Hasnain Kazim an Michael Martens: "Dieser Text ist wirklich daneben"

20.02.2017
 
 

Mit einem persönlichen Brief antwortet Hasnain Kazim, Korrespondent für "Spiegel Online" in Wien und davor in Istanbul, auf den Kommentar "Einmal Türke, immer Türke?" in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" von "FAZ"-Korrespondent Michael Martens: "Dieser Text ist wirklich daneben".

Lieber Michael Martens,

heute habe ich diesen Artikel von dir gelesen. Ich schätze deine Texte über die Türkei, deine kritische Sichtweise, auch wenn ich nicht immer alles teile. Aber dieser Text ist wirklich daneben.

Klar, man kann ein Land lieben oder nicht, und ich teile deine Ansicht, dass man Staaten und Völker weder hassen noch lieben sollte. Ich finde aber, man sollte gegenüber einem Land und einem Volk, über das man berichtet, grundsätzlich positiv eingestellt sein, es jedenfalls nicht mit Verachtung und Ablehnung begegnen. Sonst kommen dabei nur schlechte, verzerrte Texte heraus. Kollegin Özlem Topçu erwähnt die Tatsache, dass Deniz Yücel die Türkei liebe, deshalb, weil ihm ja absurderweise ein Vergehen vorgeworfen wird, das sozusagen anti-türkisch ist, dass er mithin die Türkei also nicht "liebe".

Dem widerspricht sie, und zwar zu Recht.

Was mich aber wirklich stört an deinem Text, ist dies: "Und ist es nicht ein Zeichen mangelnden Vertrauens, einen Journalisten aufgrund der Herkunft der Eltern aus Land x oder y auch als Berichterstatter diesem Land zuzuordnen? Können 'Türken' nur über die Türkei schreiben?" Die Annahmen, die in diesen Fragen stecken, sind schlicht falsch. Du schreibst ernsthaft von "Herkunftsgettoisierung im deutschen Journalismus"?

Ich war vier Jahre lang Korrespondent in Pakistan. Meine Eltern stammen aus Pakistan. Und? Haben mich "Spiegel Online" und "Spiegel" deswegen dorthin geschickt? Nein. Es war mein eigenes Interesse, in die Region zu ziehen, sie besser kennen zu lernen, noch besser zu verstehen. Ich habe lange der Chefredaktion in den Ohren gelegen, bis sie mich geschickt hat. Wurzeln/Bindungen in dem Land zu haben, aus dem man berichtet, hat Vor- und Nachteile. Alles in allem würde ich sagen: Die Vorteile überwiegen. (Im Übrigen wollte ich nach Indien, die indische Regierung hat mir wegen meiner pakistanischen Wurzeln die Akkreditierung verweigert, daher bin ich nach Pakistan gezogen.)

Ich habe danach als pakistanisch-stämmiger Deutscher aus der Türkei berichtet und arbeite nun als pakistanisch-stämmiger Deutscher in Österreich, stell dir vor! Und ich kann als "Pakistaner" sogar über deutsche "besorgte Bürger" schreiben, geil, was? Die Welt ist bunter, als mancher aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" es glauben mag.

Es ist doch absurd zu behaupten, Medienhäuser würden Kollegen wegen ihrer Wurzeln in Land x ins Land x entsenden. Kannst du dir nicht vorstellen, dass Özlem Topcu und Deniz Yücel, um mal die beiden Kollegen zu nehmen, die du in deinem Text erwähnst, von sich aus in die Türkei wollen, weil sie sich dafür interessieren, weil sie es mögen, vielleicht "lieben", jedenfalls, weil sie sich als kluge, gute Journalisten selbst dafür entschieden haben und weil ihre Verlage es ihnen ermöglichen, weil sie hervorragend dafür qualifiziert sind?Und noch absurder finde ich, diese Debatte überhaupt zu diesem Zeitpunkt anzustoßen, da wir gerade ganz andere Sorgen haben.

Vielleicht kannst du meinen Einwand ja ein wenig nachvollziehen.

Beste Grüße

Hasnain

Zum Autor: Hasnain Kazim ist seit März 2016 Korrespondent für "Spiegel Online" in Wien. Von Juli 2009 bis Juli 2013 war er Südasienkorrespondent mit Sitz in Islamabad, Pakistan, ab August 2013 Korrespondent in Istanbul. Den Brief hat Hasnain Kazim zuerst auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht.

kress.de-Debatte: Hat Michael Martens recht? Wird Journalisten, die oder deren Eltern nicht aus Deutschland stammen, in der großen Politik nur Expertise über ihr Herkunftsland zugetraut? Oder geht er zu hart mit deutschen Verlagen ins Gericht? Schreiben Sie uns Ihre Meinung an post(at)kress.de.

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