"Wahnsinnig viel reden": Wie es in den Redaktionsräumen der neuen Berliner Newsroom GmbH zugeht

 

Seit November 2016 ist die Berliner Newsroom GmbH offizielle Produzentin der "Berliner Zeitung" und des "Berliner Kurier", seit Ende Februar arbeiten die Redaktionen vollständig unter einem Dach; eng verzahnt, doch mit eigenständigen Profilen. Wie geht es in den neuen Redaktionsräumen in der Alten Jacobstraße zu? Kress traf Jochen Arntz, Chefredakteur der "Berliner Zeitung" und Thilo Knott, Chefredakteur Digital des Berliner Verlags, für ein erstes Fazit. 

Im November 2016 begann die Umstrukturierung der Redaktionen, Mitte Februar 2017 ist mit der Dreierspitze (komplettiert durch Elmar Jehn, Chefredakteur "Berliner Kuriers") auch die Chefetage in die neuen Räume gezogen. Es läuft gut: "Es war wirklich erstaunlich zu sehen, wie schnell sich ein Teamgeist gebildet hat", erzählt Jochen Arntz.

Dass dieser Teamgeist auch die Digitalredaktion einschließt, freut Thilo Knott besonders. "Wir achten natürlich sehr darauf, dass sowohl 'Berliner Zeitung', als auch 'Berliner Kurier' ihren Markencharakter behalten, da muss man schauen, wo es Sinn ergibt, die Kanäle zu trennen und wo es Sinn macht, zusammenzuarbeiten." Gerade der Digitalbereich ist ein Bereich, in dem sich die Bündelung der Energien bemerkbar macht. 

Schmalere Redaktion, erweitertes Blickfeld

Früher waren "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" zwei Einheiten unter einem Dach - ein Informationsaustausch fand im Prinzip nicht statt. Mit der kompletten Neuaufstellung einer einzigen Redaktion, die im Verlag für viele Tränen und für viel Unruhe gesorgt haben, entstanden allerdings erstmals Verknüpfungen, die zu einem erweiterten Blickfeld führten, sind sich die Chefredakteure einig. Waren vorher etwa 195 Personen für die beiden Zeitungen und ihre Online-Ausgaben zuständig, bespielt die nun 145 Köpfe starke Redaktion sechs verschiedene Kanäle - die Printausgaben, die Online-Portale und die sozialen Netzwerke. Unterschiedliche Sounds sollen dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Marken nicht verwaschen. Wer das erreichen will, muss viel in die Redaktion investieren, in Schulungen, in Workshops, damit auf den unterschiedlichen Kanälen die Ansprache der Leser und Nutzer tatsächlich gelingt.

Der Traum der 1990er Jahre, die "Berliner Zeitung" zur "Washington Post" Deutschlands zu machen, ist ausgeträumt. Arntz: "Den Claim hat die 'Berliner Zeitung' selbst übrigens nie so rausgebracht, auch wenn er unserem ehemaligen Herausgeber Erich Böhme gefallen hat. Wir wollen einfach eine gute Zeitung in und für Berlin sein. Die Berliner Zeitung Berlins, das ist ein Claim!" 

"Wir haben eine Leserschaft, die im Prinzip überhaupt keine Schnittmengen hat"

Die schwerpunktmäßige Verortung beider Zeitungen im Osten der Stadt ist nach wie vor deutlich, obwohl die Zielgruppe nicht per se "ostdeutsch" sei, wie Knott betont. "Das Gefühl der Stadt ist kein Ost-West-Gefühl mehr, sondern ist, wie fast alles hier, immer in Bewegung. Aber wir wissen, wo unsere Homebase liegt." Folgerichtig würde man eine Serie über Stadtbezirke nie mit einem Westkiez beginnen und folgerichtig geht es darum, den Menschen vermehrt regionalen Nährwert zu geben.

"Wir haben da eine Situation, die eigentlich für uns ideal und eine Chance ist", subsumiert Knott. "Wir haben eine Leserschaft, die im Prinzip überhaupt keine Schnittmengen hat. Die Überschneidung von Abonnenten, die 'Berliner Zeitung' und den 'Berliner Kurier' beziehen, liegt bei drei Prozent, und das sind wahrscheinlich Institutionen. Und nur acht bis zehn Prozent der Abonnenten gehen auch auf die Websites. Das heißt, wir haben eigentlich vier Leserschaften. Das ist eigentlich eine Idealsituation."

SEO-Manager, Datenjournalisten: neue Digital-Kompetenzen

Über welche Kanäle sie ihre Leserinnen und Leser erreichen, ist für die Chefredakteure zweitrangig: Hauptsache, sie erreichen sie. "Digital und Print gegeneinander auszuspielen, ergibt wenig Sinn", findet Knott. "Natürlich muss eine Printzeitung eine Geschichte anders erzählen, weil die Möglichkeiten des Digitalen nicht stattfinden, also erzähle ich sie anders. Digital habe ich andere Komponenten, mit denen ich die Geschichte erzählen kann." 

Die Anforderungen, die der moderne Journalismus stellt, seien nur in Teams zu bewältigen, findet der Digitalchef. Diese setzen sich aus den Vorzeigegesichtern des Verlagshauses und neuen Autorinnen und Autoren zusammen. "Wir bauen auch Kompetenzen auf, die wir bisher nicht hatten", erklärt Knott die Auswahlkriterien. Dazu gehören "SEO-Manager, Datenjournalisten, technische Projektleitung, Bewegtbild - und wir erweitern das Social-Media-Team", so Knott beim kress.de-Besuch.

Die richtige Mischung aus Erfahrung und Kompetenz zu halten, ist dabei ein Balanceakt. Die komplette Hauptstadtredaktion blieb bestehen, erweitert um Digital Natives. Wenig Internationalität bisher, wenig Diversität. Auch dieses Thema hat die Chefredaktion erkannt; daran wird gearbeitet, heißt es in der Alten Jakobstraße.

Der Umbau der Redaktion hat gerade dem Feuilleton der "Berliner Zeitung" einige hochkarätige Köpfe gekostet, nicht alle ließ die Chefetage freiwillig gehen. Dennoch war die Umstrukturierung zwingend, betonen die Verantwortlichen: "Wenn wir das nicht gemacht hätten, hätten wir viel mehr aufs Spiel gesetzt", sagt Arntz. 

Arntz, Jehn und Knott teilen sich ein kleines Büro, das komplett einsehbar ist

Mit der Zusammensetzung ihres Teams sind die Chefredakteure zufrieden. Und nicht nur bei den Personalentscheidungen herrscht überwiegend Einigkeit. "Wir verstehen uns gut", bestätigt Knott. "Natürlich gibt es den einen oder anderen Konflikt. Man hat in so einem Projekt tausende Entscheidungen zu treffen, wenn es da keine Meinungsverschiedenheiten gäbe, wären wir entweder perfekt oder verrückt. Gott sei Dank sind wir beides nicht." Zur Konfliktlösung trägt sicherlich auch bei, dass jeder der drei Vollblut-Journalisten bereits eine Karriere gemacht hat und die anderen nicht mehr übertrumpfen muss. "Das Geheimnis sind außerdem die kurzen Wege", verrät Knott. "Und wahnsinnig viel reden." Das zeigt sich auch im Chefbüro - Arntz, Jehn und Knott teilen sich ein kleines Büro, das komplett einsehbar ist. Häufig sind sie aber direkt in der Produktion anzutreffen, tauschen sich mit den Blattmachern, mit den Autoren aus.

Konkurrenzdenken ist nur außerhalb der Verlagsfamilie erlaubt. Aber Arntz sieht sich gut positioniert im eng besetzten und hart umkämpften Hauptstadtmarkt: "Wir sind von den Mediadaten her die meistgelesene Zeitung der Stadt, können da also selbstbewusst rangehen. Aber ohnehin ist es wichtig für eine Stadt wie Berlin, dass es viele gute Zeitungen gibt."

Und dann ist da ja auch noch das Comeback des Newsletters. "Die Push-Nachricht und die Email sind die direktesten Wege in die Hosen- oder Jackettasche", schmunzelt Thilo Knott. Der Morgennewsletter, den sie planen, soll Leser und Leserinnen nicht nur informieren, sondern auch in Redaktionsprozesse einbinden und so für mehr Transparenz sorgen. Von wegen Fake-News und Lügenpresse! Weitere Großziele für 2017? "Ganz klar", sagt Arntz. "Auflage stabilisieren, Reichweite ausbauen, neue Kanäle eröffnen."

Hintergrund

"Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" gehören zur Kölner DuMont Mediengruppe. "Berliner Zeitung" hat eine verkaufte Auflage von 101.272 Exemplaren (laut IVW, 4/2016), vor zehn Jahren waren es noch 184.491 verkaufte Exemplare. "Berliner Kurier" hat eine verkaufte Auflage von 81.426 Exemplaren (laut IVW, 4/2016), vor zehn Jahren waren es noch 137.138 Exemplare.

Für den Umbau in Berlin hat DuMont einen hohen einstelligen Millionenbetrag in die Hand genommen. Der Verlag sieht den radikalen Bruch als Bekenntnis zum Berliner Standort, der alte Redaktionsausschuss der "Berliner Zeitung" bezeichnete den DuMont-Vorstoß aber als "Kaputtsparen der Redaktion". "Es macht mehr Spaß, für eine Zeitung zu arbeiten, die Geld verdient und nicht verliert", erklärte DuMont-Aufsichtsrat Hans Werner Kilz, langjähriger "Spiegel"- und "Süddeutsche"-Chefredakteur, im kress.de-Gespräch. Der DuMont-Vorstand - Christoph Bauer, Stefan Hütwohl und Otto Christian Lindemann - erwartet, dass Berlin ab 2018 profitabel arbeitet.

Geschäftsführer der Mediengruppe Berliner Verlag sind Michael Braun und Jens Kauerauf; Geschäftsführer der Redaktions-Gesellschaften Berliner Newsroom GmbH und Berlin24 Digital GmbH ist Jörg Mertens.

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