Vom Ruhekissen der vierten Gewalt: PR und Journalismus

 

"JOURNALISMUS!" Der Zaun zwischen Lesern und Journalisten wird höher, wie eine neue Allensbach-Umfrage belegt. "Diese Lügenpresse lügt halt in alle Richtungen", dieser Aussage stimmt eine Mehrheit zu oder hält sie zumindest für akzeptabel. Paul-Josef Raue beschreibt in seiner Kolumne einen Zaun auch innerhalb des Journalismus.

Sind Pressesprecher, Lobbyisten und PR-Mitarbeiter überhaupt Journalisten? Die Frage stellen Gewerkschaften schon lange nicht mehr: Die Mehrheit der Mitglieder sitzt in Presse- und Medienbüros, in Rathäusern, Ministerien und Unternehmen und nicht mehr in Redaktionen. Aber sind sie wirklich Journalisten? Der Begriff ist nicht geschützt, jeder kann sich Journalist nennen, auch wenn er nur einen Blog füttert, den außer ihm noch fünf Rentner lesen.

Jeder weiß, was ein Redakteur leistet. Dagegen ist das Berufsbild eines PR-Journalisten schwammig. In einem Stellenangebot suchte ein Oberbürgermeister einen Diplom-Journalisten als Pressesprecher: Er soll Pressemitteilungen und PR-Texte schreiben, Grußworte und Reden für den Oberbürgermeister, und er soll die City-Light-Plakatierung der Landeshauptstadt planen, von der Themenauswahl über die Ausschreibung bis zum Druck.

Wenn sich Chefredakteure von Zeitungen treffen, stöhnen sie über Öffentlichkeitsarbeiter, über PR und Schleichwerbung: Vor zwanzig Jahren litten sie unter der Recherche-Unlust ihrer Redakteure, vor allem in den Lokalredaktionen, die Texte aus den Propaganda-Abteilungen des Rathauses oder der Unternehmen abdruckten, meist unverändert; heute leiden sie unter den Abwerbe-Versuchen aus den Pressestellen und der Abwanderung ihrer Redakteure in die lukrativen PR-Jobs.

Wer einen Konzern oder ein großes Unternehmen in seinem Verbreitungsgebiet hat, der muss immer öfter seine besten Redakteure ziehen lassen: Das Gehalt ist höher, die Arbeitszeit geregelt, und die Sozialleistungen sind besser. Dagegen sind viele Stellen in den Redaktionen nicht mehr sicher. Der Chefredakteur, der bei einem Abwanderer an die Leidenschaft appelliert, erntet einen mitleidigen Blick, erst recht wenn dem Abwanderer eine Abfindung winkt, falls er freiwillig geht. So werden Zeitungsredaktionen zur Ausbildungs- und Karriere-Basis für PR-Abteilungen.

Auch wenn immer mehr gut ausgebildete Redakteure in die PR wechseln, rümpfen die meisten fest angestellten Redakteure die Nase, wenn sich Pressesprecher oder PR-Leute Journalisten nennen. Klaus Kocks, der letzte VW-Sprecher mit Vorstandsrang, ärgert sich über solche Redakteure, "die sich auf dem Ruhekissen der vierten Gewalt räkeln" und spottet über die "Speichelleckerei gegenüber Lobbying, über die Bequemlichkeit, mit der einige nachbeten, was andere vorsetzen".

Wer bei "newsroom.de" in die Stellenangebote schaut, entdeckt nur noch wenige Redakteurs-Stellen in Zeitungen.  "Der Public Relations-Sektor wächst, der Journalismus schrumpft; Öffentlichkeitsarbeit wird vom Journalismus unabhängiger", stellt der Journalistik-Professor Stephan Ruß-Mohl fest, beklagt eine zunehmende Abhängigkeit und mahnt: "Eine sehr gefährlich Dynamik."

Der Professor trennt scharf: Hier Journalismus - und auf der anderen Seite PR, die folglich kein Journalismus ist. Was unterscheidet also, wenn überhaupt, Journalismus von PR?

Erst einmal: nichts. Beide nutzen die Sprache; sie schreiben so, dass ihre Leser sie verstehen; sie buhlen um Aufmerksamkeit; sie verführen mit Bildern und Grafiken; und sie schreiben für einen Auftraggeber, ob es ein Referatsleiter im Ministerium ist oder Millionen lesend hinter der "Bildzeitung" . Die Sprache beherrschen müssen alle, die von Menschen und für Menschen schreiben. Und die Regeln der Verständlichkeit gelten für einen Bericht über die Bundestags-Sitzung ebenso wie für einen PR-Artikel über neue Produkte.

Wer die Regeln der Verständlichkeit missachtet, hat die Aufmerksamkeit der Leser schon verloren - ob er Pressesprecher ist oder Ressortleiter, ob er in einem Ministerium sitzt oder in einer Magazin-Redaktion. Doch Verständlichkeit allein reicht nicht. Die Menschen werden zugeschüttet mit Texten, dazu kommen stündlich Nachrichten im Radio und jederzeit Informationen im Internet. Wer die Menschen noch erreichen will, muss attraktive, mühelos zu lesende Texte bieten, ob als Redakteur oder PR-Mitarbeiter.

Und jeder, der schreibt, wird von einem bezahlt, für den er schreibt. Für den Pressesprecher ist es sein Chef, der meist eitel ist, oder der Referatsleiter im Ministerium, der seine Bürokratensprache schätzt, oder die Marketing-Chefin, die ungenießbare Adjektive verlangt.

Redakteure schreiben für den Chefredakteur oder Verleger, Feuilleton-Redakteure für Intendanten und Dirigenten, deren Beachtung sie suchen und finden; im besten Fall schreiben Redakteure für die Leser, für Tausende und Zigtausende, die eine Zeitung abonnieren oder kaufen.

Man mag den Redakteur mehr achten, der für Tausende schreibt, als den Lobbyisten, aber im luftleeren Raum schreibt keiner. Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler, mag eine zynische Boulevard-Weisheit sein, aber sie stellt klar: Thema oder Richtung, Sprache oder Ansprache - bestimmt in der Regel der, der bezahlt, ob es die Bürger sind oder der Bürgermeister.

Doch es gibt, bei vielen Gemeinsamkeiten,  eine klare Grenze: Sie verläuft zwischen unabhängiger Information auf der einen Seite und Verlautbarung wie Propaganda auf der anderen Seite. Der unabhängige Redakteur ist eigentlich nur einem Auftraggeber verpflichtet: Den Bürgern, denen er die notwendigen Informationen zu beschaffen hat, damit sie ihre Macht in der Demokratie ausüben können.

Wenn Leser ihre Unabhängigkeit bezweifeln, dann reagieren Redakteure, die leidenschaftlichen jedenfalls, verärgert. Wenn Leser sie zu besseren Pressesprechern degradieren, sind sie erbost. Henning Noske, der Lokalchef der "Braunschweiger Zeitung", schrieb vor wenigen Tagen in seiner Kolumne "Offen gesagt":

"Kürzlich las ich in einem unserer Internet-Kommentarforen: 'Herr Noske macht seinem Ruf als Pressesprecher der BISS wieder alle Ehre.' Die BISS, das ist die ,Bürgerinitiative Strahlenschutz' im Braunschweiger Norden. Zu viel der Ehre, liebe Kommentatoren. Denn wenn einer Pressesprecher wird, muss er sich aus der Redaktion verabschieden. Pressesprecher ist ein ehrenwerter Beruf, den viele Journalisten einschlagen und klasse ausüben. Klar ist allerdings auch: Sie verbreiten Informationen und Wahrheiten, die im Interesse ihres Unternehmens oder ihrer Organisation liegen. Die Zeitung - gedruckt oder online - leistet sich ein Leser, der unabhängig und unvoreingenommen informiert werden will."

Die Pressefreiheit, die unsere Verfassung garantiert, gilt eben nicht für Pressesprecher und Lobbyisten, auch wenn sie mitunter meinen, Parteien und  Politiker, für die sie arbeiten, würden sie verleihen und garantieren - und auch einschränken, wenn es sein muss.

Sabine Adler ging vom Deutschlandfunk zu "Presse und Kommunikation des Bundestags" und wurde Sprecherin von Norbert Lammert. Für sie war es ein Berufswechsel - "etwas vollkommen anderes", sagte sie in einem "Zapp"-Beitrag. "Man wird mundtot gemacht; ich fand das furchtbar." Sabine Adler verlor auch die Achtung vor einigen Korrespondenten, die wider besseren Wissens in ihren Artikel einfach gelogen haben.

Nach knapp einem Jahr ging sie zum Deutschlandradio zurück.  "Man büßt doch ein hohes Maß an Freiheit ein. Ich habe für mich herausgefunden: Mir fehlt dieses dienende Gen."

Die Pressefreiheit, die unabhängige Journalisten genießen, ist nicht ihre Freiheit, es ist die Freiheit der Bürger. Sie leihen den Journalisten die Macht, für sie alle Informationen zu sammeln, und verbinden sie mit der Verpflichtung, wichtige Informationen sofort an sie weiterzugeben. Der Journalist handelt also für seinen Auftraggeber - wie ein Treuhänder.

Zeitungen sind ein Markenartikel, sogar der Markenartikel der Demokratie. Die meisten Verlage, Chefredakteure und Redakteure schätzen die Unabhängigkeit. Um sich vor den Nachstellungen der Politiker zu schützen, die gerne die Presse kontrollierten, einigten sich  Redakteure und Verleger schon in den siebziger Jahren auf den "Pressekodex" und übergaben ihn dem Bundespräsidenten.

Der Presserat als freiwillige Selbstkontrolle überwacht die Einhaltung der Regeln; jeder Bürger kann sich beschweren. Fast zweitausend wandten sich im vergangenen Jahr an den Presserat, rund dreihundert Mal bekamen die Leser Recht, weil Redaktionen gegen die journalistische Sorgfaltspflicht verstoßen, die Persönlichkeitsrechte oder den Opferschutz verletzt oder auch Schleichwerbung betrieben hatten.

Einige Verlage entwickelten sogar eigene Richtlinien, die den Pressekodex ergänzen wie etwa die "Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit beim Axel Springer Verlag". Andere, allerdings nicht einmal ein Dutzend, bieten ihren Lesern einen Ombudsmann an, der Beschwerden recherchiert und ins Blatt bringt.

Sind PR-Leute und Pressesprecher keine Journalisten? Nein, die Grenze verläuft zwischen der Presse im Sinne des Grundgesetzes und Lobbyisten, die einem Gewerbe nachgehen; die einen, die Treuhänder der Bürger, genießen den Schutz der Verfassung, die anderen genießen allein das Vertrauen ihrer Auftraggeber, deren Interessen sie vertreten.

Beide verpflichten sich, wie es sich in einer Demokratie gehört, zur Wahrheit, die einen mehr, die anderen weniger; beide ringen um die Aufmerksamkeit der Bürger; beide nutzen die Sprache, wollen gelesen werden, elegant und verständlich schreiben - und wenn es ihnen nicht gelingt, sollten sie es lernen. Und sonst?

Klaus Kocks, der PR-Mann "mit heiligem Zorn", fragte Zeitungs-, Magazin- und TV-Redakteure, die ihn zu einem Kongress eingeladen hatten: Was ist Euer Problem? Und er antwortete: Ihr seid das Problem!

Das Problem sind die Redakteure, die nicht recherchieren und den Dingen auf den Grund gehen, das Problem sind ökonomisch ausgehöhlte Redaktionen und der erhöhte Konkurrenzdruck. Das sagte Kocks vor knapp zehn Jahren. Danach ist es nicht besser geworden: Viele Redaktionen sind noch kleiner geworden, viele Pressestellen noch größer, so dass in einer Stadt oder Region in der Regel mehr PR-Leute arbeiten als Zeitungsredakteure. Dass es auch eine Renaissance der Recherche gibt, dass es die "Süddeutsche" gibt und "Correctiv" und ein paar wenige mehr, lässt hoffen für die Gesellschaft und die Demokratie.

Dann, und nur dann wird aus der Mehrheit, die von der Lügenpresse spricht, wieder eine Minderheit.

Quellen:

Allensbach-Umfrage: FAZ, 22. Februar 2017, Seite 10

Noske-Zitat: Braunschweiger Zeitung vom 23. Februar 2017, Lokalteil Braunschweig, Seite 16

Kocks-Zitate: "In der Lobby brennt noch Licht", nr-Werkstatt 12, Seite 38-40

Zapp "Seitenwechsler: Journalisten als Pressesprecher" (22. Februar 2017, Autor: Daniel Bouhs)

Der Autor

Paul-Josef Raue war selber einige Jahre lang Ombudsmann, war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen.

Ihre Kommentare
Kopf

Wilfried

09.03.2017
!

Sehr geehrter Herr Raue,
Ihr Artikel ist grundsätzlich zutreffend. Aber mit der Erwähnung der Süddeutschen und von Correktiv als Hoffnungsträger machen Sie wahrlich den Bock zum Gärtner.


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