Werbung verbieten? Heftiger Streit um "Chrismon"-Artikel

 

Es gibt Streit um einen Artikel in der monatlich erscheinenden Zeitschrift der evangelischen Kirche "Chrismon", in der auch Freie Journalisten und Experten schreiben - etwa der streitbare Aalener Professor Christian Kreiß, der seit Jahren gegen Werbung wettert, zuletzt auch prominent in "Chrismon". Der Deutsche Dialogmarketing-Verband hat der Redaktion daraufhin einen geharnischten Brief geschrieben. Beide Seiten präzisieren gegenüber kress.de ihre Positionen.

Viele Menschen kennen "Chrismon" als Beilage etwa von "Zeit", "FAZ" und "Süddeutscher Zeitung". Das modern aufgemachte Magazin unter der Leitung von Chefredakteur Arnd Brummer hat auch viele nicht-christliche Leser und besticht durch seine Themenmischung Gesellschaft, Kultur, Religion und Politik. Kritische Themen werden dabei nicht ausgespart - auch wenn es, wie jetzt, Gegenwind gibt.

Um diese zwei Artikel des Ökonomen Kreiß geht es:

(1)

"Die Sünden des Kapitalismus - Profitgier, Egoismus und Halbwahrheiten regeln den Markt. Eine lutherische Wirtschaftsethik ist wichtiger denn je, findet der ehemalige Investmentbanker Christian Kreiß"

Hauptthese: "Es wäre für uns heute sehr viel besser, die Empfehlungen Luthers zu beherzigen als die der modernen Wirtschaftswissenschaften." Und zum Thema Werbung: "Aus Konzernsicht sollen diejenigen Produkte verkauft werden, die für die Gewinne die besten sind. Das sind aber nicht zwingend jene Produkte, die für die Verbraucher die besten sind. Häufig ist das Gegenteil der Fall."

(2)

"Werbung - nein danke: Zehn Thesen: Der Ökonom Christian Kreiß kritisiert in seinem neuen Buch die Werbung. Für chrismon.de hat er zehn Thesen und eine christliche Kernthese gegen Werbung formuliert"

Hauptthese: "Durch das große Maß an Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit, Lügenhaftigkeit und die häufige Respektlosigkeit unterminiert kommerzielle Werbung ab der frühesten Kindheit religiöse Grundtugenden und schadet daher dem Christentum."

Kreiß hatte diese Thesen zuletzt auch in einem Buch näher ausgeführt: Christian Kreiß, "Werbung - Nein danke. Warum wir ohne Werbung viel besser leben könnten", ISBN: 978-3958900592, 352 Seiten, 24,90 Euro, Europa Verlag

Der Deutscher Dialogmarketing Verband hält dagegen

Nach den Veröffentlichungen hat der Deutsche Dialogmarketing Verband in einem Brief an die "Chrismon"-Chefredaktion die Thesen von Kreiß hart kritisiert. Für Kreiß ist das ein Versuch, künftig kritische Artikel zu unterbinden und Journalisten einzuschüchtern.

Der Verband bestreitet nicht, dass man Kreiß hart kritisiert habe. Ihr Präsident Patrick Tapp erklärt das gegenüber kress.de:

"Das Fehlen von Werbung würde zu völlig intransparenten Märkten und einer Desinformation von Verbrauchern führen. So etwas mag es in einem totalitären Staat geben, aber nicht in einer freien offenen demokratischen Gesellschaft. Aus den genannten Gründen sah sich der DDV veranlasst, den Artikel von Herrn Kreiß scharf zu kritisieren und zurückzuweisen."

Aber sollte ein Verband Briefe an Redaktionen richten?

"Als Deutscher Dialogmarketing Verband sehen wir es grundsätzlich als unsere Pflicht, unsere Meinung zu politischen, werberechtlichen aber auch gesellschaftspolitischen Themen zu äußern, insbesondere dann, wenn die dort vertretene Ansicht sich nicht mit den Pros und Contras auf fachlicher Ebene auseinander setzt, sondern ein einseitiges Bild stilisiert, das in keinster Weise unserer Überzeugung entspricht."

Damit hat Tapp recht - in den Thesen von Christian Kreiß finden sich kein Pro und Contra - hier gibt es nur Contra gegen Werbung, und das sehr pointiert, vielleicht etwas apodiktisch.

Wie wichtig ist Werbung für die Medien?

Die allermeisten Medien sind auf Werbeeinnahmen angewiesen, selbst ARD und ZDF wollen darauf nicht verzichten.

Jedes Jahr wird in Deutschland rund 25 Milliarden Euro in Medienwerbung investiert. Davon fließen 15 Milliarden Euro den Medien direkt zu, darunter:

- Fernsehen: 4,1 Milliarden

- Tageszeitungen: 2,9 Milliarden

- Anzeigenblätter: 1,9 Milliarden

- Publikumszeitschriften: 1,2 Milliarden

- Hörfunk: 750 Millionen.

Daher erstaunt es den Deutscher Dialogmarketing Verband, dass "eine Diskussion über Werbung in Medien aufflammt, die selbst von Werbung und Anzeigen profitieren." Allerdings ist genau das eine Aufgabe von Medien - auch darüber zu berichten, was sie selbst betrifft.

Werbung sichert rund 1 Million Arbeitsplätze in Deutschland. Kreiß sagt, diese Arbeit sei oft nicht sinnvoll - aber: Wer entscheidet das? Der Anteil der kommerziellen Werbung am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland beträgt 1,4 Prozent, das ist mehr als die Papierindustrie und nur geringfügig weniger als die Pharmazeutische Industrie.

Welche Reaktionen gibt es noch auf die Chrismon-Artikel?

Christian Kreiß berichtet von kritischen Leserbriefen.

"Von einem Leserbriefschreiber, einem Anwalt, wurde mir unterstellt, meine Aussagen kämen aus Kreisen der AfD. Die vertritt meines Wissens aber auf wirtschaftlichem Gebiet genau gegenteilige Positionen. Das war eine rein bösartige Unterstellung, eine Drohung mir der Rechte-Ecke-Keule, um nicht mehr argumentieren zu müssen."

Ein anderer Leserbrief unterstellte Kreiß indirekt, er wolle Planwirtschaft. "Chrismon" hat diese Leserbriefe nicht veröffentlicht.

Kreiß Fazit: "Man versucht, mich zu diskreditieren, indem man die Aussagen in extreme Ecken stellt, play the man, not the ball."

Im Online-Forum von "Chrismon" gibt es für seine Thesen Lob und Kritik. Bösartige Unterstellungen tauchen dort nicht auf, stattdessen Reaktionen wie:

"Freiheit ist eben nicht immer nur Gewissheit des Guten und Sicherheit; Freiheit ist auch die Tür für das Schlechte, das Böse und für Gewalt. Der Preis für die Freiheit ist Ungewissheit. Und Werbung die lügt und betrügt! Trotzdem: es lebe die Freiheit!"

Ihre Kommentare
Kopf

Thomas Lüders

07.03.2017
!

Natürlich hat Prof. Kreiß Recht!
Kein Christ - überhaupt kein Mensch - braucht Werbung. Werbung nützt nur denen, die etwas verkaufen wollen - aber niemals denen, die etwas kaufen sollen.
Und das Zitat vom Präsidenten "Deutscher Dialogmarketing Verband", Patrick Tapp,
"Das Fehlen von Werbung würde zu völlig intransparenten Märkten und einer Desinformation von Verbrauchern führen", ist leider falsch! Anders herum ist es richtig: Werbung verblödet und belügt die Verbraucher!


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