reagieren andere?

Stephan Stuchlik: Das ist ja mein kleiner Sport, zuerst bei "Panorama", heute bei "Monitor". Und als Moskau-Korrespondent habe ich z.B. Lawrow genervt. Es sind dabei auch zum Teil komische Interviews entstanden, wie etwa das mit Sigmar Gabriel zu seiner Volte bei TTIP.

kress.de: Haben sich die Reaktionen im Laufe der Jahre geändert?

Stephan Stuchlik: Vielen Politikern ist es heute nicht mehr vermittelbar, dass es um Sachfragen geht und nicht um persönliche Angriffe. Das war früher anders. Da kam Franz-Josef Strauß noch direkt in die "Monitor"-Sendung und stellte sich. Heute gehen Politiker lieber in Talkshows. In Eins-zu Eins-Interviews traut sich kaum noch jemand.

kress.de: Sind Politiker heute feiger?

Stephan Stuchlik: Sie sind zumindest bequemer geworden. Ich habe wirklich Mühe, mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt einen Minister zu einem offiziellen Interview vor der Kamera hatte. Selbst auf Parteitagen kommt man an die Führungsspitzen gar nicht mehr heran. Es sind überall Sicherheitsabsperrungen. Ich komme mit dem Mikro überhaupt nicht mehr nach vorn.

kress.de: Macht der Job dann überhaupt noch Spaß?

Stephan Stuchlik: Es ist sehr viel Arbeit. Für anderthalb Minuten sitzen Sie oft zwei Stunden auf irgendwelchen Kongressen. Aber zum investigativen Journalismus gehört es, denjenigen anzusprechen, über den man etwas herausgefunden hat. Das hat etwas mit Konsequenz, ja manchmal auch etwas mit Mut zu tun. Und wenn man dann merkt, dem anderen ist schon die Frage unangenehm, dann ist das ein schöner Augenblick.

kress.de: Wer hat denn noch den Mut, sich spontan interviewen zu lassen?

Stephan Stuchlik: Das sind vorwiegend CSU-Politiker. Mit Peter Gauweiler habe ich so etwas erlebt. Der wusste vorher genau, dass er in die Tonne getreten werden soll, wie er sich selbst ausdrückte. Dieser Mann stellte sich, regelmäßig. Und bei meinen Recherchen zu der Affäre um den Missbrauch von Abgeordneten-Geldern in Bayern für private Dinge war ich wirklich zutiefst beeindruckt. Jeder CSU-Abgeordnete, den ich angefragt hatte, war zu einem Interview bereit. Wenn ich am Telefon etwa sagte, wir wissen, Sie haben sich von Fraktionsgeldern einen Sportwagen gekauft, dann sagte derjenige: Ja, das stimmt, kommen Sie vorbei. Aber das hat sicher auch mit der Mia-san-mia-Mentalität zu tun. Die CSU-Politiker wissen, dass es bei ihrer Klientel gut ankommt, wenn sie sich einem linken Magazin stellen. Was wir als Vergehen sehen, wird dort manchmal anerkennend kommentiert: "Ein Hund ist der schon!"

Zur Person: Stephan Stuchlik ist Redakteur beim ARD-Politikmagazin "Monitor", sein Schwerpunkt liegt auf nationalen und europäischen Wirtschaftsthemen. Zuvor war er Fernsehkorrespondent in Brüssel sowie in Moskau und arbeitete beim "ARD Morgenmagazin". Stephan Stuchlik studierte europäische Literatur in Heidelberg, Granada und Bordeaux. Für die Dokumentation "Todespiloten" erhielt er zusammen mit drei NDR-Kollegen den Grimme-Preis, 2009 und 2010 den Liberty-Award, jeweils für die Kriegsberichterstattung aus Georgien (mit Thomas Roth) und für die Doku "Wer erschoss Stanislaw Markelow?" (mit Ina Ruck).

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