"Neue Herausforderung" - was heißt das? Die Job-Kolumne von Mediencoach Attila Albert

 

Eines der Rituale bei der Stellensuche ist die Behauptung, eigentlich "eine neue Herausforderung" zu suchen. Doch vielen Journalisten geht es, wenn sie genauer darüber nachdenken, gar nicht zwingend um eine höhere Position oder mehr Geld, sagt Mediencoach Attila Albert.

Die Suche nach einer neuen oder besseren Stelle ist voller Rituale, die von beiden Seiten durchschaut sind, aber doch durchlaufen werden. Eine davon ist die Behauptung, gar nicht zwingend einen neuen Job, sondern "eine neue Herausforderung" zu suchen. Das kann ein wirkungsvoller strategischer Trick sein, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken, vor allem, wenn es um das Aushandeln der finanziellen Seite eines Arbeitsvertrages geht.

Häufiger aber ist es eine dahingesagte Phrase - etwas, das eleganter und selbstbewusster klingen soll als die Aussage, im Grunde irgendeinen Job zu suchen, da gerade arbeitslos, oder mehr verdienen zu wollen. Doch "neue Herausforderung" ist kein Synonym dafür, und es ist sinnvoll, wenn Sie sich sehr klar darüber werden, worum es Ihnen wirklich geht - Sie suchen gezielter, entscheiden schneller und sicherer. Hier einige Anregungen dazu.

Ein Beispiel zu Beginn: Eine Magazin-Redakteurin, 30 Jahre alt, möchte mehr verdienen als die 2200 Euro brutto, die sie bisher in einem großen Medienkonzern erhält, und näher am Wohnort ihrer Familie leben. Sie pendelt bisher und unterhält ein Zimmer am Arbeitsort. Nachdem sie ein Angebot am Wohnort ihrer Familie erhalten hat, kündigt sie und erhält noch am gleichen Tag von ihrer bisherigen Chefin das Versprechen auf "mehr Verantwortung" und "mehr Geld", ohne dass aber ein konkreter Euro-Betrag und Termin zu erfahren ist.

Der Redakteurin (das Beispiel ist anonymisiert) kommen nach dem Gespräch Zweifel: Hat sie übereilt gekündigt, hätte sie noch abwarten sollen? Wäre es klug, die Kündigung zurückzuziehen und die neue Stelle wieder abzusagen? Immerhin findet sie die aktuelle Arbeit interessant, mag ihr Team und hat eine gewisse Sicherheit. Was aber, wenn die Versprechen ihrer aktuellen Chefin sich als haltlos erweisen - "Geschäftsführung hat nicht zugestimmt", "ist dieses Jahr im Budget nicht drin" -, die andere Stelle dann aber weg ist?

"Herausforderungen" kann jeder Lebensbereich bieten

Derartige Gedankenkreisel und Zweifel sind ein Zeichen mangelnder Klarheit, und hier darin, was das angestrebte Ziel ist: Was ist die "neue Herausforderung", um die es eigentlich geht? Fast immer ist sie zu eng gedacht - hierarchischer Aufstieg, etwa vom Reporter zum Chefreporter oder Ressortleiter, oder mehr Geld. Grundsätzlich können sie aber in jeden der acht Lebensbereiche fallen, von denen hier an anderer Stelle die Rede war.

  • Beruf und Karriere: Sie wünschen sich eine höhere Position, einen besseren Titel (z. B. Textchef statt Redakteur), ein grösseres Team, anspruchsvollere Aufgaben.

  • Persönliche Finanzen: Sie wollen mehr Geld verdienen, typischerweise, weil Sie im bestehenden Vertrag nicht relevant mehr heraushandeln können.

  • Partnerschaft und Familie: Ihnen ist wichtig, eine kürzere oder regelmäßigere Arbeitszeit (z. B. kein Schichtdienst) zu haben oder weniger zu pendeln.

  • Persönliche Entwicklung: Sie haben genug von der Routine, die zwar stressig, aber gleichzeitig monoton ist, und möchten wieder etwas Neues lernen.

  • Lebenssinn und Spiritualität: Ihnen fehlt ein tieferer Sinn im aktuellen Job, Sie möchten mehr zum großen Ganzen (z. B. Gesellschaft, Umwelt) beitragen.

  • Spaß und Lebensfreude: Sie wünschen sich mehr Leichtigkeit, Ihre aktuelle Stelle belastet Sie zu sehr, etwa der Vorgesetzte, Firmenklima oder Arbeitspensum.

  • Enge soziale Beziehungen: Ihnen wäre wichtig, neben der Arbeit zukünftig mehr Zeit und Energie für Freundschaften, Hobbys u.ä. zu haben.

  • Gesundheit und Alter: Ihr Körper signalisiert Ihnen, dass Ihnen Ihr Job nicht gut tut - Sie sind wochenlang erkältet, der Rücken schmerzt, Sie sind erschöpft.

Jeder dieser Wünsche ist berechtigt und definiert die Kategorie, in der Sie eine Änderung wirklich wünschen und in die daher ein Angebot fallen sollten, dass für Sie wirklich interessant ist. Achten Sie auf Trennschärfe: Ein Aufstieg in der Karriere-Kategorie heißt beispielsweise nicht automatisch mehr Geld. Ich sehe regelmäßig Ressortleiter o.ä. in Chefredaktionen anderer Objekte aufrücken, in denen sie ebenso viel oder sogar weniger als vorher verdienen. Ihnen ist aber etwa der Titel wichtiger oder Sie hoffen, diese neue Stelle als Sprungbrett für eine besser bezahlte Position nutzen zu können.

Die Redakteurin aus unserem Beispiel wünscht sich mehr Zeit für Familie und Freunde und mehr Geld. Das Gegenangebot ihrer bisherigen Chefin fällt aber in die Kategorie Karriere ("mehr Verantwortung"), die für sie gar nicht relevant ist. Das finanzielle Angebot ist vage: Sollte es nicht noch durch einen Betrag und Termin konkretisiert werden, ist kaum damit zu kalkulieren. Als echtes Argument müsste es dazu die bisherigen Kosten für Zeitwohnsitz und Pendeln übersteigen, die mit dem neuen Job entfallen. Schon ein gleich hohes Einkommen im neuen Job käme durch die gesunkene Kosten einer Gehaltserhöhung gleich.

Bedeutet in diesem Fall: Angesichts der gewünschten Vorteile (kein Pendeln mehr, deutliche Zeitersparnis, Nähe zu Familie und Freunden) sollte sich die Redakteurin überlegen, die normalen Risiken jedes Stellenwechsels (neues Team und Arbeitsinhalte, Probezeit) in Kauf zu nehmen. Sie sind die "neue Herausforderung", die sich sich tatsächlich wünscht - und nicht den Karrieresprung, den ihre Chefin als "normal" angenommen, daher vorgeschlagen hatte. Ein höheres Einkommen ist, schon durch Kostenersparnisse, ein Nebeneffekt.

Zum Autor: Attila Albert (43) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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