Mathieu von Rohr: "Tja, Pech gehabt, Deniz Yücel"

20.02.2017
 
 

Als "infam" bezeichnet Mathieu von Rohr, stellvertretender Auslands-Chef und ehemaliger Paris-Korrespondent vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", in einem Facebook-Post den viel diskutierten "FAS"-Kommentar von "FAZ"-Korrespondent Michael Martens.

Der Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, sitzt in der Türkei im Gefängnis.

Und wie reagiert der "FAZ"-Korrespondent Michael Martens darauf? Er schreibt heute in der "FAS" einen Kommentar, der im Kern besagt, es sei ja auch ein Problem, wenn deutsche Zeitungen so viele Deutsche mit türkischen Wurzeln als Türkeikorrespondenten entsenden würden.

Es ist ein infamer Text, der so tut, als würde er sich zum Verteidiger von Journalisten mit Migrationshintergrund machen, in Wahrheit aber das genaue Gegenteil tut.

Zunächst tut Martens so, als beschreibe er ein weit verbreitetes Phänomen, meint aber nur zwei Kollegen (oder sollte ich sagen: Konkurrenten?): Yücel und Özlem Topçu von "Die Zeit". Martens macht Deutsche zu Türken, wirft ihnen indirekt (aber ohne Belege) mangelnde Distanz qua Herkunft vor und begibt sich damit in die Blutslogik der AKP.

Das Ganze kleidet er in ein Scheinargument - er zeigt sich besorgt darüber, dass Verlage Journalisten mit Migrationshintergrund nicht aus der "Herkunftsfalle" entließen.

Damit spricht er den Betroffenen den eigenen Willen ab: Die Möglichkeit, dass sie selbst entschieden haben könnten, über die Türkei berichten zu wollen, kommt in seiner paternalistischen Gedankenwelt nicht vor. Er lässt auch außer acht, dass in vielen deutschen Medien viele deutsche Journalisten mit Migrationshintergrund arbeiten, die nicht über die Herkunftsländer ihrer Eltern berichten (außer vielleicht bei der "FAZ").

Die Schlussfolgerung: An der Verhaftung Yücels ist nicht in erster Linie der autoritäre türkische Staat schuld, sondern deutsche Verlage, die Deutschtürken in die Heimat ihrer Eltern entsenden, von wo sie dann leider Gottes nicht so differenziert berichten können wie Martens, bei dem sich die Herkunftsfrage dank eindeutiger Abstammung nie stellt, egal ob man ihn nach Istanbul, Kabul oder Ouagadougou entsendet.

Tja, Pech gehabt, Deniz Yücel.

Autor: Mathieu von Rohr

Zur Person: Mathieu von Rohr, seit 2006 beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", war Leiter des Pariser Büros. Er ist seit Mai 2014 stellvertretender Ressortleiter Ausland in Hamburg. Der Kommentar ist zuerst auf der Facebook-Seite von Mathieu von Rohr erschienen.

 

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