"Zeit"-Vize-Chefredakteur Bernd Ulrich: "Die 'FAZ' hat ein Diversitätsdefizit"

 

Sehr bissig hat der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit", Bernd Ulrich, die Beiträge in der aktuellen "FAS" zur Diskussion um den Kommentar von Michael Martens "Für immer Türke" kommentiert. Er twitterte: "Jetzt, da die @faznet #FAS einige Migranten von anderen Medien gefunden hat, die ihre Position vertritt, wüsste man doch gern, wie die ganzen Migranten, die bei der FAZ arbeiten, denn denken, ob sie auch die Polemik gegen den inhaftierten @Besser_Deniz teilen". Kress.de hat mit dem 56-Jährigen gesprochen. Er unterstellt der "FAS" ein "Diversitätsdefizit".

kress.de: Der Tweet liest sich so, als ob die Kollegen Cigdem Toprak und Baha Güngör von der "FAS" benutzt worden wären, um die Zeitung von den Vorwürfen reinzuwaschen. Meinen Sie das so?

Bernd Ulrich: Keineswegs. Wenn ich dieser Meinung wäre, hätte ich das geschrieben. Ich habe nur meine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass Leute von außen die Beiträge verfassten und nicht die Kollegen von der "FAZ" oder der "FAS". In derselben Ausgabe, in der Martens seinen merkwürdigen Kommentar "Für immer Türke" veröffentlichte, schrieb übrigens Yasemin Ergin über den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Yildirim in Deutschland. Deren Meinung zu Martens Kritik an Türken, die über Türkisches schreiben, hätte mich natürlich interessiert.

kress.de: Haben Sie mal einen der "ganzen Migranten bei der FAZ", wie Sie getwittert haben, angerufen und gefragt, wie er denkt?

Bernd Ulrich: Das ist nicht meine Aufgabe. Ich muss doch nicht die Diskussion um die Diversität innerhalb der "FAZ" anleiern.

kress.de: Immerhin sind wir Journalisten, da könnten Sie ja recherchieren, wenn Sie diese Frage interessiert.

Bernd Ulrich: Ich bitte Sie, ich bin Politikjournalist, kein Medienjournalist. Ich befrage doch nicht die Kollegen einer anderen Zeitung, wie sie über den Kommentar von Michael Martens denken.

kress.de: Warum hat sich Ihr Ärger über dessen Text noch nicht gelegt?

Bernd Ulrich: Der Ärger kann sich nicht gelegt haben, weil ich mich gar nicht geärgert habe. Die "FAS" liegt einfach in der Sache völlig falsch. Das ist ein wichtiger Unterschied. Und diese falsche Position von Martens und der "FAS" habe ich mit meinem Tweet konterkariert. Es geht mir um die Frage, wie man mit den Themen Diversität und Journalismus sowie Solidarität und Journalismus umgeht - vor allem in den schwierigen Zeiten, in denen Journalisten von Diktatoren eingesperrt werden. Insofern steckt in Ihrer Frage übrigens auch eine Verwechslung: Nicht ich habe die Diskussion über Diversität in den Medien begonnen über den kolonialen Blick oder die blinden Flecken homogener Redaktionen, sondern Martens und die "FAS" - ausgerechnet eine Zeitung, die ein erhebliches Diversitätsdefizit aufweist, urteilt über das Diversitätsmanagement anderer Zeitungen.

kress.de: Was meinen Sie in Ihrem Tweet mit "Polemik gegen den inhaftierten Deniz Yücel"?

Bernd Ulrich: Zwei Dinge in dem Text sind polemisch. Erstens unterstellt Martens, dass ein Deutsch-Türke voreingenommener über die Türkei schreiben würde als ein Deutscher über Deutschland...

kress.de: ...aber das steht doch bei Martens überhaupt nicht im Text.

Bernd Ulrich: Martens kann sich eben nur vorstellen, dass es bei Türken eine Voreingenommenheit gibt. Bei Deutschen kommt ihm das nicht einmal in den Sinn. Er findet es problematisch, wenn ein Deutsch-Türke die Türkei liebt. Aber ich kenne dutzende deutsche Journalisten, die Deutschland lieben und darüber schreiben.

kress.de: Ich hatte Sie unterbrochen. Sie wollten noch einen zweiten Polemik-Vorwurf gegen den Martens-Text erheben.

Bernd Ulrich: Ja, zweitens ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung völlig falsch gewählt. Die "FAZ" hatte jahrelang Zeit, diese Entsendepraxis zu kritisieren. Aber ausgerechnet in dem Moment, in dem einer im Knast sitzt, kommt dieser Text. Das spielt - sicher ungewollt - denjenigen in die Hände, die seine Verhaftung rechtfertigen. Denn auch die argumentieren, Yücel wäre voreingenommen. Ich hätte auf den Kommentar von Martens überhaupt nicht reagiert, wenn er schon zwei Jahre vor der Verhaftung die Frage nach Herkunft und Korrespondentenstellen aufgeworfen hätte.

kress.de: Aber Sie werfen doch in Ihrem Tweet auch den Kollegen Cigdem Toprak und Baha Güngör "Polemik gegen den inhaftierten" Deniz Yücel vor.

Bernd Ulrich: Überhaupt nicht. Diese Passage meines Tweets bezieht sich eindeutig auf den Kommentar von Martens. Um es ganz klar zu sagen: Mit den Autoren, die jetzt in der aktuellen "FAS" geschrieben haben, habe ich überhaupt kein Problem.

kress.de: Noch einmal zu Martens: Gibt es aus Ihrer Sicht wirklich keinerlei Gründe für seine Argumentation?

Bernd Ulrich: Motive vielleicht schon, aber keine sachlichen Gründe.

kress.de: Die "FAS" schreibt, Martens habe "einen wunden Punkt" getroffen. Wie sehen Sie das?

Bernd Ulrich: Die Punkte, die er getroffen hat, sind nicht wund, den wunden Punkt, den es gibt, hat er nicht getroffen. Denn wie ich Ihnen schon gesagt habe, ist der Glaube, dass Deutsch-Türken voreingenommener über die Türkei berichten würden als Deutsche über Deutschland abwegig. Es gibt einen anderen wunden Punkt, den die "FAS" aber nicht getroffen hat.

kress.de: Welchen?

Bernd Ulrich: Je mehr Migranten in einer Redaktion arbeiten, desto weniger schreiben sie über migrantische Themen. Wenn wir im Journalismus mehr Türken hätten, würden auch mehr Türken über Finanzen und Mode schreiben. Aber dadurch, dass es nach wie vor zu wenige sind, kümmern die sich natürlich oft um diese Themen, im Übrigen völlig freiwillig. Wir schicken niemanden irgendwohin, wo er nicht hinwill. Der wunde Punkt bei uns ist also: immer noch zu wenig Diversität. Nebenbei gesagt schreibt Özlem Topcu bei uns auch über Mode- und Stilfragen, beispielsweise.

kress.de: Täuscht das oder haben Sie eine starke Abneigung gegen die "FAS"?

Bernd Ulrich: Ich freue mich auf die "FAS" jeden Sonntag fast so sehr wie auf mein Frühstücksei.

kress.de: Sie mögen auch Eier?

Bernd Ulrich: Ich liebe sie, sonst würde ich sie nicht essen.

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