Die Kanzler und die Medien: Trump ist ganz anders

 

Kurz vor dem Besuch von Angela Merkel in Washington und vor allem mit Blick auf Donald Trumps Medienpolitik gewinnt ein Buch an Aktualität, das die Beziehungen zwischen den Bundeskanzlern und den Journalisten analysiert. Lars A. Rosumek verfasste "Die Kanzler und die Medien" vor zehn Jahren. kress.de hat die unterhaltsam geschriebene Forschungsarbeit, die noch als E-Book lieferbar ist, nun vor dem Hintergrund des aktuellen US-Präsidenten gelesen. Eine Rezension unter neuen Vorzeichen.

Bei aller Unterschiedlichkeit in ihrer Öffentlichkeitsarbeit haben bis heute alle bundesdeutschen Regierungschefs von Adenauer bis Merkel versucht, die Presse zu nutzen und das Verhältnis zu ihr zu pflegen. Die Attitüde des US-Präsidenten stellt insofern auch hierzulande einen eklatanten Bruch mit der Vergangenheit dar.

Autor Rosumek, der heute Senior Vice President der Voith GmbH ist, kommt zu dem Schluss, dass alle Kabinettschefs "Medienkanzler" waren. Und schon Adenauer adaptierte amerikanische PR-Strategien. Der Grund, dass dies heute in Vergessenheit geraten sei, könnte der "einseitige Blick auf die Ära Adenauer, der durch die Achtundsechziger und ihre Apologeten bis heute in Feuilletons und wissenschaftliche Publizistik getragen wird", sein.

Das eigentlich Neue an der Öffentlichkeitsarbeit unter Schröder und Merkel sei die Inszenierung der Inszenierung. "Die Aura des Professionellen, die sich vor allem Gerhard Schröder, aber auch Angela Merkel durch eine bewusste Offenlegung der Inszenierungsstrategien geben, markiert den eigentlichen Wandel politischer Kommunikation." Rosumeks Satz: "Die Diskussion über den Wandel politischer Öffentlichkeitsarbeit ist deshalb immer auch eine Diskussion über eine Amerikanisierung der politischen Kultur in Deutschland", liest sich heute anders, als er ihn 2007 meinte. Eine Amerikanisierung der politischen Kultur würde unter den neuen Vorzeichen eine offene Feindschaft zwischen Regierung und Journalisten bedeuten.

Die PR von Parteifunktionären hin zu professionellen Politikvermittlern zu verlagern sei keineswegs modern im Sinne von neu, "sondern seit den Gründerjahren der Bundesrepublik für jeden Kanzler maßgebend". Bereits die Berater Adenauers reisten in die USA, sprachen mit ihren amerikanischen Kollegen und übernahmen vieles. Unter Willy Brandt, dessen Medienstrategen schon seit dessen Zeiten als Regierender Bürgermeister von Berlin auf einen Vergleich mit John F. Kennedy setzten, erlebte die Orientierung an amerikanischer Inszenierung dann einen Höhepunkt, resümiert der Autor.

Trotz des Alters des Buches hält es auch bei der erneuten Lektüre Überraschungen bereit. Der Leser lernt, dass vieles - auch das, was wir für neu im Verhältnis zwischen Politik und Journalismus halten - schon einmal dagewesen ist. So schreibt Rosumek ein Jahrzehnt vor Trump: "Jenseits des Atlantiks werden auf allen staatlichen Ebenen regelmäßig politische Outsider, die in erster Linie durch ihre Prominenz und Popularität bestechen, zu politischen Spitzenkandidaten." Und an anderer Stelle heißt es: "Sogar Kandidaturen gegen den erklärten Willen des eigenen Parteiestablishments sind möglich, wie das Beispiel Jimmy Carters gezeigt hat."

Das Buch lässt aber auch erkennen, warum Trumpsche Verhältnisse in Deutschland wohl nicht zu erwarten sind. Ein entscheidender Grund könnten die unterschiedlichen Fernsehsysteme sein: "Während in der Bundesrepublik die Parteien insbesondere auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen entscheidenden Einfluss ausüben, ist das US-Fernsehen strikt am Marktprinzip und dem Erlös von Werbeeinnahmen orientiert... Andererseits sind die amerikanischen Fernsehstationen nicht verpflichtet, sich an den Parteienproporz zu halten. Die Sender können wesentlich offener eine politische Position unterstützen oder ablehnen."

Die deutsche Presse verhalte sich dem Regierungschef gegenüber auch unkritischer als die Kollegen in Übersee: "Ein derartiger Bonus ist in den angelsächsischen Ländern praktisch unbekannt. Gerade in den USA werden der Präsident und seine Regierung in der Berichterstattung traditionell kritischer angegangen als die Opposition", schreibt Rosumek.

Der Autor analysiert die Medienstrategien kapitelweise nach jedem einzelnen Kanzler. Adenauer schuf das Bundespresseamt und damit "eine staatliche Dienstleistungsagentur für politische Öffentlichkeitsarbeit". Diese Stellung habe das Amt bis heute, obwohl dessen Bedeutung sogar noch gewachsen sei, was sich auch an der Zahl der Beschäftigten ablesen lasse: Von 1950 bis 1960 erhöhte sich die Mitarbeiterzahl von 176 auf 424. 2005 habe das Amt weit über 600 Mitarbeiter beschäftigt.

Zentrum der Adenauerschen Pressepolitik war aber das Kanzleramt. Dessen Chef Otto Lenz werde daher auch häufig als der eigentliche "Bundespressechef" bezeichnet. Sein Netzwerk von "scheinbar unabhängigen PR-Organisationen" finanzierte das Bundespresseamt. Der tatsächliche Regierungssprecher, Felix von Eckhardt, blieb zehn Jahre im Amt. Seine Nachfolger brachten es durchschnittlich nur auf gut zwei Jahre. Adenauer führte auch "Teegespräche", in denen er Journalisten die Hintergründe seiner Politik erklärte. Die Teilnehmer dieser informellen Runden waren, so Rosumek, zwar handverlesen: "Dennoch erhielten auch Journalisten, die eindeutig der Opposition verbunden waren, regelmäßig eine Einladung." Den Widerspruch zu Adenauers immer wieder berichteter "Furcht vor kritischen Journalisten" kann auch der der Autor nicht auflösen.

Auch die Klage über vermeintliche Einseitigkeit ist nicht neu: "Wie ein roter Faden" ziehe sich durch Adenauers Kanzlerschaft eine "unablässige Kritik an der politischen Linkslastigkeit des Rundfunks". Eine Beschwerde, die nicht nur nachfolgende CDU-Kanzler im Munde führten, sondern derer sich auch Trump seit Beginn seiner Kandidatur bedient.

Ludwig Erhard änderte den Umgang mit Journalisten dann radikal. Die Medienarbeit des zweiten Kanzlers konzentrierte sich - so Rosumek - auf "eine Clique vor allem von Wirtschaftsjournalisten, die Erhards Karriere in Bonn wohlwollend begleiteten und ihn als Kanzler stützten". Diesen Kreis bevorzugte Erhard bei der Informationsweitergabe und Einbindung in seine Tagesgeschäfte - eine "äußerst fragwürdige Strategie", findet der Autor, die dazu führe, "dass die Ausgeschlossenen sich persönlich getroffen und vom Informationsfluss abgeschnitten fühlen".

Das hatte Willy Brandt nicht nötig. Bereits bei seinem Amtsantritt genoss der Sozialdemokrat "die Sympathie und Zustimmung weiter Teile der Medien", schreibt der Autor. Schon Jahre vor seiner 1969 beginnenden Kanzlerschaft könne man von einer "außenpolitischen Profilierung mit Hilfe der Medien sprechen". Vor allem die linksliberale Presse habe ihn dann gestützt. Übrigens fällt beim Marketing auf, dass auch hier nicht alles so neu ist, wie es den Anschein hat. Als die CDU ihre Parteifarbe zeitnah zur orangenen Revolution in der Ukraine in orange wechselte, war sie nicht die erste Partei, die das tat. Um Wechselwähler gewinnen zu können, verschwand im Wahlkampf 1969 die Farbe Rot völlig aus der SPD-Kampagne. "Stattdessen ersetze man sie durch ein leuchtendes Orange", schreibt Rosumek.

Der PR-Stab von Brandts Nachfolger Helmut Schmidt verordnete dem neuen Kanzler dann eine strategische Medienorientierung: "die Auswahl der Dialogpartner nach Reichweitenstärke und Rezipientenschaft und nicht nach politischer oder inhaltlicher Ausrichtung". Schmidt ging deutlich auf die "Bild"-Zeitung und deren Leser zu. Rosumek fasst zusammen: "Die Strategie 'Bild und Glotze' ist also keine Neuerfindung von Gerhard Schröder."

Dennoch betrachtete Schmidt die "Glotze", also das Fernsehen skeptisch. "Interessanterweise reihte sich ausgerechnet der 'Fernsehkanzler' Helmut Schmidt in die Front der Fernsehkritiker ein." Der Sozialdemokrat sprach von einem "neuen Analphabetismus", der durch das Fernsehen drohe.

Helmut Kohl nutzte dann auch politikferne TV-Formate für seine Mediendarstellung. Zur Fußball-EM  1996 analysierte der Kanzler zwei deutsche Spiele direkt im ARD-Studio. Nach dem Finale erlebten ihn so rund 28 Millionen Zuschauer. Die Strategie, den Pfälzer in Unterhaltungsformaten zu platzieren, "forcierten Kohls Berater" stetig. Im selben Jahr trat Kohl auch in der Sendung "Boulevard Bio" auf. Laut Autor ein Heimspiel, denn: "Alfred Biolek gilt im deutschen Fernsehen bis heute als einer der konziliantesten und aus Sicht des Befragten bequemsten Fragensteller."

Mit Gerhard Schröder begann eine neue Ära. Die "Süddeutsche Zeitung" nannte den Kohl-Nachfolger seinerzeit "Messias fürs Medium". Viele Journalisten fühlten sich dadurch zunehmend als politische Akteure. Sie unterlagen - so Rosumek - "einer fatalen Selbsttäuschung über ihre eigene Stellung im politischen Prozess". So zeichneten sie ein "Bild der Mediendemokratie", in der der Kanzler "an allen Gremien vorbei mit Hilfe der Journalisten direkt zu den Menschen spricht". Dies sei "noch immer allzu häufig ein Wunschbild vieler Redakteure".

Ähnlich wie unter Adenauer konzentrierte Schröder seine Pressearbeit im Kanzleramt. Während Regierungssprecher Bela Anda vor der Bundespressekonferenz oft improvisieren musste, "weil er von seinem Chef nicht in die Hintergründe eingeweiht wurde, führte der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier im Hintergrund ohne Kenntnis des Regierungssprechers Gespräche mit Journalisten".

Nach Schröder kam mit Angela Merkel der Kontrast: eine "zurückhaltende, schörkellose, pragmatische und unprätentiöse, bisweilen aber eben auch unterkühlte" Kanzlerin. Anders als ihr Vorgänger trenne sie Privates und Politisches und "gibt wenig bis gar nichts Persönliches von sich preis". Den meisten Journalisten blieb sie lange Jahre fremd. Die "Spiegel"-Titelgeschichte "Die Fremde" konstatierte 2005: "Den Bürgern, die sie regieren soll, ist sie bisher ein wenig unheimlich geblieben." Dies traf bis vor kurzem sicher auch auf die meisten Korrespondenten zu. Erst mit der Flüchtlingskrise wurden Kanzlerin und Medien miteinander warm. Ein Zustand, den Donald Trump ganz offensichtlich nicht anstrebt.

kress.de-Buchtipp: Lars A. Rosumek, Die Kanzler und die Medien, Campus-Verlag, 326 Seiten, E-Book, 24,99 Euro.

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