Sinn und Unsinn der Leserkommentare: "Die NZZ ist wieder eine Scheibe"

 

"JOURNALISMUS!" Die Züricher Redakteure lasen die Online-Kommentare ihrer Leser nicht mehr: Zu viele, zu viel Unsinn, zu wenig Substanz. Sie haben Schluss gemacht: Seit einem Monat können die Leser der "NZZ", der "Neuen Zürcher Zeitung", Artikel nicht mehr direkt kommentieren. Paul-Josef Raue hat für seine Kolumne in fast tausend Reaktionen der Leser geschaut und in die Begründungen der Redaktion.

"Die Stimmung ist gehässiger geworden", schreibt Oliver Fuchs, Jahrgang 1990, Teamleiter Socialmedia der "NZZ". Er meint nicht die Stimmung in der Redaktion, sondern die in den NZZ.ch-Kommentaren der Leser. Was tun?

Die Redaktion diskutierte monatelang und war ehrlich, wie es Redaktionen selten sind: Leser-Kommentare sind ein Alibi für uns Redakteure! Wir wollen signalisieren, dass auch wir Fehler machen und die Kommentare lesen, in denen uns Leser darauf hinweisen.

Aber die Redakteure lasen die Kommentare nicht mehr. Und das hatte Gründe, die Oliver Fuchs zusammenfasste:

  • Trolle sind "mit maliziöser Energie in der Lage, der großen Mehrheit mit ein paar Tastenklicks ihre Agenda aufzudrücken... Wir stellen - etwas zugespitzt - fest: Wo früher Leserinnen und Leser kontrovers miteinander diskutiert haben, beschimpfen sie sich immer öfter".

  • Bei kurzen Nachrichten entbrennt schnell ein Streit über den Hintergrund. Doch ist "ein kurzer Agenturtext zu einer Demonstration in Ramallah der falsche Ort, um die Geschichte Israels von Grund auf neu zu verhandeln".

  • Da die meisten Artikel für jeden auf Google News, Twitter und Facebook zu lesen sind, kommentieren immer mehr Leute, die keine Stammleser sind. "Diese treffen in der Kommentarspalte auf Leser, die uns seit Jahren kennen."  Stammleser sind verwirrt.

  • Die Redaktion hat nicht die Kapazität, auf so viele Kommentare ernsthaft einzugehen; sie hatte schon freie Mitarbeiter dafür geworben, aber dies verworfen und lieber einen zusätzlichen Redakteur eingestellt.

Die Redaktion war, auch das gibt sie zu, ein wenig beleidigt und war es leid, als "Systempresse" oder "Propagandaschleuder" bezeichnet, anstatt auf inhaltliche Fehler aufmerksam gemacht zu werden: "In vielen Kommentaren wird nicht mehr Information ausgetauscht, sondern in einer Absolutheit doziert, die andere per se ausschließt."

Oliver Fuchs wählte als Beleg für einen äußerst misslungenen Leser-Kommentar diesen Kommentar:

"Transsexualität ist die Abart des modernen Menschen, seinen Körper über die natürlichen Grenzen hinweg zu schikanieren. Es gibt keine Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde (oder vice versa). Das ist kompletter Humbug. Es gibt körperlich bzw. hormonell beeinträchtigte Männer und Frauen. C'est tout!"

"NZZ"-Redakteur Fuchs empörte sich: "Was ist der Wert dieses Kommentars? Ist er wirklich ein wertvoller Diskussionsbeitrag - und noch wichtiger: Signalisiert der Absender mit seinen Worten nicht deutlich, dass er einen Austausch gar nicht will?"

Eine Leserin spürte, wie verletzt die Redaktion ist, sie wunderte sich: "Was findet die "NZZ"-Redaktion daran störend?":

"Erster Grund: Unhöflicher Schreibstil, insbesondere der Satz ,Das ist kompletter Humbug'. Zugegeben, kein besonders respektvoller Ausdruck, aber immerhin sachbezogen und nicht personenbezogen. Müsste man noch verkraften können.

Zweiter Grund: Der Kommentator ist zu sehr von der Richtigkeit seiner eigenen Meinung überzeugt... Mit Verlaub: Ist sich die "NZZ"-Redaktion nicht im gleichen Maße der gegenteiligen Meinung gewiss? Ist es überhaupt ein Vergehen, an die Richtigkeit der eigenen Meinung zu glauben?"

Die Leserin kommt zum Ergebnis: "Es scheint viel wahrscheinlicher, dass die Gründe eine willkommene Ausrede sind, um den wahren Grund zu vertuschen: Der Absender hat ganz einfach eine ,falsche' Meinung zum Ausdruck gebracht. Ja, in der ,liberalen' Weltanschauung, in welcher die NZZ wortführend ist, ist Political Correctness König, da gibt es die ,richtigen', und da gibt es die ,falschen' Ansichten."

Ein wenig Hochmut schwingt bei der "NZZ" schon mit: Die Leser schreiben doch auf dem "Hoheitsgebiet der Redaktion", macht Oliver Fuchs klar. "Wir als Betreiber entscheiden, welche Kommentare veröffentlicht werden, und sind darum in der Verantwortung, mit diesem Machtgefälle gewissenhaft umzugehen."

Die "NZZ" versteht sich als ein elitäres Medium mit einer Leserschaft, die sie selbst als "international und belesen" beschreibt, etwa "Ökonomieprofessoren und Hobbyornithologen. Unsere Leserinnen führen Unternehmen und machen Politik. Kurz: Sie sind Experten".

Dies Kompliment nehmen nicht alle Leser mit Begeisterung auf. Einer kommentiert: "Offenbar verträgt sich das Konzept des Leserkommentars schlecht mit dem Konzept des Leitmediums. Wir kehren zurück zu einem geozentrischen Weltbild, um nicht zu sagen: egozentrischen Weltbild. Oder anders ausgedrückt: Die 'NZZ' ist wieder eine Scheibe."

Die Redaktion besinnt sich auf ihre Funktion als Moderator: Sie lässt durchaus weiter kommentieren - aber nur zu den Themen, die sie vorgibt; sie nennt dies den "Weg zurück zu einer konstruktiven Diskussionskultur". Ausgangspunkt ist stets ein Artikel in der Zeitung. Der Autor kann ihn initiieren, ähnlich wie es beispielsweise "Spiegel Online" organisiert: Der Autor entscheidet über ein Forum; das Fachressort liest den Artikel, der Newsdesk entscheidet endgültig.

Bei der "NZZ" moderiert und begleitet der Autor das Forum. Fünfzig Leserforen bot die Redaktion in den ersten Wochen an; aktuell können Leser diese Fragen kommentieren:

(Eine weitere Auswahl der Leserforen am Ende dieser Kolumne.)

"Konzentriertes Gejammer" kritisiert Marcus Klöckner vom deutschen Online-Magazin "Telepolis" den Rückzug der Schweizer Redakteure und ordnet ihn ein als "Wehmütigkeit einer Presse, die sich auch nach vielen Jahren Internet nicht damit arrangieren kann, dass das Sender-Empfänger-Prinzip längst nicht mehr in dem Maße gilt, wie es noch vor dem Internet der Fall war". Klöckners Hauptvorwurf lautet: "So manche Redaktion scheint keine konstruktive Mittel in der Hand zu haben, um mit Lesern umzugehen."

Mit "manche Redaktion" zielt Klöckner auch auf "FAZ" und "Süddeutsche Zeitung", die wie die Züricher die Möglichkeit eingeschränkt haben, online zu kommentieren.

Der Züricher Medienprofessor Vinzenz Wyss dagegen zeigt in einem Beitrag des SRF-Fernsehens Verständnis für die "NZZ"-Strategie:

"Die meisten Medien sind überfordert mit all diesen Kommentaren, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Deshalb ist es richtig, dass man experimentiert und verschiedene Möglichkeiten ausprobiert." Professor Wyss verweist auf die Ressourcen, die eine Redaktion für unendliche Debatten verbrauchen würde.

Ähnlich argumentiert Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chefredakteur der "FAZ", davor von "Spiegel Online"; er zeigt am Beispiel von Themen wie Nahost und Russland:

"Es bedarf mindestens der gleichen Energie auf Redaktionsseite, die in Recherche und Schreibe des eigentlichen Artikels geflossen sind. Das geht leider nur in unregelmäßigen Abständen." Für ihn sind die redaktionellen Seiten "Räume der Diskussion, aber keine Schlachtfelder. Unter unseren Artikeln ist kein Raum für Propaganda, für Missachtung anderer, für Intoleranz, Verachtung und Hass".

Das Verschwinden der Leserkommentare unter den Artikeln ist für einen der "NZZ"-Leser "pädagogisierender Liberalismus", ihm fehlt "Speakers Corner, wo, frei ab der Leber, spontan der 'offenen Rede' gehuldigt wurde. Ohne den Dissens zu scheuen".  Er stellt diesen Kommentaren gegenüber "den gepflegten Meinungsaustausch (Konversation), auf der Suche nach Vertiefung und Konsens". Er plädiert dafür, beides anzubieten: "Es wäre doch eine Überlegung wert, ob nicht beiden Arten der Kommunikation Raum gegeben werden sollte. Wer sich dabei vor den Gefahren der spontanen, offenen Rede (Fake-News, Populismus, rhetorische Flegeleien usw) schützen will, hat so Option, sich jetzt nach Umbau der 'gepflegten Konversation' hinzugeben".

Es gibt auch Leser, wenn auch in der Minderheit, die den "Umbau" der Leserkommentare begrüßen und keine Sympathie für "Speakers Corner" hegen:

"Die beiden Forums-Arten, die Sie als Speakers Corner und als gesitteten Meinungsaustausch bezeichnen, möchte ich lieber als 'Hochhalten von Plakaten' und als 'Gespräch' bezeichnen. Das Hochhalten von Plakaten mag einigen Spaß machen, vor allem wenn sie damit die Gegenseite ärgern können. Was es aber wirklich braucht, ist das Gespräch... Wenn die NZZ das Hochhalten von Plakaten eindämmt, ist das keine Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. .. Wenn man vom Hochhalten der Plakate nicht zum Gespräch übergehen kann, wird man sich am Schluss die Plakate um die Ohren hauen."

Wieder andere drohen mit dem Kündigen des Abos, was einen Leser erstaunt:  "Zahlten Sie Ihr Abonnement dafür, dass Sie Leserkommentare schreiben dürfen? In einer Zeitung schreiben doch in erster Linie die Redaktoren für die Leser, und nicht die Leser für die Redaktoren."

In der Tat muss einer, der kommentieren will, kein Abonnent der "NZZ" zu sein, es reicht eine Registrierung: Sie ist kostenlos und in weniger als einer Minute erledigt. Ein Leser kommentiert die Drohung, das Abo zu kündigen, durchaus betriebswirtschaftlich denkend:

"Wenn die NZZ es riskiert, um der Gesprächskultur willen zahlende Kunden zu verlieren, ist auch das verdienstvoll. Ich glaube allerdings, dass die neue Debattenform vielen Lesern bald mehr Spaß macht als die früheren Pöbeleien. Das könnte sich für die 'NZZ' auch finanziell positiv auswirken."

Gibt es keinen anderen Weg, die Pöbler auszubremsen?, fragen Leser: "Meiner Meinung nach waren es die immer gleichen Kommentatoren, die grundsätzlich jede Meldung im Forum dann verhetzt haben mit 'Lügenpresse'-Vorwürfen. Auf die eigentliche Meldung oder Fakten wird nicht eingegangen, eine Diskussion ist so einfach nicht möglich! Anstatt solche Pöbler, die letztlich gar nicht diskutieren wollen, die offensichtlich nur 'brüllen' wollen, anstatt diese gezielt anzuzählen und notfalls eben zu sperren, sind wir nun alle betroffen."

Die Leser überbieten sich geradezu, Lösungen zu entdecken:

  • Klarname und Telefonnummer zum Kommentar: "Das würde viele der unseriösen Trolle abschrecken - und dem Rest bliebe die Debatte erhalten." NZZ-Redakteur Fuchs verweist auf eine Studie, dass dies Pöbler überhaupt nicht abschrecke (was Facebook ja auch beweist).

  • "Wer bloggt, muss etwas aushalten können, nicht wegen jeden Angriffs aus den Socken kippen. Das gilt ja auch für Politiker."

  • Ausschluss von pöbelnden Schreibern oder Entfernen ihrer Kommentare.

  • Löschung von Kommentaren, die der Meinung der Redaktion fundamental widersprechen.

  • Eine gewisse Zahl von Kommentaren ist frei für jeden Abonnenten.

  • Subvention vom Staat: "Es gibt Dümmeres, das subventioniert wird"

  • Finanzierung durch Facebook, Youtube und Twitter, die in einen Fond eine Abgabe zahlen.

Die Kommentare zum Ende des unendlichen Kommentierens machen den Zwiespalt deutlich, der der Demokratie innewohnt und der zur Zeit polarisiert: Hier die unendliche, von der Verfassung zementierte Freiheit des Wortes, auch ohne Ziel und Zweck; da die politische Debatte mit dem klaren Ziel, eine Lösung zu schaffen und sei es ein Kompromiss.

"NZZ"-Leser Dani Keller verabschiedet sich aus der Kommentar-Spalte: "In drei Jahren 877 Kommentare und 5514 up votes. Ich bin dann fürs erste mal weg, good luck NZZ."

INFO

Dies ist eine Auswahl der 50 Debatten-Themen in den ersten Wochen:

  1. Wie gehen Sie mit Gewalt in Filmen um?

  2. Braucht es neue Regeln für Lobbyisten im Bundeshaus?

  3. Wie finden Sie unsere bisherige Themenwahl?

  4. Müssen die Europäer mehr für die Nato leisten?

  5. Sollten Unternehmen zivilgesellschaftliche Akteure sein?

  6. Was soll die SRG (Schweizerische Rundfunk- und Fernsehgesellschaft) leisten - und was nicht?

  7. Warum schauen viele Menschen beim Syrien-Konflikt nicht hin?

  8. Mehr Frauen für das Heer?

  9. Polen: der böse Bub der EU?

  10. Leben die Schweizer zu lang?

  11. Wie hart soll der Kanton Zürich mit abgewiesenen Asylsuchenden umgehen?

  12. Sollten sich Politiker aus dem Opel-Verkauf an PSA Peugeot Citroën heraushalten?

  13. Findet der Skisport in der Schweiz je zu altem Glanz zurück?

  14. Reden wir zu wenig über die Selbstachtung von Immigranten?

  15. Stirbt die politische Öffentlichkeit?

  16. Ein Terrorwerkzeug im Museum - adelt das nicht die Tat und den Täter?

  17. Ist Kanzlerkandidat Martin Schulz der Retter der SPD oder hat er ein Strohfeuer entfacht?

  18. Schliesst die Post ihre Filialen zu Recht?

  19. Was dürfen die letzten Monate vor dem Tod die Allgemeinheit kosten?  

  20. Übertreiben wir es mit dem Gesundheitswahn?  

  21. Woran krankt der Zürcher Wohnungsmarkt?

  22. Ist Germanistik eine relevante Disziplin?

  23. Sind wir machtlos gegen Mobs?

  24. Wo gibt es Grund zur Hoffnung in der arabischen Welt?

  25. Was bedeutet Ihnen Ihre Heimat?

  26. Wie müssen die USA, China und Japan auf den nordkoreanischen Raketentest reagieren?

  27. Operieren Ärzte zu oft? Greifen Ärzte zu schnell zum Skalpell?

  28. Behandelt Zürich seine Prostituierten schlecht?

  29. Was ist Ihre Bilanz der Ära Gauck?  

  30. Was sind Ihnen Hühner wert?

  31. Fällt die Schweiz vom Glauben ab?

  32. Was erwarten Sie von der dritten Gewalt in der Ära Trump?

Der Autor

Paul-Josef Raue berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de

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