Springer-Chef Mathias Döpfner: "Wir brauchen keine verschüchterten Journalisten"

 

Als Nachfolger von Kai Diekmann hat Julian Reichelt von Anfang an klar gemacht, dass es mit ihm keinen Schmusekurs geben wird. Reichelt steht für klare Worte, er legt auch gerne öffentlich den Finger in die Wunde. Dass er dabei die volle Unterstützung der Führung von Axel Springer hat, ist bekannt. Nicht jedoch so sehr, dass es Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner persönlich ist, der seinen Journalisten mehr Deutlichkeit verordnet.

Reichelt steht für einen neuen Stil. Während Amtsvorgänger Kai Diekmann (fast) nie Einladungen zu Talkshows angenommen hat, vor Jahren sogar eine fest eingeplante SWR-Dokumentation absagte, steigt Reichelt gerne in den Ring (und holt sich auch mal eine blutige Nase). Zwei große Veränderungen machen den Paradigmenwechsel im Hause Springer besonders deutlich: Die Überbetonung, dass Fehler jetzt auch korrigiert werden im Blatt, und die Verpflichtung des früheren Deutschlandfunk-Intendanten Ernst Elitz als Ombudsmann.

Wenn am Donnerstag Axel Springer nach Berlin bittet, um über das vergangene Geschäftsjahr zu sprechen, wird auch Döpfner wieder betonen, welch wichtige Rolle Journalismus in seinem Hause einnimmt. Döpfner, der natürlich weiß, dass er Wachstum für das Medienhaus im Mehrheitsbesitz von Friede Springer vor allem durch Zukäufe erreichen wird, sieht den Journalismus in besonderer Verantwortung.

"Ich habe das Gefühl, im Moment wackeln so ein paar Grundarchitekturen unserer rechtsstaatlichen und demokratischen Grundordnung. Und wir haben eine besondere Verantwortung, die Sensibilität walten zu lassen, um mit diesen Dingen differenziert umzugehen und bestimmte Verschiebungen nicht zuzulassen", sagte Döpfner kürzlich in Berlin vor Deutschlands wichtigsten Grossisten.

Döpfner ist überzeugt, dass Zeitungen heute wichtige denn je sind, aus seiner Sicht sogar essenziell für die demokratische Gesellschaft: "Wir müssen mit diesem Bewusstsein und mit diesem Selbstbewusstsein unsere Rolle verteidigen", ermahnt er.

Dabei weist der Springer-Chef, der lange Zeit selbst als Journalist tätig war, auf zwei Phänomene hin, um seinen Punkt zu unterstreichen - Donald Trump und die rechtspopulistische AfD.

"Wenn Trump jetzt erklärt, dass er im Krieg mit den Medien ist, dann ist das natürlich eine neue Qualität. Nicht nur, was die Gewaltrhetorik, die Kriegsrhetorik des amerikanischen Präsidenten betrifft, sondern auch was die Pauschalität betrifft", so Döpfner. "Die Medien" oder "die Journalisten", und wenn es Politiker wie Donald Trump auch immer wiederholen würden, gebe es schlichtweg nicht, so Döpfner. Auf sein Haus bedeutet das, klare Sache: "Es gibt die Springer-Zeitung nicht, und die Meinung von Springer gibt es erst recht nicht. Und es gibt nicht mal die Meinung von "Bild", und nicht mal die Meinung von der "Welt". Selbst da gibt es erheblichen Binnendualismus, selbst da gibt es größte Unterschiede, und zwar Gott sei Dank", so Döpfner.

Für ihn ist es auch eine neue Dimension, wenn die AFD wie in Koblenz erklärt, sie würde nach subjektiven Kriterien manche Journalisten zu bestimmten Veranstaltungen nicht mehr einladen. Darf sie das überhaupt, Medien ausschließen? Döpfner glaubt, dass darüber dringend diskutiert werden muss. Wenn jemand "Gelder, Wahlkampfhilfen, öffentliche Zuschüsse nimmt, Parteienfinanzierungen für sich in Anspruch nimmt", müsse darüber gesprochen werden, ob er da nicht auch eine Verpflichtung hat, die Presse, die Medien, die Journalisten, die über die Veranstaltung berichten wollen, die eine öffentliche Aufgabe wahrnehmen, auch entsprechend zuzulassen.

Nichts für schüchterne Menschen

Aber wie stellt sich Mathias Döpfner den Journalismus in seinem Haus nun konkret vor? Erstens: Journalismus ist nichts für schüchterne Menschen. Döpfner: "Verschüchterte Zeitungsjournalisten, verschüchterte Verlage die sagen, im Grunde will unsere Sachen ja sowieso keiner, und deswegen liefern wir es euch lieber kostenlos, online und überhaupt, das ist komplett unattraktiv. So wird es nicht funktionieren", warnt Döpfner. Sondern: "Wir brauchen selbstbewusste Journalisten, selbstbewusste Verlage und selbstbewusste Vertriebspartner für die Verlage. Und wir brauchen gleichzeitig natürlich auch eine gewisse Demut und Bodenständigkeit."

Vorbild Michelle Obama

Döpfner leiht sich in seiner Vorstellung über den neuen Journalismus einen Satz bei der früheren First Lady der USA, Michelle Obama, aus: "If they go low, we go high". In der Diskussion mit Kritikerin dürfe man sich nicht auf das gleiche Niveau ziehen lassen, "nicht mit der gleichen Aggressivität oder Pauschalität" urteilen.

Döpfner spricht von "Medieneliten"

Was aber auch nicht funktioniere: "Ich glaube, dass die Tendenz, die man in vielen politischen Eliten, in vielen Wirtschaftseliten und leider auch in immer mehr Medieneliten beobachten kann, dass wir alles immer so vorsichtig und so korrekt und so brav und so unangreifbar wie möglich ausdrücken, dazu führt, dass unser Publikum Schritt für Schritt Interesse an uns verliert oder uns eben einfach auch nicht mehr glaubt", sagt Mathias Döpfner.

Döpfner warnt davor, eigene Wünsche in den Vordergrund zu rücken und die Realität außer Acht zu lassen: "Wenn man von Fake News redet, wenn man von Fehlberichterstattungen spricht, dann muss man auch mal ganz selbstkritisch zur Kenntnis nehmen, dass die gesamte europäische und amerikanische Presse sowohl den Brexit als auch den amerikanischen Wahlausgang komplett falsch prognostiziert hat, und im Übrigen sich auch anders gewünscht hat", so Döpfner. Journalisten müssten unterscheiden, was ist der persönliche Wunsch und was ist die Faktenbasis, wie ist die "Stimmung in der Bevölkerung"  - selbst beim "größten Feind", so Döpfner, müsse fair und souverän und ruhig berichtet werden.

Weniger Political Correctness, mehr Klartext

Daher hält Döpfner es für wünschenswert, "mit gesundem Menschenverstand, mit einem klaren Kompass, was unsere freiheitlichen Werte betrifft, insbesondere was die feinen Mechanismen von Demokratie und Rechtsstaat betrifft, und was die überragende Bedeutung von Menschenrechten betrifft", jeden Tag aufs Neue Journalismus zu machen.

Springer-Chef Döpfner ist überzeugt, dass Medien nicht mit Political Correctness, sondern mit mehr Klartext bei den Lesern, bei den Nutzern punkten können.

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