Die Fastenzeit der Journalisten: Entschleunigt Euch!

 

Die Paul-Josef Raue-Kolumne geht in sich: Die Fastenzeit, traditionell die Zeit vor Ostern, ist eine gute Zeit sich zu besinnen: Wie komme ich als Journalist aus dem Teufelskreis von zu-viel-Informationen, zu-viel-Smartphone und iPad, zu-viel-Mail, Tweet und WhatsApp heraus? Was gewinne ich, wenn ich das eine oder andere verliere? Komme ich mal wieder zu mir selbst?  

Journalisten wissen besser als andere Bürger: Wir sind überinformiert! Wir haben kaum mehr Zeit, zwischen wichtig und unwichtig zu scheiden; wir hecheln den Nachrichten hinterher, dass es eine Sucht wird. Wir Journalisten rechtfertigen noch die Hatz, die schlechten Stress erzeugt, die Seele ermatten lässt und Familie wie Freunde verstört: Es ist unser Job, wir müssen ständig auf dem Laufenden sein und reagieren.

Müssen wir das wirklich? Nahezu rund um die Uhr?

Im analogen Zeitalter fasteten die Menschen, indem sie auf Whiskey, Wein oder Schwarzwälder Kirschtorte verzichteten, auf Zigaretten oder Hasch. Im digitalen Zeitalter machen uns kleine Geräte, unentwegt eingeschaltet, das Leben schwerer als die Völlerei.

Ein Sonntag im Erfurter Dom: Der Prediger erinnert daran, dass die Wochen vor Ostern und Weihnachten früher als Fastenzeit galten. Er empfiehlt, der Tradition wieder zu folgen - durch zeitweiligen Verzicht auf Smartphone und Laptop: Die Push-Nachrichten ausstellen, die unentwegt aktuelle Top-Informationen senden, Nachrichten konzentriert verfolgen statt unentwegt auf Sendung zu sein, also mehr Ruhe und Zeit zum Nachdenken und Müßiggang.

"Entschleunigung" heißt das neue Wort; erfunden hat es wohl der in Leipzig geborene Psychologe Jürgen von Scheidt - erst vor vier Jahrzehnten, als sich unsere Welt immer schneller zu drehen schien. Das Gegenwort, die "Beschleunigung", ist um Jahrhunderte älter und war schon lange vor Auto und Flugzeug in unserer Alltagssprache angekommen.

Über Jahrhunderte schätzten die Menschen die Beschleunigung und kamen nicht auf die Idee, das Gegenteil zu denken oder ihm sogar ein Wort zu schenken. Sie ahnten auch nicht, wie sich der Mensch in der Beschleunigung selbst überholen wird - bis zur Veränderung der Körperhaltung: Millionen, vor allem in der Wisch-und-Klick-Generation, laufen mit gesenktem Kopf durch die Welt und schauen unentwegt auf den kleinen Bildschirm.

Schauen wir - zur Entschleunigung - in die Geschichte der Wörter: Vorläufer wie "schlaunen" oder "schleunen" waren noch zu Goethes Zeit geläufig; Gotthold Ephraim Lessing, der Meister der Aufklärung, nutzte es noch in seiner "Theatralischen Bibliothek": Dort fragt die Lehrerin ihre Schülerin Actrise:

"Wenn Sie von einem Menschen, den Sie zärtlich liebten, verlassen würden: Würden Sie nicht von einem lebhaften Schmerz durchdrungen sein?" Aber Actrise antwortet: "Ich würde auf das Schleunigste einen andern Liebhaber zu bekommen suchen."

So redet heute keiner mehr, erst recht keine junge Verliebte. Nur in der Amtssprache lesen wir "schleunig" noch in der Bedeutung von unverzüglich; der Duden gibt ein Beispiel und markiert es als "gehobenen Gebrauch": "Wir bitten um schleunigste Erledigung."

Schleunigste Entschleunigung fällt uns schwer. Fragen wir einen Journalisten, ob er sich als freier Mensch sieht, kommt sein "Ja" schnell und bestimmt. Doch zur Freiheit gehört die Wahl: Ich kann selber entscheiden, was ich wann tue - und dazu gehört die Freiheit, über die beste Wahl nachzudenken.

Brauche ich alle Information jederzeit? Oder reichen einige Stunden am Tag? Kann ich sogar einen Tag lang verzichten? Und welche Informationen brauche ich unbedingt? Wieviel Überraschung plane ich ein?

Manager geben viel Geld aus, um der digitalen Völlerei zu entsagen: Philosophen lehren - für ein paar tausend Euro - die Kunst der Askese, gerne auch in einem Kloster. Schon im zweiten Jahrhundert boten Berufsphilosophen ihre Dienste an wie etwa Klemens von Alexandrien, der seinen Kunden klar machte: "Wir sind Gebieter über uns und nicht Sklaven; wer das auskömmliche Maß überschreitet, macht die Seele träge und den Körper krank."

Der Lehrer der Askese wusste, dass man den zahlenden Kunden etwas bieten muss und seien es drastische Belehrungen: "Leute in ihrer Gefräßigkeit sind Schweinen oder Hunden ähnlicher als Menschen, da sie sich so rasch sättigen wollen, dass beide Backen zugleich sich herauswölben und die Adern im Gesicht anschwellen. Zugleich strömt der Schweiß an ihnen herunter, weil sie von ihrer Unersättlichkeit geplagt werden."

Man muss kein gläubiger Mensch sein, um zu fasten. Der Prediger im Erfurter Dom fand im großen Geschichtenbuch des Abend- und Morgenlands, fand in der Bibel einen Spruch von Jesus, der seinen Freunde am Ölberg in Jerusalem den guten Rat gab: "Seht zu, dass Euch nicht jemand verführe. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei: Seht zu und erschreckt nicht. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort."

Der Rat ist auch zweitausend Jahre später von Gewinn: Lasst Euch nicht verführen! Ihr erfahrt alles früh genug! Und NSA, CIA und andere mehr, die gerne in Handys von Journalisten spionieren, haben keine Chance mehr, wenn alles ausgeschaltet ist.

Der Autor

Paul-Josef Raue kennt das Thema: Er fastete, schrieb darüber ein Tagebuch und gewann vor zehn Jahr für seine Reportage "Die Entdeckung des langsamen Lebens" den zweiten Journalistenpreis des Vereins "Andere Zeiten". Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen.

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