Journalistin ausgesperrt: Erneute Maßnahmen des TSV 1860 München alarmieren BJV

 

Mit einem Eklat auf der Pressekonferenz am Freitag sorgt 1860 München abermals für Aufsehen und ruft den Bayerischen Journalisten-Verband (BJV) auf den Plan. Seit Monaten ist das Verhältnis des abstiegsbedrohten Zweitligisten und der Presse zerrüttet. Der Verein lässt kaum eine Möglichkeit ungenutzt, kritische Journalisten auszusperren.

Im November veranstaltete der Club einen Medienboykott und sprach daraufhin ein Hausverbot für alle Journalisten aus. Spieler und Funktionäre durften für einige Tage keinerlei Kontakt mit Pressevertretern aufnehmen. Im Januar folgte der nächste Schritt: der "Bild", der "tz" und dem "Münchener Merkur" wurden die Dauerakkreditierungen für die Heimspiele des Vereins in der Münchener Allianz Arena entzogen. "Wir haben uns für diesen Schritt entschieden, da wir aufgrund der Berichterstattung in den letzten Wochen und Monaten derzeit keine Basis für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit sehen", lautete die Begründung der Vereinsführung.

Nun erneuter Ärger: auf der Pressekonferenz am Freitag wurde versucht, "Bild"-Reporterin Kristina Ellwanger mundtot zu machen. Die Journalistin hatte zuvor über die Ausbootung des Löwen-Profis Karim Matmour recherchiert und über den internen Streit berichtet, in dem der Spieler nach "Bild"-Informationen anwaltlich gegen den Verein vorgeht. Ellwanger wurde daraufhin auch die Tagesakkreditierung für das heutige Heimspiel gegen den FC St. Pauli entzogen.

"Warum haben Sie Angst vor der Presse?"

Als die Reporterin Trainer Vitor Pereira auf der Pressekonferenz eine Frage stellt, fährt 1860-Pressesprecherin Lil Zercher dazwischen: "Wir werden Deine Fragen nicht beantworten." Auch Frank Schneider, stellvertretender Sportchef der "Bild Süd", erhält auf seine Frage "wieso haben Sie Angst vor der Presse?" keine Antwort. "Die Kollegin Ellwanger hat in den letzten Wochen Geschichten recherchiert, die dem Verein missfallen haben und daraufhin möchte der Verein die Journalistin, wie eben erlebt, mundtot machen. Ich bin sehr befremdet, wie der TSV 1860 München mit den Journalisten in letzter Zeit umgeht und versucht, Fragen zu verbieten", echauffiert sich Schneider und verlässt mit seiner Kollegin die Pressekonferenz.

Trotz mehrfachen Drängens der "Bild"-Reporter wurde keine ihrer Fragen für den portugiesischen Trainer Vitor Pereira übersetzt - dem blieb nichts anderes übrig, als verdutzt in die Gesichter der Journalisten zu blicken.

Bayerischer Journalisten-Verband: Maßnahmen nicht mit Grundrecht auf freie Berichterstattung vereinbar

BJV-Geschäftsführerin Jutta Müller äußerte sich noch am Freitag in einer Stellungnahme: "Der Verein missbraucht das Hausrecht dafür, missliebige Berichterstattung zu unterbinden." Der BJV fordert den Verein auf, "die Restriktionen gegen einzelne Medienvertreter unverzüglich aufzuheben und allen Medienvertretern ohne Unterschied Zugang zum Bundesligaspiel gegen den FC St. Pauli zu gewähren." In der Stellungnahme heißt es weiter: "Die Behinderung von unabhängiger Berichterstattung und der Versuch, einzelne Journalistinnen und Journalisten für kritische Beiträge über den Verein dadurch abzustrafen, dass ihnen der Zugang zu Spielen verwehrt wird, ist mit dem Grundrecht auf freie Berichterstattung unvereinbar."

Bereits im Januar hatte sich BJV-Vorsitzender Michael Busch über "schikanöse Maßnahmen" beschwert. Als Reaktion auf das Aussperren unliebsamer Journalisten sagte er damals: "Bereinigen Sie bitte in Gesprächen die entstandenen Unstimmigkeiten und benennen Sie die Ihrer Meinung nach ungerechtfertigte oder falsche Berichterstattung. Verzichten Sie aber vor allem auf solche willkürlichen Maßnahmen, die letztlich auch dem Ansehen Ihres Vereines in der Öffentlichkeit schaden." Sollte der Verein weiterhin an seiner Haltung festhalten und Medienvertreter einzelner Medien nicht zu den Bundesligaspielen zulassen, appelliert der BJV "an die Solidarität der Presse, eine Berichterstattung insgesamt zu boykottieren."

In einem knapp dreiminütigen Videomitschnitt der "tz" ist der Eklat auf der Pressekonferenz zu sehen. Während der Diskussion wurde die Liveübertragung im Internet vom Verein abgeschaltet. In den Sozialen Medien wird über das Verhalten des Vereins heftig diskutiert.

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