Peter Hogenkamp empfiehlt Führungskräften: Lasst uns keine App machen!

 

Das Dumme an der Digitalisierung ist, dass sich dauernd etwas ändert. Apps galten noch vor wenigen Jahren als Rettung der Medienbranche. Nun zeigt sich: Der Hype ist vorbei. 

Von den vielen Auftritten, die das Erbe des verstorbenen Steve Jobs definieren, sticht einer heraus, der sich bald zum zehnten Mal jährt: die Präsentation des ersten iPhones im Januar 2007. Das Youtube-Video taugt immer noch für eine Gänsehaut - denn damals wurde ein ganzes Technologie-Jahrzehnt neu definiert.

30 Jahre im Schnelldurchlauf: Ab Ende der 1980er-Jahre: Internet für Geeks und an Universitäten. Ab Ende der 1990er: Internet für alle zu Hause mit DSL. Seit Ende der 2000er: Internet für alle in der Hosentasche oder vielmehr: so oft in unserer Hand, dass die Stadt München allen Ernstes Bodenampeln für Fußgänger testet.

Untrennbar verbunden mit dem Siegeszug der Smartphones scheinen die "Apps" zu sein, heruntergeladen von den Plattformen, die Apple und Google 2008 einführten. "There's an app for that", das Zitat aus einem Apple-Spot von 2009, wurde zu einem geflügelten Wort, sogar die "App Economy" ausgeru- fen, einmal mehr eine schöne neue Welt, in der die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr gelten sollten.

Und wirklich gibt es nicht nur für jeden Zweck eine App, sondern auch viele Apps mit nur einem Zweck: die Airline-App, die man nur zum Einchecken braucht, die Park-App, mit der man nur seine Parkgebühren zahlen kann (und das nur in einer Stadt). Noch absurder: Apps mit nur einem Zweck, die man zudem nur einmal braucht: die Konferenz-App für die Fragen ans Publikum. "Bitte jetzt herunterladen, damit Sie Ja oder Nein antippen können" - und die App danach für immer auf Bildschirmseite 8 ihres Smartphones verstaubt.

Einer der lautesten Trommler des App-Hypes war Mathias Döpfner, der 2010 in der US-Talkshow von Charlie Rose allen Ernstes zum Besten gab, die Verleger sollten "Steve Jobs auf Knien danken für das iPad". Verleger liebten es gleichermaßen wegen der Verheißungen des App Stores (die Logik damals: Wer sich im Web verweigert hat, zahlt plötzlich via App) - und weil sie sich darauf endlich digitale Ganzseiteninserate vorstellen konnten.

Intuitiv war eigentlich immer schon klar, dass nicht alles auf dem Smartphone stattfinden wird: In der S-Bahn ist es unverzichtbar, aber für uns Geistesarbeiter, die wir viele Stunden vor dem richtigen Bildschirm verbringen, bedeutet es oft eine Hürde, das Smartphone für etwas in die Hand zu nehmen, was man viel besser in Groß machen könnte. Anbieter, die früher "App only" waren wie Instagram oder WhatsApp, bieten nicht zufällig inzwischen auch Web-Versionen an.

Natürlich wachsen die mobilen Zugriffe relativ zu den stationären immer noch - was allerdings auch daran liegt, dass viele Web- sites erst nach und nach überhaupt sinnvoll Mobile-fähig werden.

Was dagegen nicht mehr wächst, sind Apps: "The app boom is over" konstatierte kürzlich Recode: "Die meisten Leute scheinen alle Apps zu haben, die sie brauchen. Niemand sucht mehr nach neuen." Comscore hatte sogar schon 2014 ermittelt: Zwei Drittel der amerikanischen Smartphone-User laden praktisch gar keine neuen Apps mehr herunter.

Das deckt sich mit Erfahrungen im deutschsprachigen Markt: Während einem früher die neue App quasi aus den Händen gerissen wurde, muss man heute neben den Kosten für Programmierung und Unterhalt (der stetige Update-Zwang wird ohnehin notorisch unterschätzt) einen relevanten Betrag budgetieren, um sie in den Markt, sprich auf die Smartphones der User, zu drücken. Google und Facebook danken und bieten "Install Ads" an, die speziell darauf abzielen. Mittlere zweistellige Kosten pro installierter App sind keine Seltenheit, womit aber noch keinesfalls garantiert wird, dass sie auch jemals wieder geöffnet wird, denn auch dazu gibt es grausame Statistiken: Zwar verbringen wir über 80 Prozent der Zeit auf unserem Smartphone in Apps, aber leider nur in einer Handvoll und - sorry! - vermutlich gehört Ihre nicht dazu.

Hinzu kommt die universelle Kompatibilität der mobilen Browser-App: Zwar haben Android und iOS inzwischen einen kombinierten Marktanteil von über 90 Prozent, aber trotzdem werden die leidgeprüften Nutzer von Windows und Blackberry Sie lieben, wenn sie einmal nicht ausgeschlossen werden.

Wohlverstanden: Natürlich wird es weiterhin Apps geben, die deren spezifische Vorteile ausnutzen. Doch auch auf dem kleinen Bildschirm geht vieles genauso im Browser, insbesondere bei Verlagsprodukten: Für den E-Paper-Download mit Offline-Lesemodus ist eine App sicher besser, für den Online-Newsfeed dagegen nicht zwingend - und durch Initiativen wie Googles "Accelerated Mobile Pages" könnte es sogar sein, dass der mobile Browser viele Apps leistungsmäßig abhängen wird.

Daher empfehle ich: Überprüfen Sie Ihre mobile Strategie. Sie wären nicht die Ersten, die entscheiden: "There's a browser for really everything." 

 

Zum Autor: Peter Hogenkamp war drei Jahre lang Digitalchef der "NZZ" in Zürich, zuvor hatte er mehrere Start-ups gegründet. Seine Firma Scope bietet von 75 Expertinnen und Experten sowie Firmen kuratierte Inhalte an.

Hintergrund: Dieser Text erschien zuerst in "kress pro", Ausgabe 3/2016. Peter Hogenkamp schreibt regelmäßig in "kress pro" - dem Magazin für Führungskräfte in den Medien.

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Ihre Kommentare
Kopf

jürgen mayer

24.02.2017
!

totaler Schwachsinn so eine headline - eine etwas differenzierter Betrachtung hätte dem Autor gut getan, zumal er angeblich selbst mal für eine Zeitung wie NZZ gearbeitet hat. wie sagte mark zuckerberg - die html 5 app war der grösste fehler, der durchbruch von facebook mobile kam erst mit der nativen app - sicher macht nicht überall eine app sinn, aber sie gleich deswegen tod reden ist noch viel schlimmer


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