"FAZ"-Korrespondent Michael Martens: "Wer nur Selbstverständlichkeiten zu verkünden hat, sollte nicht schreiben"

 

Für viel Aufregung in deutschen Redaktionen hat "FAZ"-Korrespondent Michael Martens mit seinem Kommentar "Einmal Türke, immer Türke" gesorgt. Im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük erklärt Martens seine Sichtweise, antwortet seinen Kritikern und macht deutlich, warum er die Kritik unter anderem von "Welt", "Spiegel" und "Zeit" für verfehlt erachtet: "Wer nur Selbstverständlichkeiten zu verkünden hat, sollte nicht schreiben".

kress.de: Herr Martens, seit Jahren prägen Sie das Bild der Türkei in Deutschland. Wie hat sich das Land aus Ihrer Sicht verändert?

Michael Martens: Eine große Unversöhnlichkeit liegt über dem Land. Eine türkische Zeitung brachte neulich eine Karikatur, die nur einen vermeintlichen Wahlzettel für das Verfassungsreferendum im April zeigt. Demnach können Wähler zwei Optionen ankreuzen: "Ja" oder "Terrorist". Das trifft die Atmosphäre leider. Wer nicht für uns ist, ist böse. Die Debatte wird mit einer Aggressivität und Unduldsamkeit geführt, als sei das ganze Land auf Twitter.

kress.de: Sie haben mit einem Ihrer Türkei-Texte große Empörung ausgelöst, weil Sie nach der Verhaftung von Welt-Korrespondent Deniz Yücel in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" einen Kommentar zu der Frage veröffentlichten, warum die "Welt" überhaupt einen türkischstämmigen Journalisten in die Türkei entsandt hat. Können Sie verstehen, dass gerade in den sozialen Netzwerken heftig über Ihren Kommentar gestritten wurde?

Michael Martens: Wer sich aus dem Fenster lehnt, darf sich über den Fahrtwind nicht beschweren. Aber in meinem Kommentar ging es nicht um den Kollegen Yücel, sondern um eine Frage, die in dem Text auch explizit gestellt wird: Warum reduzieren deutsche Verlage die Kinder oder Enkel türkischer "Gastarbeiter" so oft auf die Rolle von Türkeierklärern? Es ist im Übrigen keineswegs so, dass ich alle Einwände gegen den Text ablehne, im Gegenteil. Wenn einem auf der Fahrbahn lauter Autos entgegenkommen, ist der Glaube, alle anderen seien Geisterfahrer und nur man selbst sei in der richtigen Richtung unterwegs, ziemlich gefährlich.

kress.de: Es ging wohl vor allem um den Zeitpunkt der Veröffentlichung: Finden Sie den nicht auch selbst reichlich deplatziert?

Michael Martens: Es hätte nur einen überzeugenden Grund dafür gegeben, den Kommentar jetzt nicht zu veröffentlichen: wenn die Gefahr bestanden hätte, dass der Text das Los des Kollegen Yücel im Gefängnis auf irgendeine Art verschlimmert. Aber eine solche Gefahr bestand und besteht nicht, da sich der Kommentar ja nicht gegen den Kollegen richtet und es darin auch nicht um die Türkei geht, sondern um Deutschland.

kress.de: Gibt es denn dann überhaupt einen schlechten Moment, eine Story ins Blatt zu heben?

Michael Martens: In diesem speziellen Fall hat der Veröffentlichungszeitpunkt dem Kommentar zwar maximale Aufmerksamkeit beschert, aber auch maximale Ablenkung von den Fragen, die er aufwirft. Der Text enthält ja mehr als ein halbes Dutzend Fragen: Unterwirft man sich nicht Erdogans nationalistischer Logik, wenn man Deutsche türkischer Abkunft gleichsam habituell zu Türkeierklärern macht? Warum reduzieren deutsche Verlage die Kinder oder Enkel türkischer "Gastarbeiter" so oft auf diese Rolle? Ist es gut, ein Land zu "lieben", über das man berichtet? Ist es ein Zeichen mangelnden Vertrauens, einen Journalisten aufgrund der Herkunft der Eltern aus Land x oder y auch als Korrespondent diesem Land zuzuordnen? Können "Türken" nur über die Türkei schreiben? Warum nicht über Putins Russland oder Südamerika? Warum so oft diese Reduzierung auf Nachnamen oder die Herkunft der Eltern?

kress.de: Die Empörung über Ihren Text hat allerdings nicht nur mit dem Zeitpunkt zu tun. Der Tenor lautet: Der Kollege Yücel sitzt in einem türkischen Gefängnis und verdiene Unterstützung und Solidarität.

Michael Martens: Natürlich verdient er die. Aber ernsthaften Journalismus verdient er auch. Ginge es nach jenen, die den Kommentar für infam oder niederträchtig halten oder ihn zumindest so nennen, soll man zum Fall Yücel offenbar nur schreiben: 1. Erdogan böse 2. Yücel gut 3. #freedeniz. Bei Zuwiderhandlung droht ein Shitstorm nicht unter einer Woche. In Berlin wurde ein Autokorso für Yücel veranstaltet, dagegen ist nichts zu sagen - aber zum journalistischen Kerngeschäft gehört das nicht.

kress.de: Schließen sich das journalistische Kerngeschäft und Solidarität mit einem verhafteten Kollegen denn aus?

Michael Martens: Noch einmal für das Protokoll die drei ersten Sätze des Kommentars: "In der Türkei ist ein deutscher Journalist in Haft, weil er Mitglied einer Terrorbande sein soll. Die Vorwürfe gegen Deniz Yücel sind absurd. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, ihn bald aus der Haft und der Türkei zu befreien." Das sind die drei wichtigsten Feststellungen zur Ausgangslage, deswegen stehen sie auch am Anfang und nicht irgendwo in der Mitte des Textes. Aber dieses ceterum censeo reicht nicht aus für einen Kommentar. Wer nur Selbstverständlichkeiten zu verkünden hat, sollte nicht schreiben.

kress.de: In Deutschland passiert aktuell Unglaubliches: Yücels Stammblatt "Welt" und die "taz", die er davor lange Jahre mit seinen Essays und Beiträgen geprägt hat, kämpfen Hand in Hand um die Freilassung des Journalisten.

Michael Martens: Selbstverständlich hoffen auch wir bei der "FAZ", dass Yücel und all die anderen Kollegen in türkischen Gefängnissen freikommen.

kress.de: Sind Sie eigentlich von der Redaktion beauftragt worden, einen Kommentar zum Fall Yücel zu schreiben, oder war das Ihre Initiative?

Michael Martens: Meine. Am Freitagabend fragte ich mich, ob es eine gute Idee sei, den Text so aufzubauen, wie er mir vorschwebte. Dann habe ich mich entschlossen, eine Nacht darüber zu schlafen und den Text, wenn ich die These am Samstagmorgen immer noch für eine gute Idee halte, in Frankfurt anzubieten. So kam es dann auch.

kress.de: Haben Sie sich vorher mit Kollegen über die These ausgetauscht?

Michael Martens: Nein, aber ich habe etwas gemacht, was ich sonst nie tue: Ich habe Freunde und Bekannte mit dem berühmten "Migrationshintergrund" angerufen, ihnen Kerngedanken des Textes geschildert oder auch Ausschnitte vorgelesen und sie gefragt: Geht das? Steckt da ein logischer Fehler drin? Verrenne ich mich? Einer der Befragten, dessen Meinung ich sehr schätze, war Mehmet Daimagüler, Anwalt im Münchner NSU-Prozess, mit dem ich seit vielen Jahren in Kontakt bin und der ein exzellentes Buch zu Identitätsfragen geschrieben hat.

kress.de: Und was hat der Ihnen geraten?

Michael Martens: Da wir in Istanbul nächtelang diskutiert haben, weiß ich, dass er mir stets sehr offen sagt, wenn er eine These für Unsinn hält. Und in diesem Fall sagte er unter anderem, er mache sich meine Ansicht zwar nicht zu eigen, halte sie aber für eine absolut vertretbare Position. Andere, die ich anrief, äußerten sich ähnlich. Als niederträchtig oder infam hat jedenfalls niemand den Text bezeichnet - dazu hatten die Befragten einfach ein zu weites Verständnis davon, was in einer Debatte sagbar sein sollte.

kress.de: Zu den Journalisten, die Ihren Beitrag "infam" nennen, gehören "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und sein stellvertretender Auslands-Chef Mathieu von Rohr. Ist Ihr Kommentar "infam"?

Michael Martens: In einer Debatte ist es immer hilfreich, wenn ein Argument vorgebracht wird, nicht ein Etikett.

kress.de: Gut, aber ist Ihr Kommentar "infam"?

Michael Martens: Peter Handke hat vor etwa zehn Jahren einen Text von mir "verwahrlost" genannt, weil ich ihn in einem Feuilleton über seinen Auftritt auf der Beerdigung von Slobodan Milosevic einen Claqueur nannte und auch sonst nicht so über ihn schrieb, wie der Dichter sich das nach unserer Begegnung erwartet hatte. Handke hat sich aber immerhin um Argumente bemüht.

kress.de: Ist Ihr Kommentar "infam"?

Michael Martens: Ich habe ein Fremdwörterbuch zu Hause, in einer Auflage von 1990, und da steht, "infam" bedeute "bösartig und jemandem auf durchtriebene, schändliche Weise schadend." Hat der Text Deniz Yücel bösartig und auf durchtriebene, schändliche Weise geschadet? Hat er ihm überhaupt geschadet? Natürlich nicht.

kress.de: Andere wie Hasnain Kazim widersprechen Ihnen in einem anderen Punkt. Kazim sagt, dass man ein Land zwar nicht lieben, aber Sympathien dafür hegen müsse, um darüber ordentlich zu berichten. Würden Sie ihm widersprechen?

Michael Martens: Sympathien schaden nicht. Aber muss man sie haben?

kress.de: Wenn Sie kritisieren, dass für deutsche Verlage türkischstämmige Journalisten wie Yücel oder Özlem Topcu ("Die Zeit") über die Türkei berichten, geschieht das nicht vor allem, weil Sie Angst haben, dass die besten Türkei-Storys bei der Konkurrenz landen?

Michael Martens: Diese Angst habe ich nicht.

kress.de: Welche Kritikpunkte halten Sie denn für berechtigt?

Michael Martens: In der "Zeit", die ich schon wegen der Kolumnen von Harald Martenstein lese, hieß es, ich hätte Kollegen mit Migrationshintergrund zu "willenlosen Kreaturen" degradiert, "die auf den deutschen Meister hören." Das ist zwar Unsinn, es ist aber auch begreiflich, dass und warum das so verstanden werden konnte. Denn es wird in dem Text nirgends auch nur angedeutet, dass sich Deutsche türkischer Abkunft natürlich durchaus aus freien Stücken entschieden haben könnten und entschieden haben, aus der Türkei zu berichten. Es wäre klüger gewesen, das zu unterstreichen, denn manchmal muss man eben doch auf Selbstverständliches hinweisen.

kress.de: War es also ein Fehler, den Kommentar zu schreiben?

Michael Martens: Ich halte meine Argumente nach wie vor für berechtigt. Aber in einem irrte ich: Ich habe mir zugetraut, einem derart schwierigen Thema, das erwartbar heftige Reaktionen auslösen würde, auf knapp 100 Zeilen in der Kommentarspalte gerecht zu werden. Angegriffen worden wäre der Text in jedem Fall - aber auf 200 Zeilen hätten einige zusätzliche Nuancierungen Platz gefunden, die zumindest jene, die sachlich zu debattieren bereit sind, zur Kenntnis genommen hätten.

kress.de: Abgesehen davon: Sollte nicht jede Zeitung für sich selbst entscheiden, wer für sie der beste Mann bzw. die beste Frau in einem Land ist? Und wer sagt denn, dass Yücel und Topcu nicht selbst für Thema Türkei brennen?

Michael Martens: Niemand sagt das. Aber über die Frage von Herkunft und Distanz bei Auslandskorrespondenten sollte trotzdem debattiert werden. Die "Zeit" rügt den "FAS"-Kommentar auch deshalb, weil darin die Frage gestellt wird, ob es gut sei, ein Land zu lieben, über das man berichtet. In der "Zeit" wird behauptet, niemand würde es problematisieren, wenn ein deutscher Journalist, der "Zuneigung" zu seinem Land verspürt, über deutsche Innenpolitik berichte. Ich habe den starken Verdacht, wenn einer der politischen Leitartikler der "FAZ" twitterte, dass er über Deutschland schreibe, weil er Deutschland liebe, blieben insbesondere in Hamburg Reaktionen nicht aus.

kress.de: Sie halten die Kritik in dem "Zeit"-Text also für verfehlt?

Michael Martens: Zum größten Teil ja, weil er der "FAS" Insinuationsjournalismus vorwirft, ihn aber selbst betreibt. Da heißt es: "Die Anderen bestimmen jetzt mit, man hört ihre Stimmen, sie sind meinungsbildend, und das auch noch über einen der schwierigsten Partner Deutschlands. Kann das mit rechten Dingen zugehen?" Das sei, so wird insinuiert, die Frustration des Autors über eine sich ändernde Medienwelt. Nur steht das weder in noch zwischen den Zeilen meines Textes.

kress.de: In Ihrem Kommentar nennen Sie explizit Topcu und Yücel, die aus der Türkei berichten. DJV-Vorsitzender Frank Überall verweist zurecht aber auch auf den Kollegen Jürgen Gottschlich, der für die "taz" aus Istanbul berichtet. Oder denken Sie an Mike Syzmanski für die "Süddeutsche Zeitung" oder an Korrespondenten der öffentlich-rechtlichen Sender. Alle, ausweislich ihres Aussehens und ihres Namens, ohne türkische Wurzeln. Haben Sie ein Thema unnötig aufgebauscht, das eigentlich keines ist?

Michael Martens: Für ein Thema, das keines ist, sind die Reaktionen ja recht beachtlich. Offenbar berührt es einen Nerv.

kress.de: Hat Sie die Vehemenz der Kritik überrascht?

Michael Martens: Es ist ja nicht so, dass ich noch nie kritisiert worden wäre. Als ich die Bundeswehrveteranin Daniela Matijevic als Hochstaplerin oder Serbiens Präsidenten Tomislav Nikolic als ewigen Nationalisten entlarvte, gab es ebenfalls heftige Reaktionen, und erst recht, nachdem mich Alexis Tsipras aus einem Interview hinauswarf. Damals waren deutsche Lesben, serbische Nationalisten oder griechische Linksradikale sauer, nun fühlen sich einige Journalisten angegriffen - und wir Journalisten machen eben mehr Lärm als deutsche Lesben, serbische Nationalisten oder griechische Linksradikale zusammen.

kress.de: In der "Zeit" heißt es, früher, als Redaktionen in Deutschland noch "vorwiegend westdeutsch, weiß und männlich waren", hätten "westdeutsche, weiße und männliche Journalisten" den Blick auf das Land und die Welt bestimmt. Ärgert es Sie in Wirklichkeit nur, dass das jetzt anders ist?

Michael Martens: Dass ich ein weißer, westdeutscher Mann ohne anständigen Migrationshintergrund bin, ist natürlich ein nicht wegzudiskutierender Makel. Aber im Ernst: Es bleibt der Verdacht, die Reaktionen wären womöglich weniger heftig gewesen, wenn der Text nicht von einem Autor mit deutschem Namen in der "FAS", sondern von einer Mihriban Mürüc in der "taz" veröffentlicht worden wäre.

kress.de: Rechnen Sie damit, das Ihnen der Kommentar nun nachhängt und Sie als "Deutscher vom Dienst" verspottet werden?

Michael Martens: Ich glaube nicht, dass ich nun ewig als deutschtümelnder Meinungslümmel dastehen werde. Ich habe bisher mehr als 4000 Artikel für die "FAZ" geschrieben. Wenn jemand mich partout auf einen einzigen davon reduzieren will, ist das nicht zu ändern, wird aber auch nichts ändern.

kress.de: Wird die "FAS" auf den Text in der "Zeit" und die andere Kritik antworten?

Michael Martens: Es haben sich nach der Veröffentlichung des Kommentars viele Kollegen "mit Migrationshintergrund" gemeldet, die ihre Geschichten erzählen wollen. Allen, die behaupten, die vergangene Woche in der "FAS" aufgeworfene Frage sei irrelevant oder niederträchtig, sei die Lektüre der kommenden Ausgabe besonders empfohlen, denn es sind aufschlussreiche Schilderungen von Kollegen dabei, die zeigen: Die Erfahrung, aufgrund des Namens oder der Herkunft der Eltern auf ein Thema reduziert zu werden, gibt es durchaus, und sie ist gar nicht so selten.

Mit Michael Martens, Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" mit Sitz in Athen, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Ihre Kommentare
Kopf

Martin Lejeune

26.02.2017
!

Kurzweiliges Interview


Viktor Funk

26.02.2017
!

Herr Martens hat in einm Punkt Recht und einen Punkt sieht er nicht:
1. Es gibt Rollenzuschreibungen für Kollegen mit Migrationshintergrund, sie können problematisch oder sinnvoll sein;
2. (was er nicht sieht): Migrationshintergrund kann auch bedeuten: besseres kulturelles Verständnis, bess. Verständnis für Mentalitäten; bess. Fähigkeiten Entwicklungen einer Gesellschaft zu erklären.
Was bleibt ist die Tatsache, dass es in dt. Redaktionen zu wenige Kollegen mit Migrationshintergrund gibt.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Weitere Beiträge zu diesem Thema
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.